Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit 55 Jahren arbeitslos - mit 70 Jahren in Rente?

11.10.2000


Institut Arbeit und Technik startet neues Projekt zu Altersarbeit und Altersarbeitslosigkeit

In keinem anderen Land der Europäischen Union (mit Ausnahme von Finnland) ist die Arbeitslosenquote der Älteren ab 55 Jahre so hoch wie in Deutschland. Und das, obwohl andererseits die Beschäftigungsquote dieser Altersgruppe bei uns sogar etwas über dem EU-Durchschnitt liegt. Während die nicht beschäftigten Älteren in anderen Ländern entweder überhaupt nicht am Erwerbsleben teilnehmen (z.B. ältere Frauen) oder schon in Rente sind (teilweise Invaliditätsrenten oder andere Sonderformen), sind sie bei uns weitaus häufiger als bei unseren Nachbarn arbeitslos. Ab 58 Jahre können sie auch Arbeitslosenunterstützung beziehen, ohne Arbeit zu suchen und als Arbeitslose gezählt zu werden. Mit Fragen der Altersarbeitslosigkeit und Altersarbeit befasst sich ein neues Projekt am Institut Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen).

In der Rentendebatte werden Forderungen erhoben, das offizielle Rentenalter auf 67 oder gar auf 70 Jahre anzuheben. Aber derzeit arbeiten kaum noch 10% bis zum Rentenalter von 65. Der häufigste Zustand vor der Rente ist der Bezug von Arbeitslosenunterstützung geworden. Die Ursache ist der sogenannte "Vorruhestand": Arbeitslosigkeit von mindestens einem Jahr Dauer ist - außer der Altersteilzeit - für erwerbsfähige Männer der einzige Weg zu einer Rente schon mit 60. Frauen können sowieso mit 60 in Rente gehen. Aber wenn die Betriebe Männer im Alter von 55 - 59 entlassen, müssen oder wollen auch die Frauen vor dem Rentenalter in Arbeitslosigkeit gehen.

Aus diesen Gründen konzentriert sich die Altersarbeitslosigkeit auf die Altersgruppe 55-59. Der Anteil dieser Gruppe an den Leistungsbeziehern ist doppelt hoch wie ihr Anteil an der Bevölkerung im Erwerbsalter; ihre Arbeitslosenquote ist sogar mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Quote.

Das IAT hat durch Analyse der IAB-Beschäftigtenstichprobe das Ausmaß der durch "Vorruhestand" bedingten Arbeitslosigkeit geschätzt. Als "Vorruhestand" betrachten wir hierbei den langzeitigen Bezug von Arbeitslosenunterstützung, der nach dauerhafter Beschäftigung in einem Betrieb in einem Alter ab 55 beginnt und in einem Alter ab 60 endet, ohne dass es zu erneuter Beschäftigung kommt. Diese Form des Bezugs von Arbeitslosengeld oder -hilfe machte - nach Tagen gerechnet - im Jahre 1993 elf Prozent der gesamten Arbeitslosigkeit aus. Bezogen auf den Teil der Arbeitslosigkeit, der nach stabiler Beschäftigung in einem Betrieb auftritt, beträgt der Anteil des "Vorruhestandes" 27%.

Es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer so lange arbeiten könnten, bis sie eine Rente ohne vorherige Arbeitslosigkeit bekommen: bis 60 (Frauen mit genügend Beitragsjahren), bis 63 (langjährig Versicherte) oder bis 65. Das würde die Zahl der Bezieher von Arbeitslosenunterstützung um rund 400.000 senken und den Rentenkassen mehr Beiträge bringen. Der nächste Schritt bestünde darin, dass alle so lange arbeiten können, bis sie mit 65 eine Rente ohne Abschläge bekommen. Erst wenn das erreicht ist, macht die Diskussion über das Rentenalter einen Sinn. Die Rentendebatte könnte an Optionen gewinnen, wenn man sich klar machen würde, dass es mittelfristig außer Beiträgen und Leistungen eine dritte Stellgröße gibt: Die Beschäftigung.

Um zu einer höheren Altersbeschäftigung zu kommen, müssen die Betriebe den demographischen Wandel akzeptieren und sich auf die Beschäftigung von Älteren einstellen. Die "lebenslange" Weiterbildung muss betriebliche Realität werden, damit auch die Älteren über aktuelle Qualifikationen verfügen. Die Arbeitsbedingungen müssen so gestaltet werden, dass die Arbeit bis zum Rentenalter durchzuhalten ist. Die phasenweise individuelle Reduzierung der Arbeitszeit kann dabei helfen. Wenn Teilzeitarbeit auch für Männer "normal" ist, dann wird auch die Altersteilzeit mehr Akzeptanz finden.

Das IAT wird sich in seinen Forschungsarbeiten künftig verstärkt dem Thema der Altersarbeit und der altersadäquaten Arbeitszeitgestaltung widmen.

Für weitere Fragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Thorsten Kalina
Tel.: 0209-1707-178

Johannes Kirsch
Tel.: 0209/1707-152

Dr. Matthias Knuth
Tel.: 0209/1707-186

Angelika Müller
Tel.: 0209/1707-333

Gabi Schilling
Tel.: 0209-1707-339

Claudia Braczko
Tel.: 0209/1707-176

Claudia Braczko | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Ergebnisse der IAB-Stellenerhebung für das erste Quartal: Weiterhin hoher Bestand an offenen Stellen
14.05.2019 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index: Welthandel deutlich zurückgegangen
26.03.2019 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die verborgene Struktur des Periodensystems

Die bekannte Darstellung der chemischen Elemente ist nur ein Beispiel, wie sich Objekte ordnen und klassifizieren lassen.

Das Periodensystem der Elemente, das die meisten Chemiebücher abbilden, ist ein Spezialfall. Denn bei dieser tabellarischen Übersicht der chemischen Elemente,...

Im Focus: The hidden structure of the periodic system

The well-known representation of chemical elements is just one example of how objects can be arranged and classified

The periodic table of elements that most chemistry books depict is only one special case. This tabular overview of the chemical elements, which goes back to...

Im Focus: MPSD-Team entdeckt lichtinduzierte Ferroelektrizität in Strontiumtitanat

Mit Licht lassen sich Materialeigenschaften nicht nur messen, sondern auch verändern. Besonders interessant sind dabei Fälle, in denen eine fundamentale Eigenschaft eines Materials verändert werden kann, wie z.B. die Fähigkeit, Strom zu leiten oder Informationen in einem magnetischen Zustand zu speichern. Ein Team um Andrea Cavalleri vom Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie in Hamburg, hat nun Lichtimpulse aus dem Terahertz-Frequenzspektrum benutzt, um ein nicht-ferroelektrisches Material in ein ferroelektrisches umzuwandeln.

Ferroelektrizität ist ein Zustand, in dem die Atome im Kristallgitter eine bestimmte Richtung "aufzeigen" und dadurch eine makroskopische elektrische...

Im Focus: MPSD team discovers light-induced ferroelectricity in strontium titanate

Light can be used not only to measure materials’ properties, but also to change them. Especially interesting are those cases in which the function of a material can be modified, such as its ability to conduct electricity or to store information in its magnetic state. A team led by Andrea Cavalleri from the Max Planck Institute for the Structure and Dynamics of Matter in Hamburg used terahertz frequency light pulses to transform a non-ferroelectric material into a ferroelectric one.

Ferroelectricity is a state in which the constituent lattice “looks” in one specific direction, forming a macroscopic electrical polarisation. The ability to...

Im Focus: Konzert der magnetischen Momente

Forscher aus Deutschland, den Niederlanden und Südkorea haben in einer internationalen Zusammenarbeit einen neuartigen Weg entdeckt, wie die Elektronenspins in einem Material miteinander agieren. In ihrer Publikation in der Fachzeitschrift Nature Materials berichten die Forscher über eine bisher unbekannte, chirale Kopplung, die über vergleichsweise lange Distanzen aktiv ist. Damit können sich die Spins in zwei unterschiedlichen magnetischen Lagen, die durch nicht-magnetische Materialien voneinander getrennt sind, gegenseitig beeinflussen, selbst wenn sie nicht unmittelbar benachbart sind.

Magnetische Festkörper sind die Grundlage der modernen Informationstechnologie. Beispielsweise sind diese Materialien allgegenwärtig in Speichermedien wie...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Automatisiertes Fahren

17.06.2019 | Veranstaltungen

Doc Data – warum Daten Leben retten können

14.06.2019 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - August 2019

13.06.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Weizensorten bewähren sich auch unter widrigen Anbaubedingungen

17.06.2019 | Agrar- Forstwissenschaften

Inventur in der Synapse

17.06.2019 | Biowissenschaften Chemie

Zellbiologie - Qualitätskontrolle für Mitochondrien

17.06.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics