Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Es wird zu bunt im Gillbach: Weitere nichtheimische Buntbarschpopulation in Deutschland nachgewiesen

22.06.2017

Der Gillbach fließt durch Rommerskirchen, Butzheim und Speck, nur wenig erinnert hier an die Tropen. Und trotzdem fühlen sich in dem höchstens einen Meter tiefen Bach Guppys, Antennenwelse und neuerdings auch Marienbuntbarsche wohl, überwintern und vermehren sich. WissenschaftlerInnen des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und zwei weiterer Leibniz-Institute erforschen im Gillbach, wie sich die Kühlwassereinleitung des nahen Kohlekraftwerks und ausgesetzte Aquarienfische auf das Ökosystem des Bachs auswirken. Um die Pointe vorwegzunehmen: Aquarienfische gehören nicht in heimische Gewässer.

Der Gillbach wird aus dem – warmen – Kühlwasser des Braunkohlekraftwerks Niederaußem gespeist. Da sein Wasser hierdurch selbst im Winter tropische Temperaturen um die 20°C aufweist, bietet er gute Lebensbedingungen für Fisch- und Pflanzenarten aus (sub)tropischen Gefilden.


Ein Marienbuntbarsch (Pelmatolapia mariae) aus dem Gillbach.

Foto: Juliane Lukas


Der "tropische" Gillbach in NRW.

Foto: Juliane Lukas

In dem künstlich erwärmten Gewässer überstehen viele ausgesetzte, nichtheimische Arten unsere kalten Winter und können sich fortpflanzen. Hierzu gehört nun auch die erste in Europa nachgewiesene freilebende Population des Marienbuntbarsches (Pelmatolapia mariae).

Der Marienbuntbarsch ist nur einer unter vielen „eingewanderten“ exotischen Fischen, die den ForscherInnen in den letzten Jahren in dem nordrheinwestfälischen Bach ins Netz gegangen sind. Jahr um Jahr werden Guppys, Antennenwelse, Tilapien, Zebrabuntbarsche und sogar Kois und Armanogarnelen gefangen.

„Fast alle Funde lassen auf einstige Zierfische schließen, die von Aquarianern dort aus- bzw. eingesetzt wurden, weil ihnen die Tiere fürs Aquarium zu groß, zu aggressiv oder zu vermehrungsfreudig geworden sind“, beschreibt Juliane Lukas, Erstautorin der Studie, die Situation. Für eine andere Buntbarschart (Oreochromis sp.), als Speisefisch unter dem Namen Tilapia bekannt, konnte die Gruppe genetisch nachweisen, dass es sich vermutlich um Nachfahren von Tieren aus einer stillgelegten Aquakulturanlage handelt, die früher mit dem Warmwasser des angrenzenden Kraftwerks betrieben wurde.

Ein Plädoyer gegen das Aussetzen von gebietsfremden Arten

Für den Marienbuntbarsch mag das sandige Flussbett und die flache Uferzone – ähnlich seiner nigerianischen Heimat – eine angenehme Alternative zum Aquarium sein. Für die heimische Tier- und Pflanzenwelt wird mit jeder neuen, fremden Art ein weiteres Problem in den Bach gesetzt. Die Neulinge sind Überträger nichtheimischer Krankheitserreger und Parasiten und stellen somit eine Gefahr für die alteingesessene Fischwelt dar.

Dass der Marienbuntbarsch sehr überlebensfähig und ausbreitungsfreudig ist und die heimische Tierwelt vor Ort verdrängen oder mit fremden Krankheiten infizieren kann, weiß man aus Gewässern in Nordamerika und Australien, wo er sich ebenfalls ansiedeln konnte. Ein ähnliches Szenarium ist beispielsweise auch für die Mittelmeerregion vorstellbar, sollte er dort eingeschleppt werden.

Je länger künstlich aufgeheizte Gewässer wie der Gillbach bestehen, desto mehr nichtheimische Arten können sich dauerhaft ansiedeln. Diese Entwicklung ist auch aus dem Warmbach in Österreich und thermisch belasteten Gewässern in der Südtoskana bekannt. Dr. David Bierbach, wissenschaftlicher Leiter der Studie am IGB und seit Jahren am Gillbach unterwegs, appelliert deshalb an Aquarianer und Betreiber von Aquakulturen:

„In der Bevölkerung fehlt noch immer das Bewusstsein, dass man keine gebietsfremden Tiere aussetzen sollte. Und es tatsächlich auch nicht darf. Es ist per Tierschutzgesetz verboten. Anders als bei früheren Invasionswellen wissen wir dieses Mal genau, wo die gebietsfremden Tiere im Gillbach herkommen – nämlich aus Aquarien und Aquakulturen. Deshalb wissen wir auch, wie wir sie verhindern können: kein Aussetzen mehr!“

Was macht den Gillbach so anziehend für die Wissenschaft?

Der Marienbuntbarsch wird sich vermutlich nicht vom Gillbach ausgehend in anderen Gewässern verbreiten, da er bei niedrigeren Temperaturen kaum Überlebenschancen hat. „Solche für unsere Breiten unüblich warmen Gewässer sollten in der Forschung dennoch nicht unterschätzt werden“, fordert Lukas.

Auch wenn – erfreulicherweise – nicht überall in Deutschland Gillbach-Verhältnisse herrschen, haben thermische Gewässer beachtliches Forschungspotential: hier können Migrationsprozesse nachvollzogen und mögliche Auswirkungen des Klimawandels auf die Tier- und Pflanzenwelt in hiesigen Bächen und Flüssen erforscht werden. Der Gillbach als unfreiwilliges Freilandexperiment zeigt, wie sich steigende Temperaturen und eingeschleppte Arten auf die heimische Artenvielfalt auswirken können.

Studie:
Lukas JAY, Jourdan J, Kalinkat G, Emde S, Miesen FW, Jüngling H, Cocchiararo B, Bierbach D. (2017): On the occurrence of three non-native cichlid species including the first record of a feral population of Pelmatolapia (Tilapia) mariae (Boulenger, 1899) in Europe. R. Soc. open sci. 4: 170160.

Die Studie lesen > http://dx.doi.org/10.1098/rsos.170160

Ansprechpartner:
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Katharina Bunk (Pressestelle): bunk@igb-berlin.de, Tel. +49 (0)30 641 81 631, Mobil +49 (0)170 45 49 034
Juliane Lukas: contact@julianelukas.com
Dr. David Bierbach: david.bierbach@gmx.de

Über das IGB:
Das IGB ist das bundesweit größte Forschungszentrum für Binnengewässer. Es verbindet Grundlagen- und Vorsorgeforschung, bildet den wissenschaftlichen Nachwuchs aus und berät Politik und Gesellschaft in Fragen des nachhaltigen Gewässermanagements. Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Langzeitentwicklung von Seen, Flüssen und Feuchtgebieten angesichts sich rasch ändernder Umweltbedingungen, die Renaturierung von Ökosystemen, die Biodiversität aquatischer Lebensräume sowie Technologien für eine ressourcenschonende Aquakultur. Die Arbeiten erfolgen in enger Kooperation mit den Universitäten und Forschungsinstitutionen der Region Berlin/Brandenburg und weltweit. Das IGB gehört zum Forschungsverbund Berlin e. V., einem Zusammenschluss von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Instituten in Berlin. Die vielfach ausgezeichneten Einrichtungen sind Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft.

www.igb-berlin.de

Video: Lukas et al. 2017 Royal Society Open Science online supplement

https://www.youtube.com/watch?v=jdLW-5lzddo

Katharina Bunk | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neuer Werkstoff für den Bootsbau

Um die Entwicklung eines Leichtbaukonzepts für Sportboote und Yachten geht es in einem Forschungsprojekt der Technischen Hochschule Mittelhessen. Prof. Dr. Stephan Marzi vom Gießener Institut für Mechanik und Materialforschung arbeitet dabei mit dem Bootsbauer Krake Catamarane aus dem thüringischen Apolda zusammen. Internationale Kooperationspartner sind Prof. Anders Biel von der schwedischen Universität Karlstad und die Firma Lamera aus Göteborg. Den Projektbeitrag der THM fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand mit 190.000 Euro.

Im modernen Bootsbau verwenden die Hersteller als Grundmaterial vorwiegend Duroplasten wie zum Beispiel glasfaserverstärkten Kunststoff. Das Material ist...

Im Focus: Novel Material for Shipbuilding

A new research project at the TH Mittelhessen focusses on the development of a novel light weight design concept for leisure boats and yachts. Professor Stephan Marzi from the THM Institute of Mechanics and Materials collaborates with Krake Catamarane, which is a shipyard located in Apolda, Thuringia.

The project is set up in an international cooperation with Professor Anders Biel from Karlstad University in Sweden and the Swedish company Lamera from...

Im Focus: Controlling superconducting regions within an exotic metal

Superconductivity has fascinated scientists for many years since it offers the potential to revolutionize current technologies. Materials only become superconductors - meaning that electrons can travel in them with no resistance - at very low temperatures. These days, this unique zero resistance superconductivity is commonly found in a number of technologies, such as magnetic resonance imaging (MRI).

Future technologies, however, will harness the total synchrony of electronic behavior in superconductors - a property called the phase. There is currently a...

Im Focus: Ultraschneller Blick in die Photochemie der Atmosphäre

Physiker des Labors für Attosekundenphysik haben erkundet, was mit Molekülen an den Oberflächen von nanoskopischen Aerosolen passiert, wenn sie unter Lichteinfluss geraten.

Kleinste Phänomene im Nanokosmos bestimmen unser Leben. Vieles, was wir in der Natur beobachten, beginnt als elementare Reaktion von Atomen oder Molekülen auf...

Im Focus: Wie entstehen die stärksten Magnete des Universums?

Wie kommt es, dass manche Neutronensterne zu den stärksten Magneten im Universum werden? Eine mögliche Antwort auf die Frage nach der Entstehung dieser sogenannten Magnetare hat ein deutsch-britisches Team von Astrophysikern gefunden. Die Forscher aus Heidelberg, Garching und Oxford konnten mit umfangreichen Computersimulationen nachvollziehen, wie sich bei der Verschmelzung von zwei Sternen starke Magnetfelder bilden. Explodieren solche Sterne in einer Supernova, könnten daraus Magnetare entstehen.

Wie entstehen die stärksten Magnete des Universums?

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Event News

International Symposium on Functional Materials for Electrolysis, Fuel Cells and Metal-Air Batteries

02.10.2019 | Event News

NEXUS 2020: Relationships Between Architecture and Mathematics

02.10.2019 | Event News

Optical Technologies: International Symposium „Future Optics“ in Hannover

19.09.2019 | Event News

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Technologiemodul senkt Ausschussrate von Mikrolinsen auf ein Minimum

14.10.2019 | Informationstechnologie

Diagnostik für alle

14.10.2019 | Biowissenschaften Chemie

Bayreuther Forscher entdecken stabiles hochenergetisches Material

14.10.2019 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics