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Im angeblichen Freizeitparadies Deutschland wird 1756 Stunden im Jahr gearbeitet

12.09.2005


Jahresarbeitszeiten im europäischen Mittelfeld - Institut Arbeit und Technik untersuchte internationale Jahresarbeitszeitstatistiken



Die Deutschen arbeiten länger als angenommen: Im angeblichen "Freizeitparadies" Deutschland arbeiten die Vollzeit-Beschäftigten im Durchschnitt 1756 Stunden im Jahr - 99 Stunden über Tarif - und liegen damit im Mittelfeld der alten Europäischen Union. Das zeigen Untersuchungen des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen), für die auf der Basis der in allen EU-Ländern durchgeführten Europäischen Arbeitskräftestichprobe die gewöhnlich gearbeiteten Wochen- und Jahresarbeitszeiten für Vollzeitbeschäftigte berechnet wurden. "Angesichts dieser Zahlen sind Arbeitszeitverlängerungen kein sinnvolles Rezept, sondern eine Kriegsansage an die nachwachsende Generation", so IAT-Vizepräsident Prof. Dr. Gerhard Bosch.

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Kürzere Jahresarbeitszeiten als in Deutschland gibt es in den Niederlanden (1712), den skandinavischen Ländern, Italien und Frankreich, an längsten müssen die Briten (1937) arbeiten. Die neuen osteuropäischen Länder haben längere Jahresarbeitszeiten, haben sich aber aufgrund starker Verkürzungen ihrer Arbeitszeiten in den letzten Jahren dem westeuropäischen Niveau angenähert.

Die angesichts der deutschen Debatte über kurze Arbeitszeiten überraschend hohe Durchschnittszahl für die gewöhnlich gearbeiteten Jahresarbeitszeiten von Vollzeitbeschäftigten lässt sich u.a. dadurch erklären, dass die in den Betrieben vereinbarte Arbeitszeit pro Woche mittlerweile rund eine Stunde über der durchschnittlichen tariflichen Wochenarbeitszeit liegt. Die tatsächliche Arbeitszeit hat sich seit Mitte der 90er Jahre von den vereinbarten Arbeitszeiten abgekoppelt und ist gestiegen. "Dies liegt an einem hohen Niveau von bezahlten, zunehmend aber auch unbezahlten Überstunden, an nicht genommenem Urlaub, sinkendem Krankenstand und auf Arbeitszeitkonten angesparten Zeitguthaben" stellte der IAT-Wissenschaftler Dr. Sebastian Schief fest.

"Im Kontext der demografischen Entwicklung macht die Forderung nach Arbeitszeitverlängerung keinen Sinn", kritisieren die IAT-Forscher. Bis über 2015 hinaus kommt eine steigende Anzahl Jugendlicher in den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig sollen mit Beendigung der Vorruhestandspolitik und Erhöhung des Renteneintrittsalters bis 2010 rund 800 000 55- bis64-Jährige mehr als heute beschäftigt werden. "Diesen Spagat einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit und einer Integration der nachwachsenden Generation, die später die Renten finanzieren soll, kann man nicht bewältigen, wenn zusätzlich noch die Wochenarbeitszeiten ausgedehnt werden", so Prof. Bosch. "Dies kann man nur als eine Kampfansage an die nachwachsende Generation bezeichnen!"

Die Dauer der Arbeitszeit ist zudem kein hinreichender Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Die Kosten eines Produkts hängen nicht nur von der Arbeitszeit, sondern auch von den Lohnsätzen und der Stundenproduktivität ab. Die Reallöhne sind in Deutschland im letzten Jahrzehnt im Unterschied zu den meisten anderen Industrieländern gesunken. Durch die gewerkschaftliche Politik der Lohnzurückhaltung hat sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erheblich verbessert, so dass Deutschland im internationalen Vergleich kein Lohnproblem hat.

In Ländern mit kürzeren Arbeitszeiten, darunter auch Deutschland, liegt zudem aufgrund einer effizienteren Arbeitsorganisation, längeren Maschinenlaufzeiten und höherer Stundenleistung die Stundenproduktivität höher als in Ländern mit längeren Arbeitszeiten. In einer von der Öffentlichkeit kaum beachteten "stillen Revolution" sind die Arbeitszeiten in Deutschland flexibler als in den meisten anderen europäischen Ländern geworden. Die Arbeitszeiten schwanken heute mit den Auftragsschwankungen und den Kundenströmen und durch neue Schichtsysteme konnten die Maschinenlaufzeiten verlängert werden. "Nicht die Verlängerung sondern die Flexibilisierung der Arbeitszeiten ist heute das Gebot der Stunde".

Claudia Braczko | idw
Weitere Informationen:
http://www.iatge.de

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