Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„World Brain Day“ zum Thema Migräne: individualisierte Therapie statt Schmerzmittelübergebrauch

18.07.2019

Der „World Brain Day“ widmet sich am 22. Juli dem Thema Migräne. In Deutschland sind etwa 10 Prozent der Bevölkerung von Migräne betroffen, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Doch viele werden nicht diagnostiziert und ärztlich behandelt – sie therapieren sich stattdessen lieber selbst. Nicht selten führt das zu Chronifizierung und neuen Kopfschmerzen, denn Schmerzmedikamente können bei häufiger Einnahme Kopfschmerzen verursachen oder verstärken. Dabei lasse sich durch eine leitliniengerechte und individualisierte Therapie fast jeder Migränekopfschmerz in den Griff bekommen, teilen die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft mit.

Der „World Brain Day“, den die internationale Neurologiegesellschaft jedes Jahr ausruft, widmet sich in diesem Jahr dem Thema Migräne. Am 22. Juli soll dafür sensibilisiert werden, dass Migräne eine neurologische Erkrankung ist, die viele Menschen betrifft und ihr Leben stark beeinträchtigt.


Dennoch wird Migräne oft nicht richtig erkannt und adäquat behandelt. Ziel der Initiatoren des Aktionstages ist es, hier Abhilfe zu schaffen und mehr Menschen für diese Erkrankung und die Möglichkeiten der Behandlung und Prävention zu sensibilisieren.

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), sieht Handlungsbedarf, zumal die Prävalenz der Erkrankung steigt. „Besonders besorgniserregend ist die Zunahme der Migränehäufigkeit bei jüngeren Menschen, aber auch in allen anderen Altersgruppen hat sich die Zahl der Betroffenen leicht erhöht“, erklärt der Experte.

Er bezieht sich auf den Arztreport 2017 der Barmer Krankenkasse [1], demzufolge im Zeitraum von 2005 bis 2015 der Anteil der 18- bis 27-Jährigen mit Kopfschmerzdiagnosen, darunter auch Migräne, um 42 Prozent gestiegen war.

„Da eine Migräne die Lebensqualität drastisch beinträchtigen kann, ist es wichtig, dass alle Betroffenen eine leitliniengerechte Therapie erhalten. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hat 2018 gemeinsam mit der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) die Migräneleitlinie aktualisiert [2]. Dafür ist eine neurologische Mitbetreuung des Patienten ratsam.“

Er hebt hervor, dass der Besuch beim Spezialisten keinesfalls zur Verschreibung von Schmerzmedikamenten im Gießkannenprinzip führe – „im Gegenteil, viele Patientinnen und Patienten haben sich seit Jahren selbst therapiert und stellen sich mit Kopfschmerzen vor, die aus einem Kopfschmerzmedikamentenübergebrauch resultieren.

Mittlerweile sind auch Triptane, spezielle Migränemedikamente, freiverkäuflich in Apotheken erhältlich. Wenn diese Medikamente über ein Vierteljahr mehr als zehnmal im Monat eingenommen werden, ist von einem solchen Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz auszugehen.“ Wichtig sei dann zunächst die Schmerzmittelentwöhnung, die aber nur mit einer guten Prophylaxestrategie gegen Kopfschmerzattacken möglich ist.

„Manche Betroffene schaffen das allein durch eine Lebensstiländerung. Sie wissen sehr genau, was bei ihnen Migräneattacken auslöst, und einige können diesen Triggern aus dem Weg gehen. Bei vielen ist aber eine medikamentöse Prophylaxe erforderlich und die kann nur eine Ärztin oder ein Arzt verschreiben.“

Sie erfolgt z.B. mit Betablockern oder Kalziumantagonisten – eigentlich Substanzen, die bei Bluthochdruck eingesetzt werden – oder auch mit so genannten Antikonvulsiva, Medikamenten gegen Krampfanfälle. In besonders schweren Fällen können auch Botox oder spezielle Antikörpertherapien eingesetzt werden. Die Neurologin/der Neurologe verschreibt eine individualisierte, auf den Betroffenen zugeschnittene Therapie, angepasst an die Krankheitsstärke, das Alter, Begleiterkrankungen und Lebensumstände.

„Wichtig ist aber, dass eine medikamentöse Prophylaxetherapie immer auch durch nichtmedikamentöse Maßnahmen begleitet wird. Wir raten den Patienten zu regelmäßigem Ausdauersport und dem Erlernen von Entspannungstechniken – und Stressbewältigungsstrategie. Alles hat nachweislich positive Effekte auf die Häufigkeit und Stärke von Kopfschmerzattacken.“

Dr. Stefanie Förderreuther, Präsidentin der DMKG, unterstreicht diese Aussage: „Jeder Mensch, der unter Kopfschmerz leidet, kann behandelt werden!” Neben der Prophylaxe ist auch die Akuttherapie wichtig, damit die Patienten den Kopfschmerz und die damit verbundenen Begleitsymptome lindern können und dem Schmerz nicht ausgeliefert sind.

Sie warnt davor, Migräne zu verharmlosen: „Die Migräne spielt sich im Verborgenen ab. Während der Attacke ziehen sich die Betroffenen zurück. Ist sie vorüber, sind sie wieder weitgehend einsatzfähig. Im EEG, CT und Kernspintomogramm finden sich keine Auffälligkeiten, Blutwerte und andere Untersuchungsbefunde sind normal. Ich bin überzeugt, dass das wesentlich dazu beiträgt, dass selbst manche Ärztinnen und Ärzte die Krankheit unterschätzen,” so Dr. Förderreuther.

Insgesamt, so das Fazit des Migräne-Experten Prof. Diener, der auch maßgeblich an der Erstellung der Leitlinien zur Prophylaxe und Therapie beteiligt ist, lässt sich Migräne in den Griff bekommen. Wichtig sei aber, dass jeder Betroffene eine Therapie erhält, die individuell auf ihn oder sie zugeschnitten ist – und eine solche könne nur ein Arzt verschreiben.

Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN, fügt kritisch hinzu: „Die Werbung für freiverkäufliche Kopfschmerzmittel ist höchst irreführend und suggeriert, jeder könne die über 200 Kopfschmerzarten, wie es in einem TV-Spot so schön heißt, selbst therapieren, indem er einfach nur die beworbenen Tabletten einnimmt. Trauriges Resultat ist aber, dass wir immer mehr Patientinnen und Patienten sehen, bei denen der Kopfschmerz chronisch geworden oder bei denen der Kopfschmerz Folge der häufigen Einnahme dieser Medikamente ist. Schlimmstenfalls werden durch die oft monatelange medikamentöse Selbsttherapie schwere andere Erkrankungen viel zu spät erkannt. Wir raten daher grundsätzlich allen, wiederkehrende Kopfschmerzen ärztlich abklären zu lassen.“

Literatur
[1] Thomas G. Grobe, Susanne Steinmann, Joachim Szecseny. Arztreport 2017. Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse. S. 155 Online abrufbar unter https://www.barmer.de/blob/99196/40985c83a99926e5c12eecae0a50e0ee/data/dl-barmer...
[2] Diener H-C, Gaul C, Kropp P et al. S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. Stand: 31. Januar 2018. Abrufbar unter https://www.dgn.org/leitlinien

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
c/o albersconcept, Jakobstraße 38, 99423 Weimar
Tel.: +49 (0)36 43 77 64 23
Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
E-Mail: presse@dgn.org

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren über 9500 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

Präsidentin: Prof. Dr. med. Christine Klein
Stellvertretender Präsident: Prof. Dr. med. Christian Gerloff
Past-Präsident: Prof. Dr. Gereon R. Fink
Generalsekretär: Prof. Dr. Peter Berlit
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter
Geschäftsstelle: Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel.: +49 (0)30 531437930, E-Mail: info@dgn.org

Pressestelle der Deutschen Kopfschmerz- und Migränegesellschaft e.V.
c/o albertZWEI media GmbH, Ansprechpartnerin: Carolin Herrmann,
Oettingenstr. 25, 80538 München, Tel: 089 4614 86-20
E-Mail: kontakt@attacke-kopfschmerzen.de
Pressesprecher der DMGK: PD Dr. med. Charly Gaul

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG)
ist seit 1979 die interdisziplinäre wissenschaftliche Fachgesellschaft für Kopf- und Gesichtsschmerzen, in der Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten, Pharmakologen und Apotheker organisiert sind. Der unabhängige und gemeinnützige Verein setzt sich für die Verbesserung der therapeutischen Möglichkeiten der vielen Millionen Patienten in Deutschland mit akuten und chronischen Kopfschmerzen ein. Die Fachgesellschaft fördert die Forschung und organisiert Fortbildungen für medizinische Fachberufe sowie einmal jährlich den Deutschen Schmerzkongress gemeinsam mit der Deutschen Schmerzgesellschaft. Die DMKG informiert Patienten und die breite Öffentlichkeit über aktuelle Forschungsergebnisse und Therapiemöglichkeiten von Kopfschmerzen. Sie ist Mitglied in der Weltkopfschmerzgesellschaft (International Headache Society).

Weitere Informationen:

http://www.dgn.org
http://www.dmkg.de

Dr. Bettina Albers | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Berichte zu: Brain DGN Kopfschmerz Kopfschmerzattacken Migräne Neurologie Prophylaxe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Chemnitzer Linux-Tage am 14. und 15. März 2020: „Mach es einfach!“
12.02.2020 | Technische Universität Chemnitz

nachricht 4. Fachtagung Fahrzeugklimatisierung am 13.-14. Mai 2020 in Stuttgart
10.02.2020 | Haus der Technik e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente menschliche Organe ermöglichen dreidimensionale Kartierungen auf Zellebene

Erstmals gelang es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, intakte menschliche Organe durchsichtig zu machen. Mittels mikroskopischer Bildgebung konnten sie die zugrunde liegenden komplexen Strukturen der durchsichtigen Organe auf zellulärer Ebene sichtbar machen. Solche strukturellen Kartierungen von Organen bergen das Potenzial, künftig als Vorlage für 3D-Bioprinting-Technologien zum Einsatz zu kommen. Das wäre ein wichtiger Schritt, um in Zukunft künstliche Alternativen als Ersatz für benötigte Spenderorgane erzeugen zu können. Dies sind die Ergebnisse des Helmholtz Zentrums München, der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität München (TUM).

In der biomedizinischen Forschung gilt „seeing is believing“. Die Entschlüsselung der strukturellen Komplexität menschlicher Organe war schon immer eine große...

Im Focus: Skyrmions like it hot: Spin structures are controllable even at high temperatures

Investigation of the temperature dependence of the skyrmion Hall effect reveals further insights into possible new data storage devices

The joint research project of Johannes Gutenberg University Mainz (JGU) and the Massachusetts Institute of Technology (MIT) that had previously demonstrated...

Im Focus: Skyrmionen mögen es heiß – Spinstrukturen auch bei hohen Temperaturen steuerbar

Neue Spinstrukturen für zukünftige Magnetspeicher: Die Untersuchung der Temperaturabhängigkeit des Skyrmion-Hall-Effekts liefert weitere Einblicke in mögliche neue Datenspeichergeräte

Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat einen weiteren...

Im Focus: Making the internet more energy efficient through systemic optimization

Researchers at Chalmers University of Technology, Sweden, recently completed a 5-year research project looking at how to make fibre optic communications systems more energy efficient. Among their proposals are smart, error-correcting data chip circuits, which they refined to be 10 times less energy consumptive. The project has yielded several scientific articles, in publications including Nature Communications.

Streaming films and music, scrolling through social media, and using cloud-based storage services are everyday activities now.

Im Focus: Nanopartikel können Zellen verändern

Nanopartikel dringen leicht in Zellen ein. Wie sie sich dort verteilen und was sie bewirken, zeigen nun erstmals hochaufgelöste 3D-Mikroskopie-Aufnahmen an BESSY II. So reichern sich bestimmte Nanopartikel bevorzugt in bestimmten Organellen der Zelle an. Dadurch kann der Energieumsatz in der Zelle steigen. „Die Zelle sieht aus wie nach einem Marathonlauf, offensichtlich kostet es Energie, solche Nanopartikel aufzunehmen“, sagt Hauptautor James McNally.

Nanopartikel sind heute nicht nur in Kosmetikprodukten, sondern überall, in der Luft, im Wasser, im Boden und in der Nahrung. Weil sie so winzig sind, dringen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Chemnitzer Linux-Tage am 14. und 15. März 2020: „Mach es einfach!“

12.02.2020 | Veranstaltungen

4. Fachtagung Fahrzeugklimatisierung am 13.-14. Mai 2020 in Stuttgart

10.02.2020 | Veranstaltungen

Alternative Antriebskonzepte, technische Innovationen und Brandschutz im Schienenfahrzeugbau

07.02.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Flexibles Fügen und wandlungsfähige Prozessketten: der Schlüssel für effiziente Produktion

17.02.2020 | Interdisziplinäre Forschung

AgiloBat: Batteriezellen flexibel produzieren

17.02.2020 | Energie und Elektrotechnik

Nierenkrebs an der Wurzel packen

17.02.2020 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics