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Highlights vom Europäischen Kardiologenkongress

12.09.2005


25.000 Herzspezialisten in Stockholm (ESC 2005)


Auf dem Kongress der Europäischen Kardiologengesellschaft (ESC), auf dem in Stockholm diese Woche rund 25.000 Herz-Spezialisten zusammen trafen, wurden eine Vielzahl aktueller Erkenntnissen und neuer Entwicklungen präsentiert, die für Patienten mit Herz-Kreislauf-Krankheiten von wichtiger praktischer Bedeutung sind. Prof. Dr. Eckart Fleck (Berlin), Pressesprecher der DGK, zieht Bilanz.


Gefordert wurde auf dem ESC-Kongress der differenzierte Einsatz von Stents. Neue Medikamenten-beschichtete Gefäßstützen ("Drug eluting stents", DES), ersetzen in der Behandlung von Gefäßverengungen immer häufiger die herkömmlichen Metallgitter, weil sie das Risiko neuerlicher Gefäßverschlüsse deutlich senken. Doch weil DES wesentlich teurer sind als nichtbeschichtete Metallstents, sollten sie differenziert eingesetzt werden. So kommt die BASKET-Studie (Basel Stent Kosteneffektivitäts Trial), die 826 Patienten sechs Monate lang untersucht hatte, zum Ergebnis: "In einem Real-World-Setting ist der Einsatz von DES bei allen Patienten gegenwärtig nicht kosteneffektiv. Allerdings scheint der Einsatz von DES bei bestimmten Hochrisiko-Patientengruppen kosteneffektiv zu sein, zumindest bis die Kosten von DES signifikant reduziert werden."


Ähnlich war das Ergebnis einer deutschen Untersuchung. "Besonders Patienten mit kleinen Gefäßen und sehr komplexen Gefäßschäden profitieren von DES", berichtet Prof. Fleck. "Ein differenzierte Einsatz von DES und herkömmlichen Stents scheint sinnvoll, und auf dem Kongress wurde der häufig geäußerten Forderung eines routinemäßigen Einsatzes von DES widersprochen."

Bei etwa zwei Drittel aller koronaren Interventionen mit Indikation zur Stent-Implantation sei der Einsatz eines kurzen Stent für den Behandlungserfolg ausreichend und mit einer niedrigen Restenoserate verbunden, nämlich bei der Behandlung von Gefäßen mit einem Durchmesser von mehr als 2,7 Millimetern. "Die differenzierte Verwendung von kurzen DES oder herkömmlichen Stents ergibt Vorträgen auf dem ESC zufolge ein akzeptables Langzeitergebnis für alle behandelten Koronarstenosen, und zwar bei deutlich niedrigeren Behandlungskosten als beim routinemäßigen Einsatz von DES", sagt Prof. Fleck.

Schwerpunkt-Thema Frauenherzen

Intensiv beschäftigte man sich auf dem ESC-Kongress mit dem Thema, ob Frauen heute ebenso auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung behandelt werden wie Männer. Es zeigte sich einmal mehr, dass Frauen mit Herzerkrankungen nach wie vor weniger Diagnostik und weniger Therapie erhalten, und insgesamt eine schlechtere Prognose haben als Männer.
"Es wurde zum Beispiel berichtet, dass Patientinnen bei entsprechenden Beschwerden eine um 20 Prozent geringere Chance auf ein Belastungs-EKG zur weiteren Diagnostik haben als Patienten. Das ist ein Ergebnis des "Euro Heart Survey of Stable Angina", bei dem die Daten von knapp 3800 Patienten ausgewertet wurden, die wegen einer stabilen Angina bei Herz-Spezialisten in Behandlung waren", so Prof. Fleck. Auch die Wahrscheinlichkeit einer Herzkatheter-Untersuchung sei bei Frauen um 40 Prozent geringer als bei Männern.
Patientinnen mit Angina pectoris werden nicht so intensiv behandelt wie Patienten, hieß es auf dem ESC-Kongress. Prof. Fleck: "Die Wahrscheinlichkeit einer Behandlung mit ASS liegt nach den zitierten Ergebnissen bei Männern bei 84 Prozent, bei Frauen nur bei 73 Prozent, die Werte für einen Behandlung mit einem Lipidsenker betrugen bei Frauen 47 Prozent und bei Männern 53 Prozent."
Als eine Ursache für solche - und ähnliche - Unterschiede wird vermutet, dass Frauen seltener eine Koronarobstruktion haben. Dies konnte in einer Studie bestätigt werden: Während 37 Prozent der Frauen in der Angiographie keine signifikanten Verengungen der Koronarien aufwiesen, waren es bei den Männern nur 13 Prozent. "Geschlechtersensibilität ist also ein wichtiges Thema der Kardiologie", so Prof. Fleck.

Weniger unkontrollierte Blutungen mit synthetischem Faktor-Xa-Hemmer

Aus dem Bereich der Arzneimittel-Innovationen fand zum Beispiel die OASIS 5/MICHELANGELO-Studie große Beachtung, die bei mehr als 20.000 Patienten die Wirksamkeit der Therapie mit dem Antithrombotikum Fondaparinux, einem synthetischen Faktor-Xa-Hemmer, im Vergleich mit einer Behandlung mit dem Heparin Enoxaparin bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom - zusätzlich zur plättchenhemmenden Therapie - untersuchte. Zwar sind in der Prophylaxe von Herzinfarkt, Tod oder kardialen Ischämien innerhalb von neun Tagen nach dem Ereignis beide Substanzen gleich wirksam. "Allerdings geht der synthetische Faktor-Xa-Hemmer mit weniger Blutungen einher, was sich für die Patienten langfristig günstig auswirkt", so Prof. Fleck. "Dieser Effekt ist umso bedeutsamer, als er in allen Untergruppen signifikant auftritt."

Gestorben waren nach sechs Monaten in der Heparin-Gruppe 6,3 Prozent, in der mit dem Faktor-Xa-Hemmer behandelten Vergleichsgruppe 5,6 Prozent. Ein Vorteile ergab sich auch bei der Kombination aus Tod und Herzinfarkt mit 11,2 Prozent gegenüber 10,3 Prozent.

American Journal of Cardiology: Statine nach dem Herzinfarkt halbieren die Sterblichkeit

Diskutiert wurde auch ein Bericht des "American Journal of Cardiology", wonach eine Behandlung mit Statinen innerhalb von 24 Stunden nach einem Herzinfarkt die Sterberate halbieren kann. Eine Studie der UCLA mit mehr als 170.000 Patienten zeigt, dass bei Patienten, die vorher keine Statine eingenommen hatten, die Sterblichkeitsrate um 58 Prozent sank. Bei Patienten, die bereit vor dem Infarkt solche Lipidsenker eingenommen hatten, verringerte sich die Mortalität um 54 Prozent.

Hoher Blutdruck: 50 Prozent der Schlaganfälle und Herzinfarkte vermeidbar

Bei Patienten mit Bluthochdruck könnten die meisten Schlaganfälle und Herzinfarkte vermieden werden, wenn moderne Blutdrucksenker mit einem Lipidsenker kombiniert werden. Der Erfolg dieser Therapieoption wurde erstmals beim Anglo-Scandinavian Cardiac Outcomes Trial (ASCOT) gezeigt. Bei dem ASCOT-Versuch wurden mehr als 19.000 Patienten mit Bluthochdruck therapiert, die ein gemäßigtes Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko aufwiesen. Zur Kontrolle des Blutdrucks erhielten sie entweder die neueren Medikamente, nämlich den Calzium-Antagonisten Amlodipine und den ACE-Inhibitor Perindopril, oder die herkömmliche Kombination eines Beta-Blockers (Atenolol) mit einem Diuretikum.
10.000 Patienten wurden zusätzlich mit dem Lipidsenker Atorvastatin oder einem Placebo behandelt.

