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Konjunkturprognose: Deutsche Wirtschaft nähert sich der Hochkonjunktur

07.09.2017

Die deutsche Wirtschaft steigert ihre Leistung schneller, als ihr guttut. Die Zuwachsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) dürfte laut aktueller Konjunkturprognose des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) 2 Prozent in diesem Jahr, 2,2 Prozent im nächsten Jahr und 2,1 Prozent im Jahr 2019 betragen. Damit nimmt die Überauslastung zu, was eine schmerzhafte spätere Korrektur wahrscheinlicher werden lässt. Die stark anziehende Konjunktur im Euroraum spricht für eine Abkehr der EZB von der Niedrigzinspolitik.

Die konjunkturelle Dynamik der deutschen Wirtschaft nimmt zu und mit ihr die Gefahr einer deutlichen Überhitzung mit entsprechendem Rückschlagpotenzial. Die Kapazitätsauslastung liegt bereits merklich über dem Normalniveau, und die Zunahme der deutschen Wirtschaftsleistung weicht von einem nachhaltigen Wachstumspfad immer mehr nach oben ab. Dies geht aus dem heute veröffentlichen Konjunkturbericht (https://www.ifw-kiel.de/wirtschaftspolitik/prognosezentrum/konjunkt) des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) bis 2019 hervor, in dem die Forscher auf Aufwärtsrevisionen in der amtlichen Statistik reagieren. Insgesamt behalten sie ihr bisheriges Konjunkturbild aber bei.


Sie erhöhen ihre Prognose für die Zuwachsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 0,3 Prozent-punkte auf 2 Prozent für das Jahr 2017 und um 0,2 Prozentpunkte auf 2,2 Prozent für das Jahr 2018. „Arbeitstäglich bereinigt dürfte dies das Hochplateau des Expansionstempos in einem ungewöhnlich langgestreckten Aufschwung markieren, der im Prognosezeitraum in die Hochkonjunktur mündet“, sagte Stefan Kooths, Leiter des IfW-Prognosezentrums.

„Eine Hochkonjunktur fühlt sich gut an, sie ist aber gesamtwirtschaftlich schädlich. Die Übertreibungen im Boom verführen die privaten Akteure zu Fehlentscheidungen, meist flankiert von einer allzu leichtfertigen Wirtschaftspolitik. Geschäftsmodelle, die nur im Boom funktionieren, müssen früher oder später wieder kassiert werden. Ähnlich ist es mit staatlichen Leistungen, denen die nachhaltige Finanzierung fehlt. Insgesamt werden so knappe Mittel fehlgelenkt und der Strukturwandel gehemmt.“

Für 2019 erwarten die Forscher einen BIP-Zuwachs von 2,1 Prozent. „Das Gesamtbild der deutschen Wirtschaft ist ziemlich genau so, wie von uns bereits Ende 2016 erwartet, als sich das Über-schreiten der Normalauslastung ankündigte“, sagte Kooths. „Eine etwas schwächere Dynamik bei den Konsumausgaben wird überkompensiert durch das lebhaftere Auslandsgeschäft und wieder stärker anziehende Investitionen.“

So dürften sich die Unternehmensinvestitionen im Prognosezeitraum aufgrund der sehr günstigen Absatz- und Ertragsaussichten beschleunigen und nunmehr auch die Ausrüstungsinvestitionen das Vorkrisenniveau übersteigen, zumal die aus dem unsicheren internationalen Umfeld resultierenden belastenden Faktoren offenbar allmählich abklingen. Zudem werden Bauinvestitionen angesichts der sehr anregenden Rahmenbedingungen, darunter nicht zuletzt die äußerst günstigen Finanzierungsbedingungen, weiter mit hohen Raten steigen.

Finanzpolitischer Spielraum gering

Die anhaltend günstige Lage am Arbeitsmarkt lässt die Arbeitslosenquote von derzeit 5,7 Prozent auf rund 5 Prozent gegen Ende 2019 sinken. Das geleistete Arbeitsvolumen dürfte dann ein gesamtdeutsches Allzeithoch erreichen. Die effektiven Stundenlöhne ziehen im langjährigen Vergleich weiterhin überdurchschnittlich an und ermöglichen den Beschäftigten merkliche Reallohnzugewinne. Vor diesem Hintergrund dürften die privaten Konsumausgaben in den kommenden Jahren um jährlich 1,75 Prozent zunehmen.

Die Phase sehr niedriger Preissteigerungen der letzten drei Jahre ist vorbei. Für den Prognosezeit-raum zeichnet sich eine jährliche Inflationsrate ab, die nahe bei 2 Prozent liegt. Der gesamtwirtschaftliche Budgetüberschuss dürfte weiter steigen. „Daraus große Spielräume für Ausgabensteigerungen und Steuersenkungen abzuleiten, wäre falsch. Mit einer vorausschauenden Finanzpolitik sind die Spielräume eng begrenzt, da die Überschüsse temporären Phänomenen wie der hohen konjunkturellen Dynamik sowie der niedrigen Zinsen geschuldet sind“, sagte Kooths (siehe dazu auch Kasten 2: „Zu den finanzpolitischen Plänen der Parteien zur Bundestagswahl“) (https://www.ifw-kiel.de/wirtschaftspolitik/prognosezentrum/konjunkt/ifw-box/2017...).

Konjunktur im Euroraum erholt, EZB muss Geldpolitik jetzt straffen

Im Euroraum zeichnet sich eine nachhaltige konjunkturelle Erholung ab. Die Konjunkturforscher des IfW erwarten für das laufende Jahr eine Zunahme des BIP um 2,2 Prozent und in den kommenden beiden Jahren um 2,1 und 1,9 Prozent. „Politische Risiken im Prognosezeitraum erscheinen vor dem Hintergrund der Wahlerfolge gemäßigter Kandidaten in der Vergangenheit, der dynamischen Konjunktur und weiter sinkender Arbeitslosigkeit inzwischen weniger bedrohlich. Gleichwohl bergen beispielsweise die bevorstehenden EU-Austrittsverhandlungen mit dem Vereinigten Königreich und die italienischen Parlamentswahlen im Frühjahr 2018 das Potenzial, die europäische Konjunktur auszubremsen“, sagte Kooths.

Einstweilen sehen die Experten die Auftriebskräfte aber intakt – viele Frühindikatoren lassen eine Fortsetzung der kräftigeren Expansion erwarten, die Konjunktur wird weiterhin durch niedrige Zinsen unterstützt, und die Finanzpolitik ist im Prognosezeitraum wohl leicht expansiv ausgerichtet. Inzwischen liegt auch der allgemeine Preisauftrieb wieder deutlich oberhalb von einem Prozent.

„Die Europäische Zentralbank hat keinen Grund mehr, noch länger an ihrer ultralockeren Geldpoli-tik festzuhalten. Sie steht angesichts der konjunkturellen Fakten in der Pflicht, die geldpolitischen Zügel wieder anzuziehen. Hierzu muss sie die Zügel überhaupt erstmal wieder in die Hand nehmen und den Märkten ein klares Ausstiegsszenario kommunizieren. Das mag schwierig genug sein, aber es wird nicht einfacher, indem man immer mehr Liquidität in die Märkte pumpt. Zu einer Gesundung des Euroraums gehört in erster Linie, dass die wirtschaftlichen Akteure wieder mit marktbestimmten Zinsen kalkulieren können“, sagte Kooths.

Weltwirtschaft im Aufschwung

Nach einem etwas verhaltenen Start in das Jahr hat die Weltproduktion im zweiten Quartal 2017 wieder angezogen. Die Konjunktur ist seit längerer Zeit zum ersten Mal in nahezu allen großen Wirtschaftsräumen gleichzeitig aufwärtsgerichtet. Nach nur 3,1 Prozent im vergangenen Jahr erwarten die IfW-Forscher eine Zuwachsrate der Weltproduktion, gerechnet auf Basis von Kaufkraftparitäten, von 3,7 Prozent (2017) und 3,8 Prozent (2018).

„Allerdings hat die asynchrone Entwicklung der Weltkonjunktur in den vergangenen Jahren nicht nur das Tempo der weltwirtschaftlichen Expansion gedämpft, sondern auch dazu geführt, dass sich die großen Länder derzeit in sehr unterschiedlichen Phasen des Konjunkturzyklus befinden. Von daher wird es wohl nicht zu einem anhaltenden kräftigen weltwirtschaftlichen Aufschwung kommen, wie er sich etwa vor der globalen Finanzkrise entwickelte“, sagte Kooths.

Für 2019 erwarten die Forscher eine Verlangsamung der weltwirtschaftlichen Expansion auf 3,6 Prozent. „Wirtschaftspolitische Risiken, die mit dem Regierungswechsel in den Vereinigten Staaten verbunden wurden, sind angesichts der erkennbaren Probleme bei der Umsetzung von Wahlver-sprechen in den Hintergrund getreten. Risiken für die Prognose resultieren derzeit vor allem aus den politischen Unwägbarkeiten und möglichen Problemen im Zusammenhang mit der anstehen-den Normalisierung der Geldpolitik“, sagte Kooths.

Zum vollständigen Konjunkturbericht
(https://www.ifw-kiel.de/wirtschaftspolitik/prognosezentrum/konjunkt)

Fachlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Stefan Kooths
Leiter Prognosezentrum IfW
T +49 431 8814-579 (Büro Kiel)
T +49 30 2067-9664 (Büro Berlin)
stefan.kooths@ifw-kiel.de

Medienansprechpartner:
Mathias Rauck
T +49 431 8814-411
mathias.rauck@ifw-kiel.de

Institut für Weltwirtschaft
Kiel Institute for the World Economy
Kiellinie 66 | 24105 Kiel, Germany

www.ifw-kiel.de


Mathias Rauck | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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