Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mülldeponie am Ende der Welt

07.02.2013
Ökologen der Universität Jena legen Managementvorschläge für effektiveren Schutz der Antarktis vor
Die wohl berühmtesten Fußabdrücke haben im Juli 1969 die Amerikaner Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond hinterlassen. Seit die Astronauten mit der Apollo 11-Mission als erste Menschen die Oberfläche unseres Trabanten betreten haben, sind ihre Spuren dort nahezu unverändert. Und weil kein Windhauch sie jemals verwehen kann, werden sie wohl für alle Zeiten sichtbar bleiben.

Nicht ganz so alt, doch ebenso „unvergänglich“ sind viele Spuren, die Menschen am südlichen Pol der Erde hinterlassen haben. Das geht aus dem Bericht zur „Aktuellen Umweltsituation und Vorschläge zum Management der Fildes Peninsula Region“ hervor, den Wissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Auftrag des Umweltbundesamtes angefertigt haben und der jetzt veröffentlicht worden ist. Demnach ist die Natur in der Antarktis längst nicht mehr so unberührt, wie viele sich das vorstellen:

Die Müll-Realität in der Antarktis: Eine chinesische Mülllagerfläche in der Saison 2008/09 auf der Fildes-Halbinsel auf King George Island. Im Hintergrund die Station Great Wall. Foto: Anja Nordt/FSU

Fahrzeugreifen und -ketten haben kilometerweit die spärliche Vegetation durchpflügt, Überreste von Versuchsaufbauten und nicht mehr genutzte Feldhütten wittern langsam vor sich hin. Müll – teilweise mit Gefahrgut wie Chemikalienresten, ausrangierten Ölfässern oder Fahrzeugbatterien – liegt offen herum. Hinzu kommen ölverschmutzte Küstengewässer und Strände durch Ölhavarien oder mangelhaften Umgang mit Treibstoff in den Stationen.

„Mittlerweile haben wir in der Antarktis ein veritables Müllproblem“, sagt Dr. Hans-Ulrich Peter von der Universität Jena, der den Bericht federführend verfasst hat. Dies betreffe vor allem King Georg Island, eine Insel etwa 120 Kilometer vor dem antarktischen Kontinent. Dort, genauer auf der Fildes-Halbinsel, forscht der Ökologe seit 1983 regelmäßig und hat die Umweltveränderungen seither akribisch dokumentiert.

„Die Fildes-Halbinsel ist eines der größten eisfreien Gebiete der Antarktis mit vergleichsweise großer Biodiversität“, weiß Dr. Peter. Dies mache diese Region für die Wissenschaft besonders interessant. Allerdings habe das auch zur Folge, dass sich dort auf relativ engem Raum sechs permanent bewohnte Forschungsstationen inklusive Flugzeuglandebahn konzentrieren, was dieses Gebiet zum logistischen Drehkreuz der internationalen Antarktisforschung macht. Und das mit allen Folgen, die eine regelmäßige menschliche Besiedelung nach sich zieht. So haben die Ökologen der Uni Jena in den vergangenen knapp 30 Jahren festgestellt, dass neben globalen Klimaveränderungen, die in der Antarktis besonders gravierend spürbar sind, vor allem lokale Einflüsse des Menschen die Natur in der Südpolarregion bedrohen.

„Aufgrund der extremen klimatischen Bedingungen regeneriert sich die sensible Vegetation nur sehr langsam“, sagt Christina Braun aus Dr. Peters Team, die selbst bereits sieben Mal zu Forschungsaufenthalten auf der King George Insel war. „Fahrzeugspuren sind teilweise jahrzehntelang zu sehen.“ Neben den durch Fahrzeuge und Bautätigkeiten verursachten Vegetationsschäden, sei die einzigartige Flora der Antarktis aber auch von eingeschleppten Pflanzen bedroht, so Christina Braun. „Bereits vor einigen Jahren haben wir in der Nähe der russischen Forschungsstation Bellingshausen nicht-heimische Gräser gefunden.“ Auch Insekten und andere Tier- und Pflanzenarten, die von Expeditionsteilnehmern eingeschleppt werden, sind eine Gefahr für das Ökosystem.

„Wenn es kein grundlegendes Umsteuern gibt, werden sich diese negativen Umwelteinflüsse in den kommenden Jahren noch verstärken“, befürchtet Hans-Ulrich Peter. Daher schlagen die Jenaer Ökologen in ihrer rund 130 Seiten starken Publikation konkrete Maßnahmen zum Management der sensiblen Region vor: Kernpunkt ist das Ausweisen der Fildes-Halbinsel als „besonderes antarktisches Verwaltungsgebiet“ (engl: Antarctic Specially Managed Area, kurz „ASMA“). Mit diesem Instrument der besonderen Verwaltung wären für die Nutzung des Gebietes rechtlich verbindlich umweltgerechte Standards festgelegt, die die Interessenkonflikte zwischen Wissenschaft, Logistik, Tourismus und dem Schutz geologischer und historischer Stätten sowie der Natur reduzieren sollen. Allerdings blockiere die Uneinigkeit unter den Antarktis-Vertragsstaaten bislang eine Umsetzung dieses Vorschlags, bedauert Dr. Peter.

Der Ökologe ist gerade von seiner mittlerweile 23. Expedition in die Antarktis nach Jena zurückgekehrt.
Der vollständige Bericht in deutscher Sprache ist im Internet abrufbar unter: http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/4423.pdf bzw. in Englisch unter:
http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/4424.pdf.

Kontakt:
Dr. Hans-Ulrich Peter
Institut für Ökologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dornburger Straße 159, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 949415
E-Mail: Hans-Ulrich.Peter[at]uni-jena.de

Ute Schönfelder | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de/
http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/4424.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Umweltressourcen nachhaltig nutzen
17.07.2018 | Leibniz Universität Hannover

nachricht Mikroplastik – überall und in großen Mengen
12.07.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik

20.07.2018 | Physik Astronomie

Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics