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Automobilwirtschaft gibt Vollgas

22.10.2010
Autogipfel in Nürtingen
* Mehr als 3 Mio. Neuzulassungen für Pkw und Kombi im laufenden Jahr
* Deutsche Automobilhersteller und -zulieferer profitieren von Absatzrekorden in Asien
* Dr. Norbert Reithofer geht von Paradigmenwechsel aus
* Neue Antriebe und innovative Mobilitätskonzepte als konkrete Herausforderungen für die Automobilwirtschaft

* Knapp 600 Besucher beim IFA-Kongress in Nürtingen

„Die Automobilwirtschaft auf dem Weg in ein neues Jahrzehnt“, so lautete der Leitsatz, unter dem das Institut für Automobilwirtschaft (IFA) zum 11. Tag der Automobilwirtschaft am 20. Oktober 2010 in das K3N-Kongresszentrum nach Nürtingen einlud. Prof. Dr. Willi Diez konnte knapp 600 Gäste aus Automobilhandel und -industrie zum Jubiläumskongress begrüßen. Damit wurden nicht nur alle Erwartungen, sondern auch der Besucherrekord des vergangenen Jahres weit übertroffen. Hauptredner waren der Vorstandsvorsitzende (CEO) der BMW Group, Dr.-Ing. Norbert Reithofer, der Vertriebsvorstand des Volkswagen-Konzerns, Christian Klingler, sowie die neue Smart-Chefin, Dr. Annette Winkler.

Historische Absatzgrößen

Prof. Dr. Willi Diez begrüßte die knapp 600 Gäste aus den verschiedenen Bereichen der Automobilindustrie, des Handels, der Dienstleistungsbranche sowie der Wissenschaft und Lehre: „Die Automobilbranche gibt wieder Gas – das Grundvertrauen ist in die Branche zurückgekehrt.“ Optimistisch blickt Diez auch in das kommende Jahr und geht von einer Drei vor dem Komma bei den Pkw-Neuzulassungen für Deutschland aus. Mit mehr als 3 Mio. Neuzulassungen werden also die zu Jahresbeginn geäußerten Befürchtungen nicht eintreffen. Im internationalen Kontext bezeichnet Professor Dr. Diez das laufende Jahr als historisch: „Erstmals werden in Asien mehr Autos verkauft als in Amerika und Westeuropa.“ Darüber hinaus produzieren die deutschen Automobilhersteller mittlerweile mehr Fahrzeugeinheiten im Ausland als im Ursprungsland. Der Prozess der Globalisierung ist demnach in vollem Gange. Dies wird nicht zuletzt auch weitreichende Rückwirkungen auf den Automobilstandort Deutschland haben.

Dr. Norbert Reithofer: „Fundamental neue Rahmenbedingungen“

Obwohl im globalen Kontext auch künftig mit kräftigen Wachstumsimpulsen zu rechnen ist, geht Dr. Norbert Reithofer sowohl für Automobilhersteller und die Handelsebene vor allem in Deutschland und Westeuropa von „fundamental neuen Rahmenbedingungen aus, denn Absatzrekorde wird es hier nicht mehr geben.“ Wie sein Vorredner, der Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), Robert Rademacher, kommt Dr. Reithofer zu dem Schluss, dass insgesamt enormer Handlungsbedarf bei Herstellern, Zulieferern und Händlern gleichermaßen existiere, „denn es wird nicht wie bisher nur eine homogene Zukunft geben.“ Der BMW-Chef verwies aber auch im globalen Kontext auf Anforderungen an künftige Mobilitätskonzepte. Gerade in Mega-Cities wie in Tokio oder Shanghai stoße die Verkehrsdichte heute schon an ihre Grenzen. Elektromobilität sei einer der Lösungsansätze. Für Reithofer passen dabei Elektromobilität und Freude am Fahren – entgegen der Befürchtungen vieler BMW-Fahrer – gut zueinander. Der BMW-Chef will mit dem Megacity-Vehicle „nicht nur ein umweltfreundliches Automobil schaffen, sondern es auch umweltfreundlich produzieren: Nachhaltiges Handeln ist die Rendite für die Zukunft.“ Dazu wurde im Werk Leipzig bereits eine völlig neue Fertigung eingerichtet.

Christian Klingler: Niveau von 2007 noch nicht erreicht

Wie schon Professor Diez lautete auch Klinglers Absatzprognose für den deutschen Markt im Jahr 2011 wesentlich zuversichtlicher als noch zu Jahresbeginn 2011: „Der deutsche Markt kommt 2010 besser raus als gedacht.“ Dennoch ließ sich der Vertriebsvorstand keine konkrete Neuzulassungsprognose für das nächste Jahr entlocken. Christian Klingler ging in seinem Vortrag nicht nur die globale Vertriebsstrategie des Volkswagen-Konzerns ein. Er befasste sich ebenfalls mit der aktuellen Absatzsituation in den relevanten Regionen und stellte dabei fest, dass sich die Weltmärkte zum Teil sehr unterschiedlich entwickeln: „Es bestehen weiterhin Risiken und der globale Automobilmarkt erreicht noch nicht das Niveau von 2007.“ Betrachte man den Weltmarkt ohne China, käme man bislang lediglich auf 87 Prozent des Normalmarktes, in Deutschland auf nur 82 Prozent. Die Entwicklung der unterschiedlichen Automobilmärkte werde langfristig durch das Verhalten der Kunden einerseits sowie durch regional unterschiedliche „Megatrends“ andererseits nachhaltig beeinflusst. Beispielsweise gäbe es in Europa und den USA einen Kaufkraftverlust der Mittelschicht, während sich asiatische Märkte entgegengesetzt entwickeln würden. Als zentrale Handlungsfelder des Volkswagenkonzerns bezeichnete Klingler unter anderem die modulare Baukastenstrategie, die Antriebs- und Kraftstoffstrategie sowie die globale Vertriebsstrategie. Im Vordergrund stehe immer der Kunde sowie eine einheitliche Markenidentität und Markenführung auf sämtlichen Märkten der Welt.

Smart: Erfindung urbaner Mobilität

Dr. Annette Winkler – erst seit wenigen Tagen verantwortlich für die Marke Smart – stellte heraus, dass die Marke Smart nie eine reine Vertriebsaufgabe, sondern eine Unternehmens¬¬herausforderung sei. Und: Für Winkler ist Smart die Erfindung urbaner Mobilität: „Smart war vielleicht seiner Zeit voraus. Jetzt ist die Welt jedoch reif für den Smart.“ Gerade jüngere Menschen möchten künftig ein Auto nicht unbedingt besitzen und erwerben. Für sie sind CarSharing-Modelle eine tragfähige Option im hart umkämpften Automobilmarkt. Dies zeigten die Pilotprojekte mit „Car2Go“in Ulm und künftig auch Hamburg: Einsteigen, fahren, abstellen, bezahlen - in Ulm haben sich bereits 20.000 Kunden registriert. Die Car2go-Flotte ist mittlerweile mit über 200 Smart ausgestattet. „Städte erkennen selbst, dass sie etwas tun müssen, um die Mobilität in den Zentren zu erhalten“, sagte Dr. Winkler. Ab 2012 soll der Smart Electric Drive zusätzliche Impulse für den Fahrzeugabsatz im Daimler-Konzern schaffen.

Mobilität 2020: Zukunft des Autofahrens

Mit zwei Entwicklungslinien, nämlich hinsichtlich der neuen Antriebe und innovativer Mobilitätsdienstleistungen, konfrontierte Prof. Dr. Stefan Reindl die vier weiteren Referenten am Nachmittag. Die Impulsvorträge mit der anschließenden Podiumsdiskussion leitete der Soziologe-Professor und Leiter Geschäftsentwicklung der Fuhrparkgruppe Deutsche Bahn AG, Dr. Andreas Knie, ein. Er hatte drei Kernbotschaften im Gepäck: Erstens, auch in Zukunft wollen die Menschen individuell mobil bleiben. Zweitens: Die Zeiten, in denen man mit einem Auto angeben konnte, sind vorbei, sowie drittens: Es muss über das Auto hinaus eine Mobilitätsverknüpfung geben. Knie zeigte sich überzeugt, dass integrierte Mobilitätslösungen bestehend unter anderem aus Auto, Fahrrad und Öffentlichem Nahverkehr in Städten und Metropolen einen festen Platz haben werden. Ergänzend präsentierte Thomas Bauch, Geschäftsführer von Peugeot Deutschland, das Mobilitätskonzept „Mu by Peugeot“: Fahrräder, Motorroller, Automobile und Transporter stehen bei diesem Programm „sequenziell“ zur Verfügung. Peugeot strebt mit diesem Projekt eine führende Rolle bei ganzheitlichen Mobilitätskonzepten an.

CarSharing: Nicht für Jedermann

Den Enthusiasmus zu neuen Mobilitätskonzepten konnte Jörg Felske, Vorstandsvorsitzender der Procar Automobile AG, nicht teilen: „CarSharing ist nicht für alle interessant“. Felske reflektierte die Sicht des Handels bezüglich des Car-Sharing-Konzepts. Zwar sprächen vor allem die gesellschaftlichen Entwicklungen wie die Zunahme der Single-Haushalte für solche Mobilitätskonzepte. Wirkliche Zukunftschancen räumte er aber Car-Sharing – gerade im Premium-Segment – nicht ein. Von einer dienstleistungsorientierten Neuausrichtung der automobilen Wertschöpfung ging hingegen Lars-Henner Santelmann, Vertriebsvorstand der Volkswagen Financial Services AG, aus: „Der Besitz eines Autos wird immer teurer, weshalb beispielsweise in Paris 58 Prozent der Haushalte gar kein eigenes Auto mehr besitzen.“ Die Entwicklung geht laut Santelmann immer mehr von Besitz zum Nutzen. Während bis ins aktuelle Jahrzehnt die Fahrzeugfinanzierung im Mittelpunkt der Angebots- und Nachfragestrukturen stünden, rückten künftig Car Sharing, Autovermietung, integrierte Gesamtkonzepte und sogar der Stromhandel in den Fokus.

Alltagstaugliche Elektroautos

Den Abschluss des IFA-Kongresses bildete ein Vortrag von Opel-Vertriebsleiterin Imelda Labbé zum Thema: „Umwelttechnologie im Automobil für heute und morgen“. Nach ihren Aussagen biete E-Mobilität für Opel zukunftsweisende Perspektiven. Die Opel-Strategie beinhalte, die „optimale Verbindung von Kundenanforderungen und Umweltschutz zu haben.“ Elektromobilität bedeute für die Marke Opel, rein batteriegetriebene Elektroautos, Elektroautos mit verlängerter Reichweite sowie Elektroautos mit Brennstoffzellenantrieb anzubieten. Gerade innovative Produkte wie der Ampera hätten genau diese Eigenschaften und damit die benötigte Alltagstauglichkeit. „Der Kunde will kein Risiko, er benötigt Alltagstauglichkeit und er will zudem auch Fahrspaß.“ Schon 2012 soll der elektrisch angetriebene Ampera in den Handel kommen. Im Service soll dieses Modell durch ein zweistufiges Netz betreut werden. Auf die in die Kritik geratene lebenslange Opel-Garantie ging Labbé wie folgt ein. „Wir bieten ein Alleinstellungsmerkmal und die Kundenmeinungen bestätigen unsere diesbezügliche Strategie.“ Auch wenn die lebenslange Servicegarantie im Verkauf helfe, müsse Opel das Vertriebsnetz weiter qualifizieren. Das langfristige Marktanteilsziel sei „ganz klar zweistellig.“

Resümee

Prof. Dr. Willi Diez zum Abschluss des Kongresses: „Obwohl es der Branche wieder besser geht, habe ich nicht das Gefühl, dass sie sich zurücklehnt. Alle haben ihre Handlungsfelder erkannt und nicht nur Konzepte in der Schublade, sondern vieles wird bereits konkret umsetzt“.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Willi Diez
Prof. Dr. Stefan Reindl
mail@ifa-info.de
(0 73 31) 22-440

Gerhard Schmücker | idw
Weitere Informationen:
http://www.hfwu.de/

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