Die Endergebnisse zeigten, dass die Kombination von neueren blutdrucksenkenden Medikamenten das Risiko von Schlaganfällen um etwa 25 Prozent, von Herzinfarkten um 15 Prozent, von kardiovaskulärem Tod um 25 Prozent, und neue Fälle von Diabetes um 30 Prozent senkte - im Vergleich zur Standardbehandlung. Die zusätzliche Verabreichung von Atorvastatin reduzierte das verbleibende Risiko noch weiter, und zwar ungeachtet des ursprünglichen Cholesterinspiegels des Patienten.

Homocystein-Senkung mit Vitamin B6 und Folsäure beugt Neu-Infarkten nicht vor

Nicht erfüllt haben sich einer norwegischen NORVIT-Studie mit 3749 Patienten zufolge die Erwartungen, dass eine Homocystein-Senkung mittels Vitamin B6 und Folsäure Herzinfarkt-Patienten vor einem neuerlichen Infarkt oder einem Schlaganfall schützt. Zwar wurden Erwartungs-gemäß die Serum-Homocystein-Spiegel durch die Kombitherapie mit Vitamin B6 und Folsäure deutlich gesenkt, und zwar von 14 auf 9 Mikromol/Liter. Einen Einfluss auf das Infarktrisiko hatte das jedoch nicht. Im Gegenteil: in der Vitamin B6- und der Folsäure-Gruppe gab es sogar mehr Komplikationen.

Adipositas entwickelt sich zur weltweiten Epidemie

Einen hohen Stellenwert hatten in Stockholm auch Fragen der Prävention. So hat eine internationale Forschergruppe im REACH-Register (Reduction of Atherothrombosis for Continued Health) die internationale Verteilung des KHK-Risikofaktors Übergewichts untersucht. "Demnach sind 41 Prozent der Menschen weltweit mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 bis 30 als übergewichtig zu klassifizieren, und insgesamt 32 Prozent als adipös", berichtet Prof. Fleck. Untersucht hatten die Forscher knapp 65.000 Menschen in 47 Ländern. Prof. Fleck: "Nur 27 Prozent der Untersuchten sind demnach normalgewichtig oder unter dem Normalgewicht."

Während in Asien mit 54 Prozent und Lateinamerika mit immerhin noch 30 Prozent deutlich mehr Normalgewichtige leben als im Durchschnitt, liegen die USA (22 Prozent), der Nahe Osten (24 Prozent), Osteuropa (25 Prozent) und Westeuropa (26 Prozent) unter dem weltweiten Durchschnitt, was die Anzahl von Schlanken betrifft.

Metabolisches Syndrom und Diabetes: Zunehmend mehr Kinder betroffen

Eine rasch anwachsende Zahl von Kindern in der EU, so berichtete die International Obesity TaskForce 2005 in Stockholm, sind heute von klassischen Gesundheitsproblemen betroffen, die traditionell häufig mit dem fortgeschrittenen Lebensalter in Zusammenhang gebracht werden: So haben in den EU-Ländern geschätzte 210.000 Kinder bereits einen Diabetes Typ 2 entwickelt.

Folgerichtig war ein weiterer Schwerpunkt des ESC-Kongresses das metabolische Syndrom (MetS). Prof. Fleck: "Finnische Forscher berichteten nach der Auswertung von mehr als 10.000 Patientendaten, dass insgesamt 38 Prozent der untersuchten Männer und 36 Prozent der untersuchten Frauen bereits ein MetS aufwiesen." Innerhalb eines durchschnittlichen Zeitraumes von knapp neun Jahren zeigte sich, dass die Sterblichkeit aufgrund von Gefäßkrankheiten bei Männern mit einem MetS um 45 Prozent und bei Frauen um 73 Prozent erhöht war - gegenüber Männern und Frauen ohne MetS.

Kontakt:

Prof. Dr. Eckart Fleck, Pressesprecher der DGK (Berlin)
Christiane Limberg, Pressereferentin der DGK (Düsseldorf)
B&K, Bettschart & Kofler Medien- und Kommunikationsberatung (Wien); (0043-1) 3194378-18; bettschart@bkkommunikation.at

Christiane Limberg | idw
Weitere Informationen:
http://www.bkkommunikation.at

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