Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tagung: Genetics of Aging

17.10.2007
VON RIVALISIERENDEN DÄMONEN, SUPER-MÄUSEN UND TICKENDEN ZEITBOMBEN: NEUES ZUR GENETIK DES ALTERNS.

"Genetics of Aging"-Tagung widmet sich genetischen Mechanismen des Alterns. Gemeinsamer Kongress des Universitätsklinikums und des Fritz-Lipmann-Instituts stärkt Jena als Standort für Altersforschung.

Bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Genetik (GfG), die vom 11. bis 13. Oktober in Jena mit 250 Teilnehmern stattfand, präsentierten Wissenschaftler aus dem In- und Ausland die neuesten Forschungsergebnisse zur Genetik des Alterns. Behandelt wurden dort neben den molekularen Mechanismen des Alterns auch altersbedingte Krankheiten wie Krebs und Alzheimer.

"Eine tickende Zeitbombe" nennt Prof. Dr. Christian Haass (LMU München) diese tödlich verlaufende und häufigste Form der Demenz. Der renommierte Alzheimer-Forscher stellte vor Fachpublikum und in seinem öffentlichen Abendvortrag die Krankheit und mögliche immuntherapeutische Behandlungswege vor. Durch die Impfung mit Antikörpern ist es möglich, die hirnschädigenden beta-Amyloid-Plaques zum Verschwinden zu bringen. Der Verlust an Hirnsubstanz und geistiger Leistungsfähigkeit werde damit aufgehalten. Mit den Impfstoffen der 2. Generation können laut Haass die gravierenden Nebenwirkungen, die bisher bei der Behandlung mit Antikörpern auftraten, viel besser kontrolliert werden.

Weitere Schwerpunkte der Tagung: klassische Theorien und neue Konzepte des Alterns. Behandelt wurden u.a. die Rolle fehlerhafter Mechanismen zur DNA-Reparatur- und Schadensmeldung, sowie der Einfluss von oxidativem Stress durch freie Sauerstoffradikale und von mutationsbedingten Störungen der Atmungskette.

Die mehrfach international ausgezeichnete Professorin J. Campisi diskutierte im Rahmen ihrer "Keynote"-Lecture den Zusammenhang zwischen Krebsentstehung und Zellalterung unter einem gänzlich neuen Aspekt. Einerseits stelle das Altern einen wesentlichen Faktor bei der Krebsentstehung dar. Andererseits kann der zelluläre Alterungsprozess (Seneszenz) von Zellen auch als Krebsverhinderungsmechanismus verstanden werden, durch den das Wachstum von potentiellen Tumorzellen verhindert wird. "Denn die Fähigkeit der Zelle zur Zellteilung - eine zentrale Voraussetzung für Krebs - ist bei seneszenten Zellen gehemmt", erläutert die Amerikanerin.

Für den Gesamtorganismus bedeutet Altern aber auch, dass zelluläre Alterungsprozesse gefährlich werden können. Alte Zellen, die verstärkt Entzündungssignale abgeben, werden zwar von Killerzellen eliminiert. Doch schützt dies das Gewebe nicht vor Degeneration. Vielmehr entsteht in der Nachbarumgebung seneszenter Zellen durch die Sekretion zellteilungsaktiver und wachstumsfördernder Substanzen ein tumorfreundliches 'Mikroklima', das die Tumorbildung begünstigt. Krebsentstehung und Alterung sind für die Wissenschaftlerin aus Berkeley zwei "rivalisierende Dämonen", denen nur eines gefährlich werden kann: "p53" - ein sog. Tumor-Suppressor-Protein.

Dieses wichtige Tumor-Suppressor-Protein, das Zellzyklus und DNA-Reparaturmechanismen reguliert, ist auch als "Wächter des Genoms" bekannt. Diesem Protein kommt auch im Zusammenhang mit Alterungsprozessen eine Schlüsselbedeutung zu, wie spanische Wissenschaftler (Maraver/Serrano) nun eindrucksvoll demonstrierten. Ihnen gelang es, die Wirkung zweier Tumor-Suppressor-Proteine ("p53" und "ARF") in transgenen Mäusen zu verstärken. Der Effekt: die Anfälligkeit für Krebs ist bei diesen Super-Mäusen geringer und die durchschnittliche Lebensspanne und Lebensqualität ist deutlich größer als bei der Wild-Typ-Vergleichsgruppe.

Die Rolle genetischer Faktoren für den menschlichen Alterungsprozess veranschaulicht auch das sogenannte 'Werner-Syndrom'. Bei dieser Krankheit altern die Betroffenen massiv und sterben vorzeitig. Ergraut, überzogen mit Falten und unter zahlreichen Alterskrankheiten leidend, sterben diese Patienten sehr viel früher als andere. Ein Genreparaturdefekt ist für diese Krankheit verantwortlich.

"Auch im Tierreich gibt es erstaunliche Phänomene, die Rückschlüsse auf die genetischen Ursachen von Alterungsprozessen erlauben", erklärt der Jenaer Wissenschaftler Dr. A. Cellerino. So gibt es einen kleinen afrikanischen Fisch am Fritz-Lipmann-Institut Jena - den Nothobranchius furzeri - der innerhalb weniger Monate seinen kompletten Lebenszyklus durchläuft. "Die Spanne zwischen Geburt und Tod ist sehr kurz. Denn dem Fisch bleibt als Spezies in seinem regelmäßig von Austrocknung bedrohtem Biotop nur eine Überlebenschance: die Überdauerung der Trockenperiode als Ei", so der Biologe. Durch den Genomvergleich zwischen dieser kurzlebigen Variante und verwandten langlebigen Arten aus anderen Biotopen erhoffen sich die Wissenschaftler Aufschluss über Gene, die für die Verkürzung der Lebensspanne verantwortlich sind.

Als besonders ergiebiges Forschungsfeld bei der Lösung des Alterungsrätsels erweist sich die Telomerforschung. Telomere sind schleifenförmige DNA-Fortsätze an den Enden von Chromosomen, die sich von Zellteilung zu Zellteilung verkürzen. Haben die Telomere eine bestimmte Kürze erreicht, hören die Zellen auf, sich zu teilen. Die DNA kann dann nicht mehr kopiert werden. Dieser Kopierschutz verhindert die Proliferation von 'alten' Zellen, die sich bereits häufig geteilt haben. Bei Krebszellen ist dieser hochwirksame Zellschutz ausgeschaltet. Die Telomerase, ein Enzym, sorgt dafür, dass die Telomerenden erhalten bleiben und die Zelle damit 'unsterblich' wird. Heute weiß man: Die Aktivität dieses Enzyms ist Voraussetzung für die Entstehung von Krebs. Dieses Wissen machen sich neuere Therapien zunutze. So laufen in den USA bereits klinische Studien zur Hemmung der Telomerase-Aktivität.

"Die Grundlagenforschung zu den genetischen Ursachen von Alterungsprozessen bringt zusehends Licht in das komplexe Zusammenspiel von Genen, Umwelteinflüssen und zellulären Zerfallsprozessen", so Prof. Dr. Christoph Englert vom Leibniz Institut für Altersforschung (Fritz-Lipmann-Institut) in Jena. Der Entwicklungsbiologe vom FLI Jena und Prof. Dr. Aria Baniahmad vom Institut für Humangenetik der Universität Jena, die die Tagung gemeinsam für die deutsche Gesellschaft für Genetik (GfG) organisiert haben, sehen hierin langfristig die Chance, das Rätsel des Alterns zu lösen.

Mit der "Genetics of Aging"-Tagung knüpften die Organisatoren an eine alte Altersforschungstradition der Stadt an. Denn bereits vor mehr als 200 Jahren widmete sich in Jena der Mediziner Christoph Wilhelm Hufeland in seinen 1797 veröffentlichten akademischen Studien den Möglichkeiten zur Verlängerung des menschlichen Lebens. Dass Rotwein, Knoblauch und Olivenöl dafür durchaus hilfreich sind - wie auf der Tagung berichtet -, wusste er damals aber noch nicht.

Dr. Eberhard Fritz | idw
Weitere Informationen:
http://www.fli-leibniz.de

Weitere Berichte zu: Alterungsprozess Genetik Krebsentstehung Zellteilung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?
21.06.2018 | ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung

nachricht Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?
21.06.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics