Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fischerei und Klimaschwankungen entscheiden über das Schicksal der Nordsee-Heringe

24.02.2010
Fischereiforscher: Langfristige Klimazyklen steuern die Überlebenschancen des Heringsnachwuchses

Der Hering zählt für die Nordseefischer traditionell zu den ganz wichtigen Arten. Allein im letzten Jahr landeten deutsche Fischer rund 37.500 Tonnen dieser in großen Schwärmen auftretenden Fische an. In den 90er Jahren waren es noch deutlich weniger, die Bestände galten als überfischt.

Forscher des Johann Heinrich von Thünen-Instituts (vTI) in Hamburg haben jetzt herausgefunden, dass die Bestandsschwankungen offenbar wesentlich stärker als bislang vermutet auf eine Kombination aus Fischereiaktivität und klimazyklischen Veränderungen im Nordatlantik zurückzuführen sind. Ein auf Nachhaltigkeit abzielendes Fischereimanagement wird sich daran orientieren müssen.

Die Bestände des Nordseeherings hatten sich von dem niedrigen Niveau Mitte der 1990er Jahre wieder gut erholt. Seit kurzem ist jedoch ein erneuter Rückgang der geschlechtsreifen Heringe zu beobachten. Die Produktion von Fischbeständen wird generell durch zwei Prozesse bestimmt: zum einen durch die Zunahme der Biomasse aufgrund von Wachstum, zum anderen durch die Erzeugung des Nachwuchses, auch Reproduktion oder Rekrutierung genannt. Beide Prozesse werden durch Veränderungen der Umwelt beeinflusst, die natürlichen oder menschlichen Ursprungs sein können (z. B. Klima, Strömungsverhältnisse, Fischerei).

Der allmählich stärker werdende Bestandsrückgang ist offenbar durch mehrere aufeinander folgende, sehr schwache Nachwuchsjahrgänge bedingt. Obwohl die vorhandenen Elterntiere genügend Eier produzieren, wachsen diese nicht in ausreichender Stückzahl über das Larvenstadium hinaus, sodass zu wenig Heringe bis zur Geschlechtsreife gelangen. Ein internationales Forscherteam um Dr. Joachim Gröger vom vTI-Institut für Seefischerei hat jetzt mit Hilfe mathematischer Modelle gezeigt, dass der Reproduktionserfolg des Nordseeherings von dem Zusammenwirken verschiedener Klimazyklen wesentlich mitbestimmt wird. Sie untersuchten dazu Datenreihen der so genannten Nordatlantischen Oszillation (NAO) und der Atlantischen Multi-Dekadischen Oszillation (AMO) aus den letzten 50 Jahren. Bei der NAO handelt es sich um zyklische Schwankungen des Druckverhältnisses zwischen dem Islandtief im Norden und dem Azorenhoch im Süden des Nordatlantiks, der AMO-Index beschreibt die zyklischen Temperaturveränderungen der Wasseroberfläche im Nordatlantik.

Danach sind niedrige Temperaturen der Wasseroberfläche im Winter, speziell im Februar, für den geringen Überlebenserfolg der Larven über das Dottersackstadium hinaus verantwortlich, wenn gleichzeitig die Nordatlantische Oszillation sehr niedrige Werte aufweist. Dies gilt unabhängig vom Fischereidruck auf die Elterntiere. Bei hohen Werten hingegen verliert sich der Zusammenhang zwischen Temperatur und Überlebenserfolg des Nachwuchses. Da sich die Effekte mit einer Verzögerung von 3 bis 5 Jahren auswirken, ist zu vermuten, dass sie nur indirekt auf die Heringslarven Einfluss nehmen, zum Beispiel über Veränderungen der Strömungsmuster, der Winddrift und die Verfügbarkeit geeigneter Nahrung. Ein sporadisch auftretender Kannibalismus dürfte ebenfalls letztlich klimatische Ursachen haben, da über die Änderungen in den Meeresströmungen die räumliche Überlappung von älteren Heringslarven mit erwachsenen Heringen beeinflusst wird.

Ihre Ergebnisse haben Joachim Gröger und Mitarbeiter jetzt im Fachblatt "ICES Journal of Marine Science" veröffentlicht. Sie konnten zum Beispiel statistisch nachweisen, dass der Rekrutierungseinbruch in den 1970er Jahren, anders als bisher angenommen, nicht allein durch Überfischung verursacht wurde, sondern durch eine Kombination von Klimaeinfluss und Überfischung. "Ein verantwortliches Fischereimanagement muss den Fischereidruck frühzeitig an derartige Umweltveränderungen anpassen", folgert Gröger. "Auf diese Weise haben die Fischer die Chance, einen Bestandszusammenbruch wie in den 70er Jahren künftig verhindern zu können."

Die Originalarbeit "Slave to the rhythm: how large-scale climate cycles trigger herring (Clupea harengus) regeneration in the North Sea" von Joachim P. Gröger, Gordon H. Kruse und Norbert Rohlf ist publiziert im ICES Journal of Marine Science (2009).

Kontakt:
PD Dr. Joachim Gröger
Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI)
Institut für Seefischerei, Hamburg
Tel.: 040 38905-266
E-mail: joachim.groeger@vti.bund.de

Dr. Michael Welling | idw
Weitere Informationen:
http://www.vti.bund.de
http://www.vti.bund.de/de/aktuelles/presse/pdf/100223_Hering-paper.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Smogbekämpfung fördert Solarstrom
06.12.2018 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Von der Arktis bis zu den Tropen: Forscher präsentieren einmalige Datenbank zur Vegetation der Erde
20.11.2018 | Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tödliche Kombination: Medikamenten-Cocktail dreht Krebszellen den Saft ab

Zusammen mit einem Blutdrucksenker hemmt ein häufig verwendetes Diabetes-Medikament gezielt das Krebswachstum – dies haben Forschende am Biozentrum der Universität Basel vor zwei Jahren entdeckt. In einer Folgestudie, die kürzlich in «Cell Reports» veröffentlicht wurde, berichten die Wissenschaftler nun, dass dieser Medikamenten-Cocktail die Energieversorgung von Krebszellen kappt und sie dadurch abtötet.

Das oft verschriebene Diabetes-Medikament Metformin senkt nicht nur den Blutzuckerspiegel, sondern hat auch eine krebshemmende Wirkung. Jedoch ist die gängige...

Im Focus: Lethal combination: Drug cocktail turns off the juice to cancer cells

A widely used diabetes medication combined with an antihypertensive drug specifically inhibits tumor growth – this was discovered by researchers from the University of Basel’s Biozentrum two years ago. In a follow-up study, recently published in “Cell Reports”, the scientists report that this drug cocktail induces cancer cell death by switching off their energy supply.

The widely used anti-diabetes drug metformin not only reduces blood sugar but also has an anti-cancer effect. However, the metformin dose commonly used in the...

Im Focus: New Foldable Drone Flies through Narrow Holes in Rescue Missions

A research team from the University of Zurich has developed a new drone that can retract its propeller arms in flight and make itself small to fit through narrow gaps and holes. This is particularly useful when searching for victims of natural disasters.

Inspecting a damaged building after an earthquake or during a fire is exactly the kind of job that human rescuers would like drones to do for them. A flying...

Im Focus: Neuartige Lasertechnik für chemische Sensoren in Mikrochip-Größe

Von „Frequenzkämmen“ spricht man bei speziellem Laserlicht, das sich optimal für chemische Sensoren eignet. Eine revolutionäre Technik der TU Wien erzeugt dieses Licht nun viel einfacher und robuster als bisher.

Ein gewöhnlicher Laser hat genau eine Farbe. Alle Photonen, die er abstrahlt, haben genau dieselbe Wellenlänge. Es gibt allerdings auch Laser, deren Licht...

Im Focus: Topological material switched off and on for the first time

Key advance for future topological transistors

Over the last decade, there has been much excitement about the discovery, recognised by the Nobel Prize in Physics only two years ago, that there are two types...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

ICTM Conference 2019 in Aachen: Digitalisierung als Zukunftstrend für den Turbomaschinenbau

12.12.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Januar und Februar 2019

11.12.2018 | Veranstaltungen

Eine Norm für die Reinheitsbestimmung aller Medizinprodukte

10.12.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Biofilme generieren ihre Nährstoffversorgung selbst

12.12.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Tanz mit dem Feind

12.12.2018 | Physik Astronomie

Künstliches Perlmutt nach Mass

12.12.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics