Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Einschränkung des Welthandels nützt dem Klima kaum

24.09.2012
Vom Gummiboot bis zum Fernsehgerät: der Ausstoß von Treibhausgasen in Ländern wie China entsteht zu einem erheblichen Teil bei der Produktion von Gütern, die dann nach Deutschland oder in die USA exportiert werden.
Dies bedeutet aber nicht unbedingt, dass die westlichen Länder ihre Emissionen gleichsam ausgelagert haben und somit Regelungen zum Klimaschutz umgehen. Das zeigt eine diese Woche in Nature Climate Change erscheinende Studie.

Stattdessen haben die Forscher eine ganze Reihe von Faktoren für Ungleichgewichte bei den Emissionen dingfest gemacht, darunter die US-Exportschwäche. Ihr Fazit: Eingriffe in den Welthandel, etwa CO2-Zölle, würden die globalen Emissionen wohl nur in begrenztem Umfang mindern.

Der ständig wachsende internationale Handel führt, wie frühere Forschung gezeigt hat, auch zu einem beträchtlichen Transfer von CO2 von einem Land ins andere. Das Treibhausgas ist gewissermaßen in den gehandelten Gütern enthalten, weil es durch den Energieaufwand bei ihrer Herstellung entstand. „Typischerweise führen wir im Westen Waren ein, bei deren Herstellung in ärmeren Ländern viele Treibhausgase freigesetzt werden – und die Frage ist umstritten, wem diese Emissionen zugerechnet werden sollten“, erklärt Michael Jakob vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), einer der Autoren. Brisant ist dies, weil die westlichen Länder sich vielfach ehrgeizige Ziele zur Reduktion ihrer Emissionen gesetzt haben. Würden diese zu einem guten Teil dadurch erreicht, dass emissionsträchtige Industrie einfach in Drittländer verlagert wird, wäre dem Klimaschutz nicht gedient – der Wirtschaft aber vielleicht sogar geschadet.

Fast die Hälfte der CO2-Transfers in die USA hat ihre Ursache im amerikanischen Handelsbilanz-Defizit

„Erstmals haben wir die bekannten Emissions-Transfers jetzt in ihre Bestandteile zerlegt“, so Jakob. Die ökonomische Analyse beruht auf der Auswertung von Schätzungen, die von anderen Forschern im Rahmen vorheriger Studien ermittelt wurden. „Wir können zeigen, dass von dem in Form von Gütern in die USA strömenden CO2 fast 50 Prozent ihre Ursache allein im chronischen amerikanischen Handelsbilanz-Defizit haben“, erklärt Jakob. Die USA stoßen bei der Herstellung ihrer Exporte weniger CO2 aus, als in den Importen enthalten ist, einfach weil sie mehr importieren als exportieren. „Und nur rund 20 Prozent des CO2-Transfers aus China in die USA lässt sich darauf zurückführen, dass sich China gewissermaßen auf die Produktion schmutziger Güter spezialisiert hat“, so Jakob. Nur bei letzterem aber würden etwa Klimazölle greifen können.

Ohne Welthandel könnte der Ausstoß von Treibhausgasen in Ländern wie China möglicherweise sogar höher sein als heute, heißt es in der Studie. Westliche Länder exportieren oft Güter, etwa Maschinen, deren Herstellung viel Energie braucht. Diese Energie wird aber vergleichsweise sauber erzeugt. Hingegen stellt China viele Exportgüter wie zum Beispiel Spielzeug her, deren Produktion relativ wenig Energie benötigt, die aber von emissionsträchtigen Kohlekraftwerken bereitgestellt wird. Müsste China stattdessen mit seinem fossilen Energiemix mehr energieintensive Güter selbst produzieren anstatt diese zu importieren, stiegen die Emissionen. „Eingriffe in den Welthandel könnten also am Ende mehr schaden als nutzen“, sagt Ko-Autor Robert Marschinski von PIK und Technischer Universität Berlin.

"Entscheidend ist, wie sauber oder schmutzig die nationale Energieerzeugung ist"

„Entscheidend für die CO2-Transfers ist also nicht nur der Welthandel, sondern auch die Frage, wie sauber oder schmutzig die nationale Energieerzeugung jeweils ist“, betont Marschinski. Der Blick allein auf die CO2-Transfers könne täuschen. Wenn etwa die EU auf besonders emissionsarme Fertigungsweisen setze, könnte sie stärker zum Importeur von CO2 werden, ganz ohne dass sie ihre Produktion ausgelagert hätte.

„Um handelspolitische Eingriffe wie die viel diskutierten CO2-Zölle dennoch zu rechtfertigen, bräuchte man weitergehende Analysen – die beobachteten CO2-Bewegungen alleine reichen als Grundlage jedenfalls nicht aus“, erklärt Marschinski. „Derlei Maßnahmen können nicht das ersetzen, was wirklich nötig wäre: mehr internationale Kooperation.“ Diese könnte durch globale verbindliche Klimaziele Anreize für Investoren setzen, emissionsarme Technologien voran zu bringen. Effizienzinnovationen könnten finanziell gefördert und regionale Emissionshandelssysteme verknüpft werden, so Marschinski. „All dies könnte auf ökonomisch sinnvolle Weise helfen, von der Politik gesetzte Klimaschutzziele zu erreichen.“

Artikel: Jakob, M., Marschinski, R. (2012): Interpreting trade-related CO2 emission transfers. Nature Climate Change [DOI: 10.1038/nclimate1630] (Advance Online Publication)

Weblink zum Artikel, wenn er am 23.09. freigeschaltet wird: http://dx.doi.org/10.1038/nclimate1630

Kontakt für weitere Informationen:
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Pressestelle
Telefon: +49 (0)331 288 2507
E-Mail: presse@pik-potsdam.de

Mareike Schodder | PIK Potsdam
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Studie zum Klimaschutz: Mehr Wald – weniger Fleisch
15.10.2019 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Neuartiges Verfahren für das Kunststoffrecycling präsentiert: Großes Industrie-Interesse an Forschungsprojekt „MaReK"
09.10.2019 | Hochschule Pforzheim

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die schnellste Ameise der Welt - Wüstenflitzer haben kurze Beine, aber eine perfekte Koordination

Silberameisen gelten als schnellste Ameisen der Welt - obwohl ihre Beine verhältnismäßig kurz sind. Daher haben Forschende der Universität Ulm den besonderen Laufstil dieses "Wüstenflitzers" auf einer Ameisen-Rennstrecke ergründet. Veröffentlicht wurde diese Entdeckung jüngst im „Journal of Experimental Biology“.

Sie geht auf Nahrungssuche, wenn andere Siesta halten: Die saharische Silberameise macht vor allem in der Mittagshitze der Sahara und in den Wüsten der...

Im Focus: Fraunhofer FHR zeigt kontaktlose, zerstörungsfreie Qualitätskontrolle von Kunststoffprodukten auf der K 2019

Auf der K 2019, der Weltleitmesse für die Kunststoff- und Kautschukindustrie vom 16.-23. Oktober in Düsseldorf, demonstriert das Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik FHR das breite Anwendungsspektrum des von ihm entwickelten Millimeterwellen-Scanners SAMMI® im Kunststoffbereich. Im Rahmen des Messeauftritts führen die Wissenschaftler die vielseitigen Möglichkeiten der Millimeterwellentechnologie zur kontaktlosen, zerstörungsfreien Prüfung von Kunststoffprodukten vor.

Millimeterwellen sind in der Lage, nicht leitende, sogenannte dielektrische Materialien zu durchdringen. Damit eigen sie sich in besonderem Maße zum Einsatz in...

Im Focus: Solving the mystery of quantum light in thin layers

A very special kind of light is emitted by tungsten diselenide layers. The reason for this has been unclear. Now an explanation has been found at TU Wien (Vienna)

It is an exotic phenomenon that nobody was able to explain for years: when energy is supplied to a thin layer of the material tungsten diselenide, it begins to...

Im Focus: Rätsel gelöst: Das Quantenleuchten dünner Schichten

Eine ganz spezielle Art von Licht wird von Wolfram-Diselenid-Schichten ausgesandt. Warum das so ist, war bisher unklar. An der TU Wien wurde nun eine Erklärung gefunden.

Es ist ein merkwürdiges Phänomen, das jahrelang niemand erklären konnte: Wenn man einer dünnen Schicht des Materials Wolfram-Diselenid Energie zuführt, dann...

Im Focus: Wie sich Reibung bei topologischen Isolatoren kontrollieren lässt

Topologische Isolatoren sind neuartige Materialien, die elektrischen Strom an der Oberfläche leiten, sich im Innern aber wie Isolatoren verhalten. Wie sie auf Reibung reagieren, haben Physiker der Universität Basel und der Technischen Universität Istanbul nun erstmals untersucht. Ihr Experiment zeigt, dass die durch Reibung erzeugt Wärme deutlich geringer ausfällt als in herkömmlichen Materialien. Dafür verantwortlich ist ein neuartiger Quantenmechanismus, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift «Nature Materials».

Dank ihren einzigartigen elektrischen Eigenschaften versprechen topologische Isolatoren zahlreiche Neuerungen in der Elektronik- und Computerindustrie, aber...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

VR-/AR-Technologien aus der Nische holen

18.10.2019 | Veranstaltungen

Ein Marktplatz zur digitalen Transformation

18.10.2019 | Veranstaltungen

Wenn der Mensch auf Künstliche Intelligenz trifft

17.10.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Volle Wertschöpfungskette in der Mikrosystemtechnik – vom Chip bis zum Prototyp

18.10.2019 | Physik Astronomie

Innovative Datenanalyse von Fraunhofer Austria

18.10.2019 | Informationstechnologie

Das Rezept für eine Fruchtfliege

18.10.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics