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Gedämpfte Konjunktur bei hohen Risiken

12.09.2012
Die deutsche Konjunktur hat sich in den Sommermonaten deutlich eingetrübt. Das RWI prognostiziert daher einen Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,8% für 2012, nachdem es im Juni noch von 1,1% ausgegangen war.
Verschlechtert hat sich insbesondere das außenwirtschaftliche Umfeld. Für 2013 rechnet das RWI mit einem BIP-Wachstum um nur noch 1,0%. Damit dürfte die Arbeitslosigkeit nicht weiter sinken.

Die internationale Konjunktur hat sich in der ersten Jahreshälfte 2012 abgekühlt. Belastend wirkt mehr und mehr die Staatsschuldenkrise im Euro-Raum. Für dieses und nächstes Jahr erwartet das RWI eine nur verhaltene Expansion der Weltwirtschaft,[...]

Die deutsche Konjunktur hat sich in der ersten Hälfte des Jahres 2012 belebt. Die Impulse gingen von den Exporten aus, die durch eine verbesserte preisliche Wettbewerbsfähigkeit stimuliert wurden. Die inländische Verwendung war hingegen leicht rückläufig, weshalb auch die Importe nur verhalten zunahmen. Zwar wurden die privaten und die staatlichen Konsumausgaben ausgeweitet, gleichzeitig gingen jedoch Ausrüstungs- und Bauinvestitionen zurück. In den Sommermonaten hat sich die Konjunktur eingetrübt. Auftragseingänge und Produktion in der Industrie blieben in der Tendenz leicht rückläufig, insbesondere aber hat sich das außenwirtschaftliche Umfeld eingetrübt und die die Erwartungen der Unternehmen spürbar haben sich verschlechtert.

Vor diesem Hintergrund senkt das RWI seine BIP-Prognose für dieses Jahr auf 0,8%, nachdem es im Juni noch von 1,1% ausgegangen war. Dämpfend dürfte im weiteren Jahresverlauf vor allem das ungünstigere außenwirtschaftliche Umfeld wirken. Es wird voraussichtlich auf die Investitionen der Unternehmen durchschlagen, die weiter sinken dürften. Für das nächste Jahr erwartet das RWI eine BIP-Zunahme um 1,0%, nachdem es im Juni 2,0% prognostiziert hatte. Die privaten Konsumausgaben werden im Jahresverlauf wohl an Tempo verlieren. Die Unternehmensinvestitionen hingegen werden sich voraussichtlich etwas beleben, da sich die Absatzerwartungen aufhellen und die Modernisierung des Maschinenparks dringlicher werden dürfte. Auch die Wohnungsbauinvestitionen dürften weiterhin kräftig zunehmen. Die Exporte werden hingegen trotz verhaltener Zunahme voraussichtlich keinen Beitrag zum BIP-Wachstum leisten.

Beschäftigungsaufbau geht langsamer voran, Inflationsrate ändert sich kaum

Da die Produktion nur schwach ausgeweitet wird, dürfte sich der Beschäftigungsaufbau verlangsamen. Daher wird die Zahl der Erwerbstätigen im Verlauf des kommenden Jahres wohl nur noch um 90 000 zunehmen, nach 275 000 in diesem Jahr. Für beide Jahre prognostizieren wir eine Arbeitslosenquote von 6,8%. Der Preisanstieg dürfte sich nicht nennenswert verlangsamen; zum einen, weil sich die Produktionskosten durch steigende Lohnkosten weiter erhöhen dürften, zum anderen, weil sich aufgrund der Vorgaben durch die Wirtschaftspolitik die Energiekosten wohl erhöhen werden. Wir erwarten für beide Jahre eine Inflationsrate von jeweils 2%.

Das Budgetdefizit des Staates dürfte in diesem Jahr deutlich sinken. Da die Struktur der wirtschaftlichen Expansion zu steigenden Steuereinnahmen führt, dürfte nach einem Haushaltsfehlbetrag von 20 Mrd. € im Vorjahr in diesem und im kommenden Jahr ein annähernd ausgeglichener Haushalt erreicht werden.

Krise im Euro-Raum birgt nach wie vor hohe Risiken für die Konjunktur

Die Risiken für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung sind beträchtlich, insbesondere weil die Krise im Euro-Raum nach wie vor ungelöst ist. Vordringliches Ziel ist es derzeit, die Abwärtsspirale aus sich verschlechternden Staatsfinanzen, wachsenden Solvenzproblemen im Bankensektor und sich verschlechternden Finanzierungsbedingungen für Unternehmen zu durchbrechen. Dass Mittel des EFSF nun vermehrt für die Bankenrestrukturierung eingesetzt werden sollen, könnte ein wichtiger Schritt in diese Richtung sein.
Zugleich muss Zeit gewonnen werden, damit sich die positiven Wirkungen der Konsolidierung der Staatshaushalte und der Strukturreformen entfalten können. Dieses soll wohl das „Outright Monetary Transaction-Programm“ der EZB bewirken, mit dem diese in unbegrenztem Umfang Staatsanleihen von Ländern aufkauft, die sich in einem EFSF- oder ESM-Programm befinden. Dieses Programm ist ordnungspolitisch bedenklich und mit erheblichen Risiken verbunden, insbesondere für die Preisstabilität auf mittlere Sicht. Allerdings bieten sich angesichts der Schwerfälligkeit, mit der die europäische und nationale Wirtschaftspolitik anscheinend nur auf die sich rasch wandelnden Probleme reagieren kann, derzeit keine Alternativen an. Die Kosten eines Auseinanderfallens des Euro-Raums, das bei einer Untätigkeit der Politik droht, wären unabsehbar hoch.

Euro-Staatsschuldenkrise belastet zunehmend auch die Weltwirtschaft

Die internationale Konjunktur hat sich in der ersten Jahreshälfte 2012 abgekühlt. In den USA und den asiatischen Schwellenländern hat der Aufschwung zuletzt an Tempo verloren. In Lateinamerika blieb der Zuwachs verhalten. Im Euro-Raum setzte sich erwartungsgemäß der Rückgang der Produktion fort. Die Staatsschuldenkrise und mit ihr einhergehend die Rezession in Euro-Raum belasten die Weltwirtschaft zunehmend.

Für dieses und nächstes Jahr ist eine weiterhin nur verhaltene Expansion zu erwarten. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften dürfte die Finanzpolitik restriktiv ausgerichtet bleiben. Die Geldpolitik wird voraussichtlich trotz Expansionskurs nicht ihre gewohnten Wirkungen entfalten, da der monetäre Transmissionsprozess weiterhin gestört ist. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Regierungen und die Europäische Zentralbank (EZB) erste Schritte in Richtung auf eine Lösung der Staatsschuldenkrise unternehmen und so eine Verschärfung vermeiden. Eine nachhaltige Verbesserung wird jedoch noch nicht eintreten; der Euro-Raum dürfte für’s erste in der Rezession verharren. Im kommenden Jahr dürften allerdings der Restriktionsgrad der Finanzpolitik geringer werden und erste Strukturreformen greifen. In den USA wird die Expansion voraussichtlich gedämpft bleiben, weil zum Jahresende viele Maßnahmen zur Konjunkturstimulierung auslaufen. In allen Ländern dürften die wieder gestiegenen Weltmarktpreise für Rohöl und Nahrungsmittel die Kaufkraft der Konsumenten schmälern. Alles in allem dürfte das BIP der fortgeschrittenen Volkswirtschaften um 1,2% in diesem und 1,4% im kommenden Jahr zunehmen.

Expansion in den Schwellenländern beschleunigt sich nur langsam

Angesichts der nur zögerlichen Expansion in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften dürfte der Gegenwind für die Konjunktur in den Schwellenländern nur allmählich nachlassen. Zudem belasten einige große Volkswirtschaften hausgemachte Probleme. Da die Staatshaushalte aber oft in einer recht guten Verfassung sind, haben einige Länder auf die nachlassende Konjunktur bereits mit stimulierenden Maßnahmen reagiert. Zudem haben die Notenbanken häufig bereits die Leitzinsen gesenkt. Wir prognostizieren daher, dass sich die Expansion in den Schwellenländern von 5,1% in diesem auf 5,8% im kommenden Jahr verstärkt. Die weltwirtschaftliche Produktion (in Kaufkraftparitäten gerechnet) dürfte lediglich um 3,2% bzw. 3,6% zunehmen, was deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt liegt. Daher dürfte auch der Welthandel nur verhalten expandieren, um 2,4% bzw. um 3,8%.

(veröffentlicht in „RWI Konjunkturberichte“, Heft 2/2012)

Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Roland Döhrn, Tel.: (0201) 81 49-262
Dr. Torsten Schmidt, Tel.: (0201) 81 49-287
Sabine Weiler (Pressestelle), Tel.: (0201) 81 49-213

Joachim Schmidt | idw
Weitere Informationen:
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