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RFID-Chips - Schluss mit den Warteschlangen

07.12.2010
Frédéric Thiesse ist der neue Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Systementwicklung an der Universität Würzburg. Für seine Forschung an RFID-Chips, die den klassischen Strichcode ablösen könnten, erhielt er im November in London die Stafford-Beer-Medaille.

Es gibt im Leben viele Dinge, die Spaß machen – die Warteschlange im Kaufhaus gehört bestimmt nicht dazu. Sie bedeutet: Stress an der Kasse, Langeweile in der Schlange. Frédéric Thiesse, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Uni Würzburg, weiß da Abhilfe: Mit einer neuen Funktechnik, basierend auf sogenannten RFID-Chips, will er das Bezahlen an der Kasse revolutionieren.

„Die Zeit der Warteschlange an der Kasse könnte schon bald vorbei sein“, erzählt Thiesse. In Zukunft soll der Kunde seinen Einkaufswagen einfach durch ein elektromagnetisches Feld schieben, und schon steht der Preis fest. Die winzigen Funkchips übertragen die Produktdaten automatisch – zeitaufwendiges Strichcode-Ableuchten wird hinfällig.

Für seine Forschung an der RFID-Technik hat Thiesse schon mehrere Preise erhalten. Für seine aktuelle Arbeit wurde er Ende November mit der nach dem bekannten Managementforscher Stafford Beer benannten Medaille ausgezeichnet. Diese wird von der britischen Operational Research Society in London vergeben.

Thiesse erhält die Medaille für einen Artikel über seine Forschung im renommierten „European Journal of Information Systems“.

Umfangreiche Tests in einer Kaufhof-Filiale

Umfangreiche Tests mit RFID konnte Thiesse zuvor in einer Kaufhof-Filiale in Essen durchführen. Über 100.000 Kleidungsstücke, von der Jeans bis zur Krawatte, wurden dort mit RFID-Etiketten ver-sehen. Dann ging das Chip-Experiment los: Jeder einzelne Artikel wurde via Funkübertragung verfolgt, vom Warenausgang im Lager bis zur Bezahlung an der Kasse.

„Unternehmen hatten bisher keine verlässliche Möglichkeit, ihre Warenflüsse vollautomatisch nachzuverfolgen“, so Thiesse. „Das macht es schwierig, verlässlich zu planen.“ Nachdem ein Produkt das Lager verlassen hat, weiß bisher niemand, wo und wie lange es dauert, bis es verkauft ist. Die zahlreichen Warenbewegungen in der Filiale, zum Beispiel durch Lagerung oder Anproben, bleiben im Verborgenen.

„Durch die Chiptechnik bekommen wir endlich Einblick in die ‚Black Box‘ betrieblicher Abläufe“, erklärt Thiesse. „Bisher konnten wir zwar erkennen, dass sich etwa die Hose vom Typ A schlecht verkauft. Mit Hilfe der RFID-Technik aber wissen wir: Von ursprünglich 15 Hosen dieses Typs liegen noch exakt 13 Exemplare im Lager statt auf der Verkaufsfläche – und das nach mehreren Monaten! Folge: Es kommt zu sogenannten „Out-of-shelfs“. Das heißt, das Produkt taucht zwar in der Warenwirtschaft auf, ist aber faktisch nicht für den Kunden im Regal verfügbar“. Die Technik sorgt also für mehr Transparenz innerhalb einer Lieferkette.

Die einfache Erfassung hat einerseits ganz nahe liegende Vorteile: „Inventuren laufen mit dem RFID-System circa achtmal schneller und sind somit auch günstiger“, resümiert Thiesse. Andererseits liefert RFID eine vollkommen neue Datenquelle für das Handelsmanagement. Am Ende des Essener „Kaufhof-Experiments“ hatten die Wissenschaftler mehr als 13 Millionen Datensätze gesammelt, die nach den unterschiedlichsten Kriterien ausgewertet werden können – ein wahrer Schatz an Informationen.

Mehr Wissen über das eigene Angebot

Die Stafford-Beer-Medaille bekommt der Würzburger Wirtschaftsprofessor also nicht nur, weil er Warteschlangen verkürzt – seine Arbeit hilft den Unternehmen auch, sich selbst zu erforschen. Ein Kaufhaus, das mehr über sich weiß, kann sein Angebot optimieren. Beliebte Ware ist nachgeliefert, bevor sie ausgeht, unbeliebte Ware wird früher als solche erkannt und kommt nicht mehr ins Lager.

Die Enttäuschung des Kunden, der das gewünschte Produkt nicht mehr in seiner Größe vorfindet – sie könnte bald der Vergangenheit angehören.

Kann man sich den Barcode also schon als Museumsstück vorstellen? Eher nicht, glaubt Thiesse: „Für höherpreisige Produkte mit hoher Variantenvielfalt rechnet sich RFID schon heute. Den Joghurtbecher mit integriertem Chip werden wir aber so schnell nicht im Kühlregal finden. Dort wird der Barcode weiterhin gängig bleiben.“ Andere Branchen wie die Automobilindustrie denken aber längst an eine Umstellung, etwa im Ersatzteilgeschäft. In der Textilindustrie soll die Technik bereits in wenigen Jahren zum allgemeinen Standard gehören. Zahlreiche Unternehmen weltweit nutzen die Chips bereits seit Jahren erfolgreich in der Logistik.

Mit RFID-Chips arbeitet Thiesse mittlerweile seit zehn Jahren. „Anfang des Jahrtausends gab es einen regelrechten RFID-Hype“, erzählt er. Auch er kam damals in Berührung mit der noch neuen Technik. Nach ersten Erfahrungen als Leiter der Software- und Methodenentwicklung eines Schweizer Startup-Unternehmens forschte Thiesse an der Universität St. Gallen an den Chips. Seit Februar 2010 ist er nun Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Systementwicklung an der Universität Würzburg.

Das Thema RFID beschäftigt ihn dabei weiterhin: „In Zukunft werden weniger die elektrotechnischen Grundlagen, sondern eher die Möglichkeiten der Datenauswertung, das sogenannte ‚Data Mining‘, im Mittelpunkt stehen“, so der Professor über die Aussichten seiner europaweit einzigartigen Forschung. Die Warteschlangen dieser Welt, sie werden Herrn Thiesse dafür danken.

Kontakt: Professor Frédéric Thiesse,
T: (0931) 31-80789,
E-Mail: frederic.thiesse(at)uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

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