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Was haben gesunde Pflanzen mit der Berliner Gassenverordnung von 1660 zu tun?

09.09.2010
Ob es um Grünflächen zur Therapie von Kranken, gesundheitsfördernde Pflanzenstoffe oder die Sicherung der Welternährung geht: Immer wird von gesunden Pflanzen ausgegangen, die selbst frei von Krankheiten sind.

In der öffentlichen Wahrnehmung reduziert sich Pflanzenschutz oft auf die Anwendung chemischer Mittel. Dass Pflanzenschutz mehr ist, zeigte die Plenarveranstaltung zur 57. Pflanzenschutztagung in Berlin. Experten beleuchteten das Motto "Gesunde Pflanzen – gesunder Mensch". So drohten laut der Berliner Gassenverordnung - eines der ältesten Gesetze zum Schutz von Pflanzen - drakonische Strafen, wenn man Äste der 1647 gepflanzten Linden von "Unter den Linden" als Brennholz missbrauchte.

(Berlin) Ob es um Pflanzen zur Therapie von Kranken, ihre Funktion bei der Vorbeugung von Krankheiten oder die Sicherung der Welternährung geht: Immer wird von gesunden Pflanzen ausgegangen, die selbst frei von Krankheiten und Schädlingen sind. In der öffentlichen Wahrnehmung reduziert sich Pflanzenschutz meist auf die Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel. Dass Pflanzenschutz weit mehr ist, zeigt die Geschichte und die heutige Praxis. Aktuellste Forschungen werden derzeit auf der 57. Deutschen Pflanzenschutztagung an der Humboldt-Universität Berlin mit mehr als 1300 Teilnehmern diskutiert.

So wird die Berliner Gassenverordnung in diesem Jahr 350 Jahre alt und ist eines der ältesten Gesetze zum Schutz von Pflanzen. Mit drakonischen Strafen (Hand abhacken) wurde verhindert, dass die 1647 gepflanzten, heute noch berühmten Linden "Unter den Linden" von Tieren verbissen bzw. Äste als Brennholz verwendet wurden. In der Plenarveranstaltung zur Pflanzenschutztagung spannte Prof. Dr. Hartmut Balder von der Beuth Hochschule für Technik, Berlin, den Bogen vom Schutz der Pflanzen früher und heute. Zum Motto der Veranstaltung "Gesunde Pflanzen – gesunder Mensch" gaben drei Experten aus ihren Arbeitsgebieten Statements ab: Dr. Fischer-Colbrie (Österreichische Gartenbaugesellschaft, Wien), Prof. Dr. Watzl (Max-Rubner-Institut, Karlsruhe) und Prof. Dr. Deising (Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg).

Dr. Fischer-Colbrie erläuterte eine in Mitteleuropa sehr junge Disziplin, die Gartentherapie, und griff bewusst die positive Wirkung der Natur auf die Genesung von Menschen auf. Untersuchungen belegen zum Beispiel, dass herzkranke Patienten einen nachweislich niedrigeren Puls haben, wenn sie Spaziergänge machen bzw. zu Gartenarbeiten herangezogen werden. Auch bei Kindern mit ADHD-Symptomen ist bekannt, dass die Symptome umso geringer sind, je "grüner" die Umgebung ist. Intensiv beschäftigt sich Fischer-Colbrie mit der Anlage von kleinen grünen Inseln in Asylbewerberheimen. Gartentherapie hatte eindeutig positive Auswirkungen auf die Lebenseinstellung von Asylbewerbern und deren Betreuern. "Der positive Wohlfühlfaktor, den Pflanzen haben, ist eindeutig von enormer Bedeutung für das Gesund-Sein, das Gesund-Werden von Menschen – gerade in der Zukunft", ist Fischer-Colbrie überzeugt.

Prof. Watzl vom Max Rubner-Institut in Karlsruhe betrachtete die Ernährung der Zukunft. Die Forschungen der letzten 20 Jahre beschäftigen sich vor allem damit, welche Pflanzenstoffe uns vor Krankheiten schützen können. Alle Untersuchungen belegen eindeutig, dass Lebensmittel aus Pflanzen eine vorbeugende Wirkung gegen eine Vielzahl von Zivilisationskrankheiten haben", so Watzl. Dafür sind vor allem die so genannten sekundären Pflanzenstoffen verantwortlich. Mehrere groß angelegte Studien aus verschiedenen Ländern und Kontinenten kommen zum gleichen Ergebnis: Im Körper werden weniger Stoffe gefunden, die Entzündungen hervorrufen können, wenn verstärkt pflanzliche Lebensmittel gegessen werden. Ein gesunder Lebensstil, der u. a. durch eine überwiegend pflanzliche Ernährung charakterisiert ist, reduziert zum Beispiel das Risiko um 93 % an Diabetes zu erkranken oder um 81 %, einen Herzinfarkt zu erleiden. Je mehr Portionen Obst oder Gemüse täglich gegessen werden, desto geringer ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zwischen ökologisch und konventionell erzeugten Äpfeln ergaben die Untersuchungen keinen Unterschied, was die vorbeugende Gesundheitswirkung angeht.

Pflanzen sind für die Ernährung essenziell, gestalten Lebensräume und können Krankheiten vorbeugen. Dafür müssen sie gesund bleiben. „Ohne Pflanzenschutz würde nur die Hälfte des Getreides geerntet werden“, verdeutlicht Prof. Dr. Deising von der Universität Halle die drastischen Folgen, “ und das bei einer stets wachsenden Unterernährung in vielen Ländern“. Deising sprach sich dafür aus, die Vielzahl an Maßnahmen des Pflanzenschutzes auszuschöpfen und zu nutzen, um die Ernährung von morgen zu sichern. Zukunftsweisend sind für ihn Forschungen an gentechnisch veränderten Pflanzen, die sehr widerstandsfähig gegenüber Krankheiten sind und gleichzeitig helfen, die Menge der ausgebrachten Pflanzenschutzmittel zu reduzieren.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Fischer-Colbrie
Präsident der Österreichischen Gartenbaugesellschaft (ÖGG), Wien
E-Mail: pfc@aon.at oder oegg@oegg.or.at
Prof. Dr. Watzl
Max Rubner-Institut (MRI), Karsruhe
E-Mail: bernhard.watzl@mri.bund.de
Prof. Dr. Deising
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle
E-Mail: holger.deising@landw.uni-halle.de
Prof. Dr. Balder
Beuth Hochschule für Technik Berlin
E-Mail: balder@beuth-hochschule.de

Dr. Gerlinde Nachtigall | idw
Weitere Informationen:
http://www.jki.bund.de

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