Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geckos im Ausverkauf - europäischer Haustier-Handel gefährdet Überleben seltener Reptilien-Arten

13.07.2016

Reptilien sind äußerst beliebte Haustiere, der Handel boomt. Zwischen 2004 und 2014 hat die EU offiziell fast 21 Millionen lebende Exemplare importiert, mehr als sechs Millionen davon sind auf dem deutschen Markt gelandet. Darunter sind auch viele Vertreter von bedrohten Arten, mit denen sich extrem hohe Gewinne erzielen lassen. Ein internationales Experten-Team um Mark Auliya vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig hat nun die Folgen solcher Geschäfte dokumentiert. Die große Nachfrage auf dem europäischen Markt gefährdet bereits das Überleben etlicher Arten in aller Welt, warnen die Forscher im Fachjournal Biological Conservation.

Sie gehören zu den seltensten Reptilien der Welt. Nicht einmal 250 erwachsene Schnabelbrust-Schildkröten sollen neusten Erhebungen zufolge noch durch die Trockenwälder im Nordwesten Madagaskars krabbeln. Damit steht die Art mit dem wissenschaftlichen Namen Astrochelys yniphora kurz vor dem Aussterben.


Die gehörnte Agame Ceratophora stoddartii, die nur auf Sri Lanka anzutreffen ist, steht nicht auf der CITES-Liste bedrohter Arten und wird paarweise für ca. 1200 Euro angeboten.

Ruchira Somaweera


Dieser bunte Gecko Cnemaspis psychedelica wurde erst 2010 entdeckt. Der Endemit lebt ausschließlich auf der gerade einmal acht Quadratkil

Lee Grismer

Zwar hatte die Regierung des Inselstaates 1997 eigens den Baly Bay Nationalpark ausgewiesen, um die verbliebenen Tiere zu schützen. Und der internationale Handel mit dieser Art ist komplett verboten. Doch das scheint Tierfänger und Schmuggler nicht abzuschrecken. So wurden im März 2013 am Flughafen in Bangkok 54 Madagassische Schnabelbrust-Schildkröten beschlagnahmt. Die Nachfrage von Reptilien-Fans aus Asien, Europa und den USA droht die Schutzbemühungen der letzten 30 Jahre wieder zunichte zu machen.

Die Schildkröte ist kein Einzelfall. Für ihre Studie haben 37 Wissenschaftler, Naturschützer und Zollbeamte aus 22 Ländern zahlreiche weitere Beispiele von Arten zusammengetragen, für die der Haustier-Markt zu einem ernsthaften Problem geworden ist. Dabei soll das Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES einen solchen Ausverkauf der Natur eigentlich verhindern. Dieses Abkommen, das inzwischen 182 Staaten einschließlich der EU unterzeichnet haben, reguliert den internationalen Handel mit bedrohten Tieren und Pflanzen.

In seinem Anhang I sind besonders stark gefährdete Arten aufgelistet, die gar nicht mehr zu kommerziellen Zwecken ein- und ausgeführt werden dürfen. Der Anhang II enthält zahlreiche weitere Spezies, für deren Handel man eine spezielle Genehmigung braucht. „Mehr als 90 Prozent der Reptilienarten werden von CITES allerdings gar nicht erfasst“, kritisiert Mark Auliya. Weltweit haben Biologen bisher mehr als 10.000 Vertreter dieser Tiergruppe beschrieben. Gerade einmal 793 davon fallen derzeit unter die Handelsbeschränkungen.

Viele andere bedrohte Reptilien, die auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN stehen, haben es bisher dagegen nicht auf die CITES-Anhänge geschafft. Die Orlov-Viper Vipera orlovi zum Beispiel gilt als vom Aussterben bedroht, nicht einmal 250 erwachsene Tiere kriechen noch durch eine kleine Region im Kaukasus. Trotzdem ist der internationale Handel mit diesen Schlangen nicht reguliert. Genauso wenig wie der mit verschiedenen seltenen Geckos aus Madagaskar und Neukaledonien.

Gerade solche Arten aber sind unter Sammlern besonders gefragt. Denn obwohl sie Seltenheitswert haben, kann man sie trotzdem legal und ohne größeren bürokratischen Aufwand erwerben. Warum also gilt CITES nicht für alle bedrohten Tiere und Pflanzen? „Das liegt zum einen daran, dass der internationale Handel nicht für jede gefährdete Art ein Problem ist“, erklärt Mark Auliya. Es gibt aber auch genügend Fälle, in denen die Aufnahme auf die Anhänge nur an wirtschaftlichen Interessen oder mangelndem politischem Willen scheitert.

Auch wenn eine Art unter dem Schutz des Abkommens steht, ist sie damit allerdings nicht unbedingt in Sicherheit. Immerhin gilt der illegale Handel mit Wildtieren mittlerweile als ähnlich lukratives Verbrechen wie Drogen-, Waffen- und Menschenhandel. Entsprechend groß ist der Anreiz, die Schutzbestimmungen zu umgehen. Eine Möglichkeit sind zum Beispiel gefälschte Papiere. Da verwandelt sich dann eine CITES-Art im Handumdrehen in einen ungeschützten Verwandten. Oder ein in freier Natur gefangenes Tier in eine angebliche Nachzucht aus Gefangenschaft. Mit diesem Trick gelangen zum Beispiel viele Warane aus Indonesien oder Chamäleons aus Madagaskar auf den Markt.

Doch immer wieder gibt es auch Fälle, in denen sich die Schmuggler gar nicht erst mit Papierkram aufhalten. Da werden interessante Arten heimlich in Koffern oder am eigenen Körper über die Grenzen geschafft, oft von eigens dafür angeheuerten Schein-Touristen. Der Einfallsreichtum ist dabei erstaunlich. Im September 2007 wurde ein US-Amerikaner verhaftet, der drei Fidschi-Leguane der Art Brachylophus bulabula in einer Beinprothese versteckt hatte.

„Dieser Schmuggel ist teilweise kartellartig organisiert“, erklärt Mark Auliya. Dabei wissen die Beteiligten sehr genau, mit welchen Tieren sich die höchsten Preise erzielen lassen: Gefragt sind immer die Raritäten. Neben geschützten Arten geraten deshalb oft auch wissenschaftliche Neuentdeckungen ins Visier. Oder sogenannte Endemiten, die weltweit nur in einem sehr kleinen Verbreitungsgebiet vorkommen. Kein Wunder also, dass der erst seit 2010 bekannte Gecko Cnemaspis psychedelica in kürzester Zeit populär geworden ist. Schließlich schmückt sich dieses kleine Reptil nicht nur mit Farben wie aus einem Drogenrausch, sondern lebt auch nur auf der gerade einmal acht Quadratkilometer großen Insel Hon Khoai in Vietnam. Seit 2013 wird es in Europa regelmäßig zum Verkauf angeboten - für 2500 bis 3000 Euro pro Paar.

„Regionen, in denen viele solcher einzigartigen Reptilien leben, stehen besonders stark im Fokus der Schmuggler“, sagt Mark Auliya. Dazu gehören zum Beispiel Mexiko, Sri Lanka oder Madagaskar. In vielen betroffenen Ländern machen Armut, schlechte Ausstattung der Behörden und mangelnde Kontrollen die illegalen Geschäfte besonders leicht. Doch selbst in Australien oder Neuseeland, die strenge Schutzgesetze und eine gut funktionierende Strafverfolgung haben, bleibt die einmalige Fauna nicht verschont.

Gerade für Arten mit kleinen Beständen und eng begrenzten Verbreitungsgebieten kann der Reptilienschmuggel der Studie zufolge dramatische Folgen haben. Doch auch größere Populationen verkraften oft keine zu intensive Nutzung. So werden Schildkröten und große Echsen sehr alt und vermehren sich nur langsam. Massenhafte Verluste durch Tierfänger können ihre Bestände daher schlecht kompensieren.

Was also tun, um den Ausverkauf der Reptilien zu verhindern? Mark Auliya plädiert zum einen für striktere Auflagen, die alle CITES-Mitgliedsstaaten zu einem besseren Schutz ihrer eigenen Vorkommen verpflichten. „Zum anderen müssen aber auch wichtige Importeure wie die EU Verantwortung übernehmen“, betont der Experte. Handlungsbedarf sieht er zum Beispiel bei Arten wie dem sehr begehrten Borneo-Taubwaran Lanthanotus borneensis, für den europäische Reptilienfans derzeit rund 3000 Euro pro Paar auf den Tisch legen.

In ihrer Heimat ist die Art zwar geschützt, sie steht bisher aber nicht auf den CITES-Anhängen. Das bedeutet, dass Schmuggler solche Tiere nur einmal aus Borneo herausschaffen müssen. Dann können sie diese ganz offen auf dem europäischen Markt anbieten. In den USA dagegen ist der Handel auch mit Arten verboten, die nicht in den Anhängen von CITES stehen, aber in ihrem Heimatland geschützt sind. „Die EU diskutiert derzeit über die Einführung einer ähnlichen Regelung“, sagt Mark Auliya. „Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung“.

Publikation:
Mark Auliya et al. (2016): Trade in live reptiles, its impact on wild populations, and the role of the European market.
Biological Conservation, Online-Ausgabe
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0006320716301987

Weiterführende Links:
UFZ-Newsletter März 2016 / Seite 6-8: http://www.ufz.de/newsletter/ufz/Maerz2016/index.html#/6
http://www.cites.org/
http://www.iucnredlist.org/

Weiterführende Informationen:
Dr. Mark Auliya
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Department Naturschutzforschung
e-Mail: mark.auliya@ufz.de
http://www.ufz.de/index.php?de=38972

UFZ-Pressestelle
Susanne Hufe
Telefon: +49 341 235-1630
presse@ufz.de

Susanne Hufe | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Umweltressourcen nachhaltig nutzen
17.07.2018 | Leibniz Universität Hannover

nachricht Mikroplastik – überall und in großen Mengen
12.07.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Europaweit erste Patientin mit neuem Hybridgerät zur Strahlentherapie behandelt

19.07.2018 | Medizintechnik

Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

19.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics