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Warten auf den Aufschwung - Der Osten wird zum Mezzogiorno Deutschlands

20.08.2002


Wirtschaftsjunioren Deutschland präsentieren Ergebnisse der Bevölkerungsbefragung 2002

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl befindet sich die Stimmung der Deutschen an einem Wendepunkt. Sorgen um die eigene finanzielle Situation machen sich nur noch wenige; mehr als ein Drittel der Bundesbürger hofft zudem auf eine baldige Erholung der Volkswirtschaft. "Negativ formuliert, glauben die Bundesbürger, schlimmer kann es gar nicht mehr kommen", so Dominique Döttling am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung der Bevölkerungsbefragung 2002. "Positiv formuliert: Sie nehmen an, ab jetzt geht’s aufwärts." Umso alarmierender indessen sei es, dass die Deutschen offenbar immer weniger Anlass sähen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. "Laut unserer Umfrage haben die Deutschen weder Lust, sich selbständig zu machen, noch, im Ausland zu arbeiten, noch glauben sie überhaupt, dass sich Leistung lohnt. Wenn wir nicht aufpassen, wird die Republik zum Schlusslicht im internationalen Wettbewerb - und der weiterhin pessimistische Osten zum Mezzogiorno Deutschlands."

Nur 21 Prozent der Bundesbürger erwarten für die nächsten 12 Monate eine Verschlechterung ihrer persönlichen finanziellen Situation: Das ist der geringste Wert seit 1995. Gut 34 Prozent gehen von einer Verbesserung aus. Entsprechend hoch ist der Anteil der Optimisten hinsichtlich der wirtschaftlichen Gesamtsituation: Immerhin 35 Prozent der Befragten glauben, dass es aufwärts geht. Dennoch befürchten 31 Prozent, dass wir den tiefsten Punkt der Talsohle noch immer nicht erreicht haben. Die meisten Pessimisten finden sich im Osten - und, wahrscheinlich wegen des nicht haltbaren persönlichen Niveaus, in Bayern. Männer sind optimistischer als Frauen, Höherqualifizierte optimistischer als Geringqualifizierte. Ebenfalls die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes wächst mit abnehmender Qualifikation. In den neuen Bundesländern sind sich 37 Prozent, in den alten nur 20 Prozent unsicher, ob es bei ihnen beruflich so weiter gehen kann wie bisher. Dominique Döttling: "Je schlechter ihre Ausbildung ist und je mehr sie sich an den Osten gebunden fühlen, desto hoffnungsloser sind die Bundesbürger".

Sogar die Überzeugung, dass es noch weiter abwärts geht, setzt indessen keine Initiativen frei. Gerade die Arbeitslosen und Arbeiter haben laut Befragung mit Anteilen von 57 bzw. 50 Prozent die geringste Bereitschaft, einen Arbeitsplatz im Ausland anzunehmen. Gerade diejenigen, die mobil sein müssten, bleiben ihrem Kirchturm treu. Am flexibelsten sind dagegen die Selbständigen und Beamten - und immerhin die Auszubildenden.

Die Möglichkeit, selbst ein Unternehmen zu gründen, sehen immer weniger Bundesbürger als echte Option. Nicht einmal jeder achte deutsche Arbeitnehmer denkt ernsthaft daran, sich selbständig zu machen. Mehr als 50 Prozent haben an dieses Thema noch nie einen Gedanken verschwendet. Frauen verfügen über noch weniger Unternehmergeist als Männer, und auch von den Jugendlichen können sich nur rund 12 Prozent vorstellen, Unternehmer zu werden. Gründe: Fehlendes Kapital, Angst vorm Risiko und die Aussicht, mehr als bisher arbeiten zu müssen.

Dass sich Leistung lohnt, glaubt gerade noch die Hälfte der Bundesbürger. Fast ein Drittel ist vom Gegenteil überzeugt. Je jünger die Deutschen sind, desto weniger glauben sie ans Leistungsprinzip. In den neuen Ländern sind nur 44 gegenüber 51 Prozent in den alten Ländern der Meinung, dass sich Leistung auszahlt.

Nicht einmal jeder vierte Deutsche geht davon aus, dass unser Land zu den Gewinnern der Globalisierung gehören wird. Die größten Wettbewerbsnachteile - zu hohe Steuern und Sozialabgaben sowie eine ausufernde Bürokratie - hat ihrer Auffassung nach die Politik zu verantworten. Dennoch wünschen sich insbesondere die Menschen aus den neuen Ländern mit fast 40 Prozent einen größeren Einfluss der Politik auf die Wirtschaft.

Ost und West, so lässt sich überhaupt feststellen, sind sich auch mehr als 10 Jahre nach der Vereinigung ziemlich fremd. Vor allem die Wertesysteme unterscheiden sich noch immer deutlich. Während in den alten Bundesländern Gerechtigkeit und Eigenverantwortung ganz oben stehen, sind es in den alten Bundesbürgern Gerechtigkeit und Vertrauen. Im Zusammenleben werden von den Menschen der neuen Bundesländer deutlich die Werte der Solidarität, Glaubwürdigkeit, Offenheit, Würde - und eben der Gerechtigkeit vermisst. Die unter 18jährigen gewichten Respekt, Vertrauen und Gerechtigkeit höher als alle anderen Altersgruppen.

Gerade mal ein Drittel der Bundesbürger erkennt in unserem Bildungssystem einen Standortvorteil. Vor allem die über 30-jährigen und damit die Eltern schulpflichtiger Kinder sind der Meinung, dass bundeseinheitliche Verbesserungen im Bildungssystem notwendig sind - und fordern deshalb die Abschaffung der Kulturhoheit der Länder.

Die Auswertung der Interviews lässt, so Dominique Döttling, "bedrückende" Rückschlüsse auf die Seelenlage der Deutschen zu. Gerade diejenigen, die sich am stärksten von der Rezession getroffen fühlten, seien am wenigsten dazu bereit, etwas zu ändern. Gerade im Osten scheine sich der Fatalismus weiter auszubreiten. "Schon das aber ist Grund genug, jetzt grundlegende Reformen anzugehen."

Nötig sei insbesondere eine Stärkung des Unternehmertums in Deutschland: "Wir brauchen einen neuen, qualitätsorientierten Gründerboom. Es müssen Unternehmen gefördert werden, die der brain-drift, der Abwanderung der Qualifiziertesten ein Ende machen. Entstehen muss ein Mittelstand, der international mithalten kann." Darüber hinaus sei eine gründliche Reform des Bildungswesens nicht nur überfällig, sondern offensichtlich auch von der Mehrheit der Bevölkerung erwünscht: "Die Kulturhoheit der Länder muss fallen."

Mit der Bevölkerungsbefragung 2002 haben die Wirtschaftsjunioren Deutschland bereits zum siebzehnten Mal eine der republikweit größten Straßenumfragen durchgeführt. Ingesamt 6884 Interviews konnten in die Auswertung einbezogen werden. Mit der Konstruktion des Interviewleitfadens, der statistischen Auswertung mit SPSS sowie der Analyse der Ergebnisse haben die Wirtschaftsjunioren wie in den Vorjahren die Zwickauer Megatrend GmbH beauftragt. Die Studie wurde Anfang August abgeschlossen.

Markus Wilms, Dipl.-Pol. | ots

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