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Die Werra ist noch immer schwer krank

28.06.2005


Am hessisch-thüringischen Fluss Werra ist zur Zeit wieder eine auffällige Algenblüte zu beobachten, verbunden mit dem Geruch veralgter Meeresstrände und einer extremen Wassertrübung. Diese alljährlich im Frühjahr und Sommer auftretende Algenblüte ist ein Ausdruck tiefgreifender Störungen des Ökosystems Werra, das vom Witzenhäuser Fachgebiet Gewässerökologie und Gewässerentwicklung der Universität Kassel unter Leitung von Prof. Dr. Ulrich Braukmann untersucht wird. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die salzbelastete Werra in ihrem derzeitigen Zustand nach den verbindlichen Regeln der EU-Wasserrahmenrichtlinie nur in die schlechteste der fünf möglichen Zustandsklassen eingegliedert werden könnte. Die Werra zählt damit noch immer zu den am stärksten belasteten Fließgewässern Mitteleuropas.


Natürlicherweise an der Meeresküste daheim, bildet der Gemeine Darmtang Enteromorpha intestinalis in der Werra Algenmatten. U. Braukmann/UNIK


Der Getigerte Flohkrebs Gammarus tigrinus macht häufiger über 90 Prozent der Besiedlung der Werra mit wirbellosen Tieren aus. U. Braukmann/UNIK



Zwar sei die Salzkonzentration des Flusses, verglichen mit den Belastungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, innerhalb der letzten 15 Jahre stark abgesenkt und wesentlich gleichmäßiger verteilt, sodass sehr hohe Belastungsspitzen vermieden werden. Dennoch reiche das derzeitige Belastungsniveau der Werra nicht einmal annähernd zu Erreichung der EU-weit verbindlich geforderten guten Gewässerqualität aus, so die Wissenschaftler aus dem UNIK-Standort Witzenhausen. In zahlreichen, bereits über mehrer Jahre währenden Untersuchungen, haben sich Prof. Braukmann und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Dipl.-Ing. Gerd Hübner mit der Ökologie der Werra beschäftigt.



Algenmassen aus Tang, der an die Meeresküste gehört
Bei den mit bloßem Auge auf der Werra unter anderem direkt in Witzenhausen derzeit gut erkennbaren grünen Algenmassen, die als Matten oder fädige Gebilde im Fluss treiben, handelt es sich um den Gemeinen Darmtang (Enteromorpha intestinalis), der natürlicherweise an der Meeresküste zu finden ist. Dieser auch an Brackwasserverhältnisse angepasste Organismus legt ganz augenscheinlich dafür Zeugnis ab, dass die Werra immer noch ein stark salzbelastetes Fließgewässer ist. Die intensive Braunfärbung des Flusswassers wird maßgeblich von mikroskopisch kleinen Kieselalgen (Diatomeen) hervorgerufen, die sich aufgrund der im Übermaß vorhandenen Nährsalze ebenso wie die Darmalgen massenhaft entwickeln und Organismen am Gewässergrund das Licht nehmen. Heimische Wasserpflanzen sind aus der Werra weitgehend verdrängt worden. Eine Ausnahme bildet beispielsweise das sehr verschmutzungstolerante Kamm-Laichkraut (Potamogeton pectinalis), das in einzelnen Buchten anzutreffen ist.


Der unnatürlich hohe Gehalt an Salzen resultiert aus punktuell eingeleiteten salzigen Abwässern und diffus einströmenden salzbefrachteten Wässern. Der stark salzbelastete Abschnitt der Werra beginnt bereits am Mittellauf des Flusses im Bereich des hessisch-thüringischen Werra-Kalireviers, wo auch die höchsten Salzkonzentrationen gemessen werden.

Auch die Tierwelt zeigt deutlich, dass es sich bei der Werra weiterhin um einen hochgradig belasteten und verfremdeten Mittelgebirgsfluss handelt. Die zahlreichen, bereits über mehrere Jahre währenden Werra-Untersuchungen von Prof. Braukmann und Dipl.-Ing. Hübner, der sich schwerpunktmäßig mit der Ökologie der Werra beschäftigt, machen deutlich, dass die Kleintierwelt des Flusses im wesentlichen nur aus einzelnen Arten besteht, die aber massenhaft auftreten. Allen voran ist hier der aus Nordamerika stammende Getigerte Flohkrebs (Gammarus tigrinus) zu nennen, der noch immer teilweise weit über 90% der gesamten mit dem bloßen Auge erkennbaren Kleintierbesiedlung des Flusses ausmacht. Daneben tritt als weiterer häufiger Bewohner der Werra die Neuseeländische Zwergdeckelschnecke (Potamopyrgus antipodarum) in Erscheinung, deren Name bereits auf ihre ursprüngliche Herkunft hinweist. Diese beiden fremdländischen Arten (Neozoen) bilden zusammen mit Würmern und den Larven salztoleranter Zuckmücken-Arten (Chironomidae) eine äußerst einseitige Nahrungsgrundlage für die Fische.

Viele flusstypische Bewohner, wie Süßwasser-Muscheln, Eintags-, Stein- und Köcherfliegen oder Wasserkäfer fehlen dem einst reich und vielfältig von diesen Arten besiedelten Gewässer nahezu völlig, abgesehen von einigen, meist aus den Zuflüssen eingedrifteten Ausnahmen. Ein Fluss, dessen Pflanzen- und Kleintierwelt umfassend und tiefgreifend gestört ist, kann auch kein ökologisch ausgewogenes Fischgewässer darstellen. Darüber sollten auch Schwärme von Weißfischen nicht hinwegtäuschen, die im Winterhalbjahr an Brücken wieder in der Werra zu beobachten sind. Auch wenn sich die Zahl der in der Werra lebensfähigen Fischarten wieder erfreulich erhöht hat, ist das Gewässer immer noch weit davon entfernt, seinen historisch verbürgten Charakter als vielfältiger Lachs- und Barbenfluss wiederzuerlangen.

Die Salzkonzentration der Werra liegt nach Ansicht von Braukmann und Hübner wesentlich höher, als es für den ökologisch guten Zustand des Flusses zu fordern wäre. Während die Länderarbeitsgemeinschaft Wasser maximal 100 mg/L Chlorid für die Einstufung eines Fließgewässers in den chemisch guten Gewässerzustand vorgeschlagen hat, beträgt der amtliche Grenzwert für Chlorid in der Werra bei Gerstungen 2500 mg/L. Ein solcher Grenzwert wurde bereits zur Zeit des Zweiten Weltkriegs festgelegt, wobei vorher deutlich schärfere Werte galten. Sorge bereiten aber auch die unnatürlich hohen Kalium- und Magnesium-Konzentrationen im Werra-Wasser, die seit langer Zeit im Verdacht stehen, auf viele heimische Organismen giftig zu wirken. "Solange die Werra mit Salzen überfrachtet wird, werden wir weiterhin braunes Wasser und Massen an Meeresalgen in diesem Fluss ertragen müssen", bedauern Braukmann und Hübner.

Info
Universität Kassel
Prof. Dr. Ulrich Braukmann
Fachgebiet Gewässerökologie und Gewässerentwicklung
Nordbahnhofstr. 1 a
37213 Witzenhausen
tel (05542) 98 1632
fax (05542) 98 1661
e-mail u.braukmann@uni-kassel.de

Dipl.-Ing. Gerd Hübner
tel (05542) 98 1576
fax (05542) 98 1661
e-mail gerd.huebner@uni-kassel.de

Ingrid Hildebrand | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de/fb6/gge/fachgebiet.html
http://www.uni-kassel.de

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