Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kabeljau: vom Jäger zum Gejagten

05.08.2010
Nachhaltige Bestandsbewirtschaftung setzt Wissen um ökologische Zusammenhänge voraus / ForschungsReport mit Themenheft zur Biologischen Vielfalt

Der Kabeljau wird häufig als Musterbeispiel für die Übernutzung von Fischbeständen angeführt. In der Nordsee konnten in den letzten Jahren nicht einmal mehr 10 Prozent der Mengen gefangen werden, die zu Spitzenzeiten in der 1970er Jahren angelandet wurden. Kabeljaubestände in anderen Meeresgebieten sind in deutlich besserem Zustand.

Welche Faktoren neben der Fischerei über das Wohl und Wehe der einzelnen Bestände entscheiden, zeigen Fischereibiologen des Johann Heinrich von Thünen-Instituts (vTI) in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins ForschungsReport. Es ergeben sich faszinierende Einblicke in das Beziehungsgeflecht von Meeresökosystemen.

Der Kabeljau ist ein Raubfisch, der in kalten und kühlen Gewässern der Nordhalbkugel vorkommt. Die Abkühlung des Nordseewassers in den frühen 60er Jahren beeinflusste die Häufigkeit und Zusammensetzung des Zooplanktons so positiv für die Plankton fressenden Kabeljaularven, dass der Bestand die eigentlich zu intensive Fischerei abpuffern konnte, denn die überdurchschnittlichen Überlebensraten der Jungfische wirkten als Ausgleich. Mit der zunehmenden Erwärmung Anfang der 80er Jahre verschlechterte sich die Nahrungssituation für die Larven des Kabeljau, was zusammen mit unvermindertem Fischereidruck schließlich zum Zusammenbruch des Bestandes führte. Neben den nach wie vor ungünstigen Umweltbedingungen für den Nachwuchs wird die ökologische Nische des Kabeljau seit Ende der 80er Jahre auch zunehmend vom Grauen Knurrhahn besetzt, einer Art, die sich zudem mit Vorliebe von Jungfischen ernährt. So fanden sich bei Magenuntersuchungen von größeren Knurrhähnen bis zu einem Drittel junge Kabeljaue in der Nahrung dieses Räubers.

Zusammen mit der Universität Hamburg arbeiten die Forscher des vTI intensiv an einem besseren Verständnis der klima- und fischereibedingten Änderungen des komplizierten Nahrungsgeflechts in der Nordsee. Denn nur mit einem umfassenden Verständnis dieser Zusammenhänge wird es möglich, klare Antworten darauf zu geben, in welcher Form und Intensität die Fischerei künftig in unseren Meeresökosystemen ausgeübt werden sollte.

Auch in der östlichen Ostsee hat der Kabeljau, dort Dorsch genannt, einen schweren Stand. Neben der relativ hohen Temperatur und den niedrigen Sauerstoff- und Salzgehalten des Wassers wirken sich vor allem die Sprotten negativ auf den Bestand aus, denn sie treten dort in Nahrungskonkurrenz zu den verbliebenen Dorschlarven. An die Wasserbedingungen der letzten Jahre besser angepasst, ist die Sprottenpopulation auf ein Rekordniveau angewachsen, und die sonst vom Kabeljau gejagte Art wird nun selbst zum Jäger: Die zahlreichen erwachsenen Sprotten fressen die spärlichen Dorscheier – die ursprüngliche Räuber/Beute-Kontrolle hat sich umgedreht. Neben den intensiven Auswirkungen der Fischerei sind es solche ökologischen Zusammenhänge, die die Bestandsentwicklung wirtschaftlich wichtiger Fischarten beeinflussen. Eine Berücksichtigung dieser Beziehungsgeflechte, so betonen die Fischereiforscher des vTI, wird für das Fischereimanagement der Zukunft immer stärker von Bedeutung werden.

Der 56-seitige ForschungsReport 1/2010 mit dem Themenschwerpunkt „Biologische Vielfalt und Ernährungsqualität“ kann kostenlos bezogen werden über den Senat der Bundesforschungsinstitute, c/o vTI, Bundesallee 50, 38116 Braunschweig. Tel.: 0531 / 596-1016, E-mail: michael.welling@vti.bund.de

Dr. Michael Welling | idw
Weitere Informationen:
http://www.forschungsreport.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Hitzewellen im Meer bedrohen Ökosysteme
16.08.2018 | Universität Bern

nachricht Meeresmüll in entlegensten Regionen
13.08.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Mischung macht‘s: Jülicher Forscher entwickeln schnellladefähige Festkörperbatterie

Mit Festkörperbatterien sind aktuell große Hoffnungen verbunden. Sie enthalten keine flüssigen Teile, die auslaufen oder in Brand geraten könnten. Aus diesem Grund sind sie unempfindlich gegenüber Hitze und gelten als noch deutlich sicherer, zuverlässiger und langlebiger als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Jülicher Wissenschaftler haben nun ein neues Konzept vorgestellt, das zehnmal größere Ströme beim Laden und Entladen erlaubt als in der Fachliteratur bislang beschrieben. Die Verbesserung erzielten sie durch eine „clevere“ Materialwahl. Alle Komponenten wurden aus Phosphatverbindungen gefertigt, die chemisch und mechanisch sehr gut zusammenpassen.

Die geringe Stromstärke gilt als einer der Knackpunkte bei der Entwicklung von Festkörperbatterien. Sie führt dazu, dass die Batterien relativ viel Zeit zum...

Im Focus: It’s All in the Mix: Jülich Researchers are Developing Fast-Charging Solid-State Batteries

There are currently great hopes for solid-state batteries. They contain no liquid parts that could leak or catch fire. For this reason, they do not require cooling and are considered to be much safer, more reliable, and longer lasting than traditional lithium-ion batteries. Jülich scientists have now introduced a new concept that allows currents up to ten times greater during charging and discharging than previously described in the literature. The improvement was achieved by a “clever” choice of materials with a focus on consistently good compatibility. All components were made from phosphate compounds, which are well matched both chemically and mechanically.

The low current is considered one of the biggest hurdles in the development of solid-state batteries. It is the reason why the batteries take a relatively long...

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Dialog an Deck, Science Slam und Pong-Battle

21.08.2018 | Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Superauflösende Mikroskopie - Neue Markierungssonden im Nanomaßstab

21.08.2018 | Physik Astronomie

Browser-Plugin für mehr Internet-Sicherheit

21.08.2018 | Informationstechnologie

Aussicht auf neue Therapie bei rheumatoider Arthritis

21.08.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics