Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie erreicht man die Schwächsten der Gesellschaft? Krankenversicherung in den USA mit Zukunftscharakter für uns

11.05.2006


Millionen Kinder und Erwachsene nicht oder nicht ausreichend krankenversichert, in einem der reichsten Länder der Welt: meist müssen die USA nur als abschreckendes Beispiel herhalten, doch lohnt sich ein genauerer Blick. Denn auch dort wird heftig um eine Verbesserung des Systems gerungen, und oft beschäftigen sich die besten Köpfe damit. In einer aktuellen Studie kooperierte der Nobelpreisträger und Ökonom Professor Dr. Daniel McFadden von der University of California, Berkeley, auch mit zwei LMU-Forschern: Professor Joachim Winter und Dr. Florian Heiss am Department für Volkswirtschaftslehre der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München haben dabei gemeinsam mit McFadden und weiteren amerikanischen Kollegen ein neues Programm innerhalb der amerikanischen Sozialversicherung untersucht, das die Gesundheitsversorgung der Schwächsten der Gesellschaft verbessern soll. Anhand einer Befragung von Versicherungsberechtigten und Analysen des Programms kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass dieser so genannte "Plan D" grundsätzlich zu befürworten ist, wie in der aktuellen Ausgabe der "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) berichtet wird. Äußerst problematisch aber sei, dass viele Personen mit geringem Einkommen, sehr schlechter Gesundheit oder eingeschränkten geistigen Fähigkeiten von den komplexen Wahlmöglichkeiten des "Plan D" überfordert seien. Sie könnten sich deshalb gegen eine Teilnahme entscheiden, obwohl gerade sie davon profitieren würden. "Eine ähnliche Situation wird wahrscheinlich auch in Deutschland entstehen", so Winter. "Es ist absehbar, dass auch hierzulande mehr und mehr Leistungen aus der gesetzlichen Krankenversicherung ausgegliedert und privat versichert werden müssen."



Personen über 65 und solche mit bestimmten schweren Erkrankungen oder Behinderungen sind in den USA über das Krankenversicherungsprogramm "Medicare" versichert, welches bislang aber keine Medikamente abdeckte. Ihnen steht seit Jahresbeginn auch der "Plan D" für verschreibungspflichtige Medikamente offen. Die Forscher kommen in der Studie zu dem Schluss, dass auch tatsächlich fast alle älteren Versicherten angesichts der günstigen Bedingungen von dem neuen Programm profitieren werden, selbst wenn sie momentan keine verschreibungspflichtigen Medikamente nutzen. Die Teilnahme ist aber nicht verpflichtend. Jeder Berechtigte muss sich selbst aktiv für einen der im Rahmen des Programms von privaten Versicherern angeboten Versicherungspläne entscheiden. Diese Verträge müssen zwar bestimmte Mindeststandards erfüllen, sie unterscheiden sich jedoch in zahlreichen Leistungsbestandteilen und auch den Prämien. Die Entscheidungssituation ist für den Einzelnen damit sehr komplex. Noch bis zum 15. Mai läuft die Frist, um sich zwischen den "Plan D"-Angeboten privater Versicherer zu entscheiden. Dann aber wird es teurer: Jeder weitere Monat, den der Versicherte mit der Einschreibung wartet, erhöht den künftig zu bezahlenden Versicherungsbeitrag. Dazu kommt die Gefahr, dass Medikamente für schwere - und damit außerordentlich teuere - Erkrankungen nicht abgedeckt sind, wenn der Einschreibungstermin verpasst wird.

... mehr zu:
»Krankenversicherung


Für ihre Studie befragten die Forscher im November 2005 eine Stichprobe von rund 2000 "Medicare"-Versicherten, also kurz bevor "Plan D" zur Einschreibung offen stand. Der älteste Befragte war 97 Jahre alt. Erhoben wurden Angaben zu bestehenden Erkrankungen, zur Nutzung verschreibungspflichtiger Medikamente und zu ihren Absichten in Bezug auf eine Teilnahme an dem neuen "Plan D"-Programm. Bereits in vorangegangenen Arbeiten hatte McFadden gezeigt, dass Menschen oft nicht realistisch bewerten, wie viel Geld sie für die Zeit der Rente benötigen und oft durch Wahlmöglichkeiten überfordert sind. Deshalb werden in vielen Fällen Entscheidungen getroffen, die dem eigenen Interesse zuwiderlaufen. Für seine Forschung zu neuen Theorien und Analysemethoden der Konsumentenwahl wurde McFadden im Jahr 2000 mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet. Auch die jetzt vorliegende Studie bestätigt, dass Individuen die aktuelle Lage bei Entscheidungen mit langfristigen Konsequenzen oft überbewerten: Versicherte mit aktuell geringen Kosten für verschreibungspflichtige Medikamente tendieren eher dazu, nicht "Plan D" beizutreten - ohne eine mögliche Verschlechterung ihrer gesundheitlichen Situation zu berücksichtigen.

Viele ältere Versicherte dürften zudem durch die komplexen Wahlmöglichkeiten so verunsichert werden, dass sie die Frist des 15. Mais verpassen werden, vermuten die Forscher. Diese Problematik sollte auch in Deutschland von Politikern und Gesundheitsökonomen berücksichtigt werden. Die Wahlmöglichkeiten und damit die intellektuelle Herausforderung für den Einzelnen werden zunehmen, wenn Leistungen von privaten Anbietern übernommen werden, die bislang von der gesetzlichen Krankenversicherung abgedeckt werden. "Die Entscheidungsprobleme, die nun in den USA untersucht wurden, werden damit in ähnlicher Form auch vielen Deutschen betreffen", so Winter. "Wir werden deshalb in einem neuen Forschungsprojekt die Übertragbarkeit der in den USA gewonnen Ergebnisse und der dort verwendeten empirischen Methoden auf Deutschland untersuchen." (suwe)

Ansprechpartner:
Professor Dr. Joachim Winter
Institut Volkswirtschaftslehre der LMU
Tel.: 089-2180-2459
Fax: 089-2180-3954
E-Mail: joachim.winter@lrz.uni-muenchen.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

Weitere Berichte zu: Krankenversicherung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Neue Werte des Frühwarninstruments - IMK-Konjunkturindikator: Rezessionswahrscheinlichkeit spürbar rückläufig
15.11.2019 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index: Trotz neuem Höchstwert in der Grundtendenz eher seitwärtsgerichtet
31.10.2019 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das 136 Millionen Atom-Modell: Wissenschaftler simulieren Photosynthese

Die Umwandlung von Sonnenlicht in chemische Energie ist für das Leben unerlässlich. In einer der größten Simulationen eines Biosystems weltweit haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diesen komplexen Prozess an einem Bestandteil eines Bakteriums nachgeahmt – am Computer, Atom um Atom. Die Arbeit, die jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „Cell“ veröffentlicht wurde, ist ein wichtiger Schritt zum besseren Verständnis der Photosynthese in einigen biologischen Strukturen. An der internationalen Forschungskooperation unter Leitung der University of Illinois war auch ein Team der Jacobs University Bremen beteiligt.

Das Projekt geht zurück auf eine Initiative des inzwischen verstorbenen, deutsch-US-amerikanischen Physikprofessors Klaus Schulten von der University of...

Im Focus: Developing a digital twin

University of Texas and MIT researchers create virtual UAVs that can predict vehicle health, enable autonomous decision-making

In the not too distant future, we can expect to see our skies filled with unmanned aerial vehicles (UAVs) delivering packages, maybe even people, from location...

Im Focus: Freiformflächen bis zu 80 Prozent schneller schlichten: Neue Werkzeuge und Algorithmen für die Fräsbearbeitung

Beim Schlichtfräsen komplexer Freiformflächen können Kreissegment- oder Tonnenfräswerkzeuge jetzt ihre Vorteile gegenüber herkömmlichen Werkzeugen mit Kugelkopf besser ausspielen: Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen entwickelte im Forschungsprojekt »FlexiMILL« gemeinsam mit vier Industriepartnern passende flexible Bearbeitungsstrategien und implementierte diese in eine CAM-Software. Auf diese Weise lassen sich große frei geformte Oberflächen nun bis zu 80 Prozent schneller bearbeiten.

Ziel im Projekt »FlexiMILL« war es, für die Bearbeitung mit Tonnenfräswerkzeugen nicht nur neue, verbesserte Werkzeuggeometrien zu entwickeln, sondern auch...

Im Focus: Bis zu 30 Prozent mehr Kapazität für Lithium-Ionen-Akkus

Durch Untersuchungen struktureller Veränderungen während der Synthese von Kathodenmaterialen für zukünftige Hochenergie-Lithium-Ionen-Akkus haben Forscherinnen und Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und kooperierender Einrichtungen neue und wesentliche Erkenntnisse über Degradationsmechanismen gewonnen. Diese könnten zur Entwicklung von Akkus mit deutlich erhöhter Kapazität beitragen, die etwa bei Elektrofahrzeugen eine größere Reichweite möglich machen. Über die Ergebnisse berichtet das Team in der Zeitschrift Nature Communications. (DOI 10.1038/s41467-019-13240-z)

Ein Durchbruch der Elektromobilität wird bislang unter anderem durch ungenügende Reichweiten der Fahrzeuge behindert. Helfen könnten Lithium-Ionen-Akkus mit...

Im Focus: Neue Klimadaten dank kompaktem Alexandritlaser

Höhere Atmosphärenschichten werden für Klimaforscher immer interessanter. Bereiche oberhalb von 40 km sind allerdings nur mit Höhenforschungsraketen direkt zugänglich. Ein LIDAR-System (Light Detection and Ranging) mit einem diodengepumpten Alexandritlaser schafft jetzt neue Möglichkeiten. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Atmosphärenphysik (IAP) und des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT entwickeln ein System, das leicht zu transportieren ist und autark arbeitet. Damit kann in Zukunft ein LIDAR-Netzwerk kontinuierlich und weiträumig Daten aus der Atmosphäre liefern.

Der Klimawandel ist in diesen Tagen ein heißes Thema. Eine wichtige wissenschaftliche Grundlage zum Verständnis der Phänomene sind valide Modelle zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

QURATOR 2020 – weltweit erste Konferenz für Kuratierungstechnologien

04.12.2019 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Arbeit

03.12.2019 | Veranstaltungen

Intelligente Transportbehälter als Basis für neue Services der Intralogistik

03.12.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

RNA-Modifikation - Umbau unter Druck

06.12.2019 | Biowissenschaften Chemie

Der Versteppung vorbeugen

06.12.2019 | Geowissenschaften

Verstopfung in Abwehrzellen löst Entzündung aus

06.12.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics