Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vogelsterben am Bodensee

02.09.2019

Die Region hat innerhalb von 30 Jahren 120.000 Brutpaare verloren

Amsel, Drossel, Fink und Star – am Bodensee wäre die Vogelschar aus dem bekannten Kinderlied heute viel kleiner als noch vor 40 Jahren: Lebten 1980 am Bodensee noch rund 465.000 Brutpaare, waren es 2012 nur noch 345.000 – ein Verlust von 25 Prozent.


Selbst "Allerweltsvögel wie die Amsel werden immer weniger. Die Vögel leiden vor allem unter dem Mangel an Insekten und dem Verlust an Lebensraum.

MPI f. Max Planck Institut für Ornithologie/ Michael Dvorak


Unter den auf Wiesen und Feldern lebenden Vögeln haben besonders viele Arten stark abgenommen.

Max-Planck-Gesellschaft

Dies ist das Ergebnis einer Studie von Wissenschaftlern der Ornithologischen Arbeitsgruppe Bodensee und des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie. Einst häufige Vogelarten wie Haussperling, Amsel oder Star sind besonders stark zurückgegangen. Viele weitere Arten kommen nur noch in geringen, oft nicht mehr überlebensfähigen Populationen und an immer weniger Orten rund um den Bodensee vor.

Auf den ersten Blick erscheint die Bilanz der Zählungen von 1980 bis 2012 ausgewogen: Von den 158 rund um den Bodensee vorkommenden Vögeln haben 68 Arten zu- und 67 abgenommen, das entspricht jeweils rund 43 Prozent. Die Gesamtzahl an Arten hat sogar leicht zugenommen: Auf acht ausgestorbene Arten kommen 17, die sich neu oder wieder neu angesiedelt haben, darunter Weißstorch, Wanderfalke und Uhu, die von Schutzmaßnahmen profitiert haben.

Der Grund für diesen scheinbaren Widerspruch ist, dass vor allem häufig vorkommende Arten stark zurückgehen. Von den zehn häufigsten Vögeln am Bodensee haben sechs massiv abgenommen, zwei blieben unverändert und nur zwei haben zugenommen. Die Bestände des Haussperlings – 1980 noch die häufigste Art – sind zum Beispiel seither um 50 Prozent eingebrochen.

„Das sind wirklich erschütternde Zahlen – vor allem, wenn man bedenkt, dass der Rückgang der Vögel schon Jahrzehnte vor unserer ersten Datenerhebung 1980 begonnen hat“, erklärt Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. Auf längere Zeit gesehen dürften die Bestandsverluste also noch wesentlich höher sein.

Vogelfeindliche Agrarlandschaft

Auffällig ist, wie unterschiedlich die verschiedenen Lebensräume betroffen sind. Der Studie zufolge gehen die Vögel rund um den Bodensee vor allem in Landschaften zurück, die vom Menschen intensiv genutzt werden. Dies betrifft vor allem die heutige Agrarlandschaft: 71 Prozent der auf Wiesen und Feldern lebenden Arten verzeichnen zum Teil drastische Bestandseinbrüche. Das einstmals in der Agrarlandschaft häufige Rebhuhn zum Beispiel ist rund um den Bodensee inzwischen ausgestorben. Auch Raubwürger, Wiesenpieper und Steinkauz gibt es dort heute nicht mehr.

Einer der Hauptgründe für diesen Rückgang ist der Verlust von Nahrung. So haben den Ornithologen zufolge am Bodensee 75 Prozent der Fluginsekten-fressenden und 57 Prozent der sich von Landwirbellosen ernährenden Vogelarten abgenommen. „Dies bestätigt, was wir schon länger vermutet haben: Das durch den Menschen verursachte Insektensterben wirkt sich massiv auf unsere Vögel aus“, sagt Bauer. Hinzu kommt, dass die heutigen effizienten Erntemethoden kaum mehr Sämereien für körnerfressende Arten übriglassen. Außerdem zerstören das frühe und häufige Abmähen großer Flächen, der Anbau von Monokulturen, der frühzeitige Aufwuchs des Wintergetreides, Entwässerungsmaßnahmen und das Fehlen ungenutzter Brachflächen vielen Arten des Offenlandes den Lebensraum.

Aber nicht nur aus Wiesen und Feldern, auch aus den Dörfern und Städten rund um den Bodensee verschwinden die Vögel. „Ein gestiegenes Ordnungsbedürfnis und eine geringere Toleranz gegenüber Lärm und Schmutz macht den Vögeln zunehmend zu schaffen. Offensichtlich können die Tiere inmitten der Häuserschluchten, Zierbäume und sauberen Nutzgärten immer seltener erfolgreich brüten“, so Bauer. Selbst „Allerweltsvögel“ wie Amsel (minus 28 Prozent), Buchfink und Rotkehlchen (jeweils minus 24 Prozent) leiden massiv unter den sich verschlechternden Lebensbedingungen im Siedlungsbereich.

Gewinner und Verlierer im Wald und an Gewässern

Dagegen scheint es den Waldvögeln am Bodensee vergleichsweise gut zu gehen: 48 Prozent der im Wald lebenden Arten verzeichnen steigende Bestände, nur 35 Prozent gehen zurück. Ein Beispiel dafür ist der Buntspecht mit einem Zuwachs von 84 Prozent. Wie andere Spechte scheint auch er bislang von den größeren Holzmengen in den Wäldern profitiert zu haben. Auch rund um die Gewässer am Bodensee haben mehr Arten zu- als abgenommen. Zu den Gewinnern zählt hier zum Beispiel der Höckerschwan.

Trotzdem gehen auch in den Wäldern viele Vogelarten zurück. Die Bestände des Waldlaubsängers sind zum Beispiel um 98 Prozent eingebrochen, die des Sommergoldhähnchens um 61 Prozent. So macht sich auch am Bodensee die intensive Holznutzung mit kürzeren Fällintervallen bemerkbar. Selbst in Schutzgebieten werden Horstbäume sogar während der Brutzeit gefällt. Ältere Bäume werden häufig aus Gründen der Verkehrssicherung abgeholzt, in den Wäldern werden neue Wege angelegt und feuchte Stellen trockengelegt.

Alles in allem dokumentiert die letzte Bestandserfassung 2010-2012 dieselben Entwicklungen und Ursachen wie die vorhergehenden Zählungen. Teilweise hat sich die Situation im Vergleich jedoch nochmals deutlich verschlechtert. Es gibt kaum Anzeichen dafür, dass sich die Situation seither zum Positiven gewandelt hat. „Die Lebensbedingungen für Vögel rund um den Bodensee haben sich in den letzten sieben Jahren eher weiter verschlechtert. Die Bestandszahlen sind deshalb inzwischen vermutlich noch weiter gesunken“, so Bauer.
Deutschlandweiter Rückgang

Mit seiner vielfältigen Struktur und seiner Lage im Voralpenland bietet der Bodenseeraum an sich hervorragende Lebensbedingungen für Vögel. Die Veränderungen seiner Natur in den letzten Jahrzehnten sind jedoch typisch für dicht besiedelte Gebiete mit intensiver Land- und Forstwirtschaft. „Der Einbruch in den Bestandszahlen vieler Arten, wie wir sie am Bodensee festgestellt haben, findet deshalb mit großer Sicherheit auch in anderen Regionen statt“, sagt Bauer.

Die Studie ist eine der wenigen Langzeituntersuchungen über die Brutvogelbestände in Deutschland, die die Brutvogelbestände mit derselben Methode über einen so langen Zeitraum dokumentiert. An der jüngsten Datenerhebung von 2010 bis 2012 haben neben den Wissenschaftlern auch 90 ehrenamtliche Mitarbeiter teilgenommen und dabei sämtliche Vögel auf einer Fläche von rund 1.100 Quadratkilometern rund um den Bodensee gezählt. Zuvor hatten die Ornithologen die Bestände erstmals 1980 bis 1981 und dann im Zehn-Jahresrhythmus erfasst. Die nächste Zählung soll von 2020 bis 2022 stattfinden.

Maßnahmen gegen Artenschwund

Um den Verlust an Biodiversität aufzuhalten, fordern die Wissenschaftler ein Umdenken in der Landwirtschafts- und Forstpolitik. Maßnahmen, die Vögeln zugutekommen würden, sind unter anderem:

  • Drastische Beschränkung von Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln in der Land- und Forstwirtschaft, auf öffentlichen Flächen und in Privatgärten
  • Deutlich weniger Düngung
  • Umwandlung von mindestens zehn Prozent der Landwirtschaftsfläche zu ökologischen Vorrangflächen
  • Auf Teilflächen unbearbeitete Äcker und Wiesen während der Brutzeit und im Winter
  • Spätes Mähen außerhalb der Brutzeit der Wiesenvögel und die Erhaltung von Blühstreifen und Brachflächen zur Samenproduktion
  • Mindestens fünf Prozent der Waldfläche sollte völlig nutzungsfrei bleiben
  • Naturnahe Gärten mit einheimischen Pflanzen einrichten

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Hans-Günther Bauer
Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, Radolfzell / Konstanz
Tel.: +49 7732 150-150
Email: bauer@orn.mpg.de

Originalpublikation:

Hans-Günther Bauer, Georg Heine, Daniel Schmitz, Gernot Segelbacher & Stefan Werner
Starke Bestandsveränderungen der Brutvogelwelt des Bodenseegebietes – Ergebnisse aus vier flächendeckenden Brutvogelkartierungen in drei Jahrzehnten.
Vogelwelt 139: 3 – 29 (2019)

Weitere Informationen:

https://www.mpg.de/13848390/vogelsterben-bodensee?c=2191 Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft
https://www.mpg.de/biodiversitaet Themenseite Biodiversität

Dr. Harald Rösch | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Schiffsemissionen reduzieren – aber wie?
14.05.2020 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Wenn jedes Teilchen zählt: IOW entwickelt umfassende Verfahrensleitlinie zur Mikroplastik-Extraktion aus Umweltproben
08.05.2020 | Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neuartiges Covid-19-Schnelltestverfahren auf Basis innovativer DNA-Polymerasen entwickelt

Eine Forschungskooperation der Universität Konstanz unter Federführung von Professor Dr. Christof Hauck (Fachbereich Biologie) mit Beteiligung des Klinikum Konstanz, eines Konstanzer Diagnostiklabors und des Konstanzer Unternehmens myPOLS Biotec, einer Ausgründung aus der Arbeitsgruppe für Organische Chemie / Zelluläre Chemie der Universität Konstanz, hat ein neuartiges Covid-19-Schnelltestverfahren entwickelt. Dieser Test ermöglicht es, Ergebnisse in der Hälfte der Zeit zu ermitteln – im Vergleich zur klassischen Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR).

Die frühe Identifikation von Patienten, die mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) infiziert sind, ist zentrale Voraussetzung bei der globalen Bewältigung...

Im Focus: Textilherstellung für Weltraumantennen startet in die Industrialisierungsphase

Im Rahmen des EU-Projekts LEA (Large European Antenna) hat das Fraunhofer-Anwendungszentrum für Textile Faserkeramiken TFK in Münchberg gemeinsam mit den Unternehmen HPS GmbH und Iprotex GmbH & Co. KG ein reflektierendes Metallnetz für Weltraumantennen entwickelt, das ab August 2020 in die Produktion gehen wird.

Beim Stichwort Raumfahrt werden zunächst Assoziationen zu Forschungen auf Mond und Mars sowie zur Beobachtung ferner Galaxien geweckt. Für unseren Alltag sind...

Im Focus: Biotechnologie: Enzym setzt durch Licht neuartige Reaktion in Gang

In lebenden Zellen treiben Enzyme biochemische Stoffwechselprozesse an. Auch in der Biotechnologie sind sie als Katalysatoren gefragt, um zum Beispiel chemische Produkte wie Arzneimittel herzustellen. Forscher haben nun ein Enzym identifiziert, das durch die Beleuchtung mit blauem Licht katalytisch aktiv wird und eine Reaktion in Gang setzt, die in der Enzymatik bisher unbekannt war. Die Studie ist in „Nature Communications“ erschienen.

Enzyme – in jeder lebenden Zelle sind sie die zentralen Antreiber für biochemische Stoffwechselprozesse und machen dort Reaktionen möglich. Genau diese...

Im Focus: Biotechnology: Triggered by light, a novel way to switch on an enzyme

In living cells, enzymes drive biochemical metabolic processes enabling reactions to take place efficiently. It is this very ability which allows them to be used as catalysts in biotechnology, for example to create chemical products such as pharmaceutics. Researchers now identified an enzyme that, when illuminated with blue light, becomes catalytically active and initiates a reaction that was previously unknown in enzymatics. The study was published in "Nature Communications".

Enzymes: they are the central drivers for biochemical metabolic processes in every living cell, enabling reactions to take place efficiently. It is this very...

Im Focus: Innovative Sensornetze aus Satelliten

In Würzburg werden vier Kleinst-Satelliten auf ihren Start vorbereitet. Sie sollen sich in einer Formation bewegen und weltweit erstmals ihre dreidimensionale Anordnung im Orbit selbstständig kontrollieren.

Wenn ein Gegenstand wie der Planet Erde komplett ohne tote Winkel erfasst werden soll, muss man ihn aus verschiedenen Richtungen ansehen und die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Gebäudewärme mit "grünem" Wasserstoff oder "grünem" Strom?

26.05.2020 | Veranstaltungen

Dresden Nexus Conference 2020 - Gleicher Termin, virtuelles Format, Anmeldung geöffnet

19.05.2020 | Veranstaltungen

Urban Transport Conference 2020 in digitaler Form

18.05.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Ein wichtiger Schritt zum Neuromorphen Rechnen: richtungsweisende Arbeit aus Dresden

28.05.2020 | Materialwissenschaften

Wieso Radium-Monofluorid den Blick ins Universum fundamental verändern kann

28.05.2020 | Physik Astronomie

Neuartiges Covid-19-Schnelltestverfahren auf Basis innovativer DNA-Polymerasen entwickelt

28.05.2020 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics