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4. Siegener Jahreskonferenz Risk Governance: "Wir wollen den Super-Crash verhindern"

12.10.2016

Die BWL-Professoren Arnd Wiedemann und Volker Stein von der Universität Siegen erforschen, wie Unternehmen vor Risiken und Skandalen geschützt werden können. Dazu veranstalten sie die 4. Siegener Jahreskonferenz Risk Governance.

Hätte der VW-Abgasskandal verhindert werden können? Zumindest die unternehmensbedrohliche Dimension hätte vermieden werden können, sagen Dr. Arnd Wiedemann und Dr. Volker Stein von der Uni Siegen. Die beiden BWL-Professoren erforschen, wie Unternehmen Risiken berechnen, abwägen und Gefahren frühzeitig erkennen können. Risk Governance, auf Deutsch risikoorientierte Unternehmensführung, nennen sie diese Methode. Volkswagen wurde von milliardenschweren Klagen aus den USA überrascht. Dabei hätte das Unternehmen eigentlich vorhersehen müssen, dass sein Fehlverhalten gerade in den USA besonders teuer werden würde, sagen die Forscher. Egal ob DAX-Konzern oder mittelständische Firma im Siegerland – von dieser Art der risikobewussten Unternehmensführung kann jedes Unternehmen profitieren. Das zeigen Experten am 12. und 13. Oktober bei der 4. Siegener Jahreskonferenz Risk Governance, die Wiedemann und Stein als Teil einer interdisziplinären Forschergruppe organisiert haben.


Die BWLer Arnd Wiedemann und Volker Stein (v.l.) organisieren als Teil einer interdisziplinären Forschergruppe die 4. Siegener Jahreskonferenz.

Universität Siegen

„Wenn Umweltschutz drauf steht, muss auch Umweltschutz drin stecken“, sagt Volker Stein, Professor für Personalmanagement und Organisation. Volkswagen habe seine Kunden getäuscht, die eigenen Ansprüche nicht ernst genug genommen und die Konsequenzen seines Handelns unterschätzt. Dabei wäre es relativ einfach gewesen, die Risiken nicht einzulösender Versprechen vorher durchzuspielen. Die Gesetze in den USA waren eindeutig: „Es war klar, dass ein solcher Skandal Gerichts- und Kompensationskosten nach sich ziehen würde. Das Image würde leiden und das Problem würde sich auf Europa ausweiten“, stellt Stein fest. Trotzdem hat VW es soweit kommen lassen – genau wie andere Unternehmen, die ungebremst in Skandale schlittern. Warum?

„Das Problem ist, dass oft nur finanzielle Risiken berechnet werden, weil das gut messbar ist: Wie viel Geld könnte ich verlieren?“, meint Wiedemann, Professor für Finanz- und Bankmanagement. Dabei gebe es andere Risiken, die genauso schwerwiegend sind: Imageverlust und Personalrisiken wie Entlassungen zum Beispiel. Die Unternehmensführungen sind sich laut Wiedemann oft nicht bewusst, dass all diese Risiken zusammenhängen und sich gegenseitig verschlimmern. Eine Abteilung werkelt vor sich hin und weiß nicht, was die Abteilung neben ihr tut. Sie müssten mehr und besser kommunizieren und sich vernetzen. Prof. Wiedemann: „Es geht darum, eine Risikokultur zu schaffen. Das gesamte Unternehmen muss Risiken mitdenken und das muss von ganz oben vorgelebt werden.“ Das ist auch deshalb wichtig, weil daran Arbeitsplätze und Kunden hängen.

„Bisher wird das Thema einfach nicht ernst genug genommen, das wollen wir ändern, indem wir das Bewusstsein dafür schärfen“, sagt Wiedemann. „Dass so traditionsreiche Konzerne wie VW plötzlich komplett ihren Ruf verlieren, ist schon beängstigend. Es zeigt aber, wie nötig Risk Governance ist. Damit wollen wir Unternehmen dabei unterstützen, den Super-Crash zu verhindern.“

Der Sinn ist nicht, jedes Risiko zu vermeiden, betont Wiedemann. Denn zu betriebswirtschaftlichem Handeln gehört immer eine Portion Risiko. Die Frage ist: Wie robust ist ein Unternehmen, wenn verschiedene als Risiken eingestufte Faktoren tatsächlich eintreten? Übertragen auf den Fall VW bedeutet diese Frage: Wenn die Öffentlichkeit bemerkt, dass das Unternehmen versucht, Abgasnormen zu umgehen, sind die Konsequenzen zu ertragen oder sollten sie unbedingt vermieden werden?

„Diese Art der Unternehmensführung kann jedes Unternehmen anwenden, egal wie groß, und egal, welche Branche“, meint Volker Stein. Das machen die beiden Professoren bei der 4. Siegener Jahreskonferenz Risk Governance deutlich. Der Fokus liegt in diesem Jahr auf dem Mittelstand. „Natürlich ist eine risikoorientierte Unternehmensführung auch für kleine Unternehmen wichtig, und davon haben wir im Siegerland viele wichtige. Schließlich hängen auch dort Arbeitsplätze von Risk Governance ab“, sagt Prof. Stein. „Wer vorausschauend mit den gesamtunternehmerischen Risiken – insbesondere in ihrer Vernetzung und ihrer Eigendynamik – umgeht, der kann Entlassungen vermeiden, das ist bewiesen.“

Damit Unternehmen mögliche Risiken vorhersagen können, sollten sie nicht mit veralteten Modellen arbeiten. Denn die sind laut Stein für die heutige, digitalisierte Zeit nicht mehr geeignet. „Wichtig ist, dass die Unternehmensführung Modelle hinterfragt und auch unwahrscheinliche Szenarien ernst nimmt“, erklärt Prof. Stein. Beispielsweise wären Negativzinsen vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. „Wenn wir möglichst viele Möglichkeiten durchspielen, hätten wir aber auch damals schon den Negativzins beachten müssen. Auch wenn das zu der Zeit verrückt geklungen hat“, sagt Prof. Wiedemann.

Ansprechpartner:
Univ.-Prof. Dr. Arnd Wiedemann
BWL: Finanz- und Bankmanagement, Universität Siegen
Telefon: 0271 740-2664
E-Mail: wiedemann@bank.wiwi.uni-siegen.de

Univ.-Prof. Dr. Volker Stein
BWL: Personalmanagement und Organisation, Universität Siegen
Telefon: 0271 740-3227
E-Mail: volker.stein@uni-siegen.de


Weitere Informationen:

http://www.uni-siegen.de/riskgovernance/

André Zeppenfeld | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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