Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

UBA prüft Neuorientierung der Abfallwirtschaft

02.08.2004


Kunststoffrecycling als Achillesferse des Grünen Punktes



Das Umweltbundesamt (UBA)hält eine stärker auf stoffstromorientierte Ressourcenschonung ausgerichtete Neuorientierung der Abfallwirtschaft für erforderlich. Deshalb testen derzeit verschiedene Unternehmen in aufwändigen Versuchen, wie gut eine maschinelle Trennung funktioniert, falls so genannte Leichtverpackungen - also Kunststoff-, Metall-, Verbundverpackungen - nicht getrennt erfasst werden.



"Wesentliche Bausteine der Ressourcen schonenden Abfallwirtschaft sind auch weiterhin die weitgehende und hochwertige Verwertung sowie die Ausschleusung schadstoffhaltiger Abfallströme oder -produkte", führt das UBA aus. Bisher gilt, dass die sogenannte werkstoffliche Verwertung der weitgehend sortenrein gewonnenen Abfälle den höchsten Beitrag zur Ressourcenschonung leistet.

"Dabei ist die separate Erfassung nicht als Selbstzweck zu sehen. Die derzeit praktizierte getrennte Sammlung kann jedoch hinsichtlich Qualität und Quantität der erfassten Abfälle und auch im Hinblick auf die Kosten optimiert werden. Gleichzeitig gibt es für die Herstellung der erforderlichen Sortenreinheit mittlerweile technische Entwicklungen - etwa optimierte Sortiertechniken, neue Entsorgungssysteme -, die möglicherweise die getrennte Sammlung für einzelne Abfallarten zukünftig entbehrlich werden lassen".

Auch in Zukunft sei die Abfalltrennung für Papier, Pappe, Kartonagen (PPK), Verbundkarton, Behälterglas, Bildschirmglas, Textilien, Elektronik-Geräte und Leuchtstoffröhren sinnvoll, "weil sich hierfür keine aussichtsreichen Alternativen abzeichnen". Kunststoffe sucht man in dieser Aufzählung vergeblich: Die getrennte Sammlung von gebrauchten Kunststoffverpackungen sei nach Ergebnissen aktueller umweltbezogener Vergleiche von Entsorgungsvarianten nur dann sinnvoll, "wenn die getrennt erfassten Kunststoffabfälle einer werkstofflichen Verwertung zugeführt werden, bei der Primärkunststoffe substituiert werden. Die rohstofflichen Verfahren, die beim Entsorgungssystem des Grünen Punktes für die Mischkunststoffe überwiegend zum Einsatz kommen, weisen nach Erkenntnissen des UBA geringere ökologische Vorteile auf.

In der Entsorgungswirtschaft bewertet man das UBA-Papier positiv, sieht aber auch Schwachpunkte. "Wir begrüßen eine stärkere Stoffstromorientierung - wie sie im übrigen bei dem in viele Ströme gespaltenen Hohlglas nicht verwirklicht ist. Die Aussage des Umweltbundesamtes, dass eine separate Erfassung nur dann durch nachträgliche Aufbereitung gemischt erfasster Abfälle ersetzbar wäre, falls diese mindestens dieselbe Leistung hinsichtlich Menge und erforderlicher Reinigung erbringt, übersieht vollends, dass kaum noch eine der separat erfassten Wertstoffmengen ohne nachträgliche Sortierung und Bereinigung von Verschmutzungen und Fremdstoffen vonstatten geht. Wenn bei einer Fehlwurfquote von durchschnittlich 40 Prozent eine Materialfraktion ohnehin aufbereitet werden muss, hätte sie im Grunde auch gleich gemeinsam mit anderen Stoffen erfasst werden können", sagt Wolfgang Schertz, Vorstandschef der Mainzer Landbell AG http://www.landbell.de .

So mache die getrennte Erfassung mancher Wertstoffe in Großstadtkernen nur noch selten Sinn. Zudem sollte sich das UBA intensiver mit der Erlösseite auseinandersetzen. "Die Verwendbarkeit von Abfällen und der ökonomische Sinn der Getrenntsammlung kommt in der Analyse zu kurz. Es ist einfach absurd, dass der Lieferant von Sekundärrohstoffen auch noch Geld dazu legen soll. Abfälle, die am Markt nur Negativpreise erzielen, verfälschen in- und ausländische Märkte und stellen vollkommen falsche Weichen für Investitionen", moniert Schertz.

Vertreter aus Industrie und Verpackungswirtschaft zweifeln vor allen Dingen an der Getrenntsammlung von Kunststoffverpackungen, die in der Konsumgüterbranche zum Einsatz kommen. In der Regel würden Kunststoffe aus den Sammlungen des Dualen Systems (DSD) nach dem Gebrauch verbrannt oder im "Downcycling" zum Ersatz von Holz, Beton oder ähnliches verarbeitet. Eine positive Energiebilanz könnten die Verwertungsbetriebe mit den herkömmlichen Verfahren nicht gewährleisten und nur minderwertige Endprodukte herstellen wie Parkbänke, Blumenkübel oder Rasengittersteine, die man nur mit Zuzahlungen vermarkten könne. Auch die rohstofflichen Verfahren, die immerhin rund die Hälfte der Altkunststoffe des DSD aufnehmen, seien eine verkappte Verbrennung - beispielsweise in Hochöfen der Stahlindustrie.

"Kunststoffverpackungen, die vom Grünen Punkt-System zur Verwertung gesammelt werden, sind nicht sortenrein und eignen sich daher nur schwer zum Recycling. So gibt es Verpackungen, bei denen man bis zu sieben unterschiedliche Schichten unterschiedlicher Kunststoffe einsetzt und nur durch komplizierte chemische Prozesse voneinander trennen kann. Für die Aufbereitung werden Unmengen an teuren Ressourcen wie Wasser und Energie verschwendet", so Ulrich Klemp, Inhaber der Ulrich Klemp Kunststoffverarbeitung GmbH & Co. KG. In der Produktion seiner Firma kommen nur sortenreine Altkunststoffe zum Einsatz, die im eigenen Betrieb als Ausschuss anfallen. Die Abfälle werden wieder zu Granulat gemahlen und nur zu einem geringen Prozentsatz dem neuem Granulat beigemischt. Mit DSD-Kunststoffabfällen sei das nicht möglich und ökonomisch nicht vertretbar.

Nach Berechnungen von Umweltexperten verschlingt das Kunststoffrecycling des Grünen Punktes rund 800 Mio. Euro jährlich. Der überwiegende Teil werde dabei für die Sammlung und Sortierung verwendet. Rund 197 Millionen Euro nur für die Verwertung. Insgesamt liege der Anteil der Entsorgungskosten für DSD-Kunststoffe bei 47 Prozent. Die Gesamtausgaben des Kölner Müllkonzerns für alle Verpackungsarten lagen 2003 bei 1,659 Milliarden Euro. Hier sehen Lizenznehmer des Grünen Punktes eine mangelnde Kostenehrlichkeit in der Preispolitik des DSD, da die Kunststoffverpackungen nur einen Anteil von 13 Prozent ausmachen aber fast die Hälfte der DSD-Ausgaben verursachen. Glas-, Metall-, Verbund- und PPK-Verpackungen seien viel preiswerter zu entsorgen, wenn man das teure Plastikrecycling nicht mitfinanzieren müsste. Auch mit der neuen Preisstaffel des Grünen Punktes, die ab Anfang des nächsten Jahres in Kraft tritt, werde sich an dieser Problematik nichts ändern.

Das UBA beobachtet mit großem Interesse Aktivitäten, die darauf zielen, Kunststoffe mittels neuer Sortierverfahren aus dem Restabfall zu gewinnen. Orientierende Untersuchungen zeigen die Möglichkeit, dass sich sowohl Verpackungskunststoffe als auch andere Kunststoffprodukte direkt aus der Grauen Restmülltonne mit ähnlicher Qualität, aber deutlich höherer Gesamtmenge an Kunststoffabfällen als bei getrennt gehaltenen Verpackungskunststoffen zurück gewinnen lassen. Das UBA wird deshalb Großversuche zu Möglichkeiten und Grenzen der Optimierung der wertstofflichen Verwertung von Kunststoffabfällen durch direkte Sortierung aus dem behandelten oder unbehandelten Restmüll beobachten und auswerten. Die Verpackungsabfälle aus Kunststoff, Papier, Eisen, Aluminium und Verbundmaterial werden beim Grünen Punkt überwiegend über Gelbe Tonnen und Säcke gemeinsam erfasst. "Die Sortierung in die einzelnen Sekundärrohstoffqualitäten bis hin zu einzelnen Kunststoffsorten und die Abtrennung des in einigen Regionen sehr hohen Restmüllanteils erfordern eine aufwändige Sortierung", so das UBA.

Gunnar Sohn | pressetext.austria
Weitere Informationen:
http://www.umweltbundesamt.de
http://www.gruener-punkt.de

Weitere Berichte zu: Abfall Abfallwirtschaft Kunststoff Sortierung Verwertung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Mikroplastik – überall und in großen Mengen
12.07.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Forscher-Team entwickelt recyclebare Kunststoffe
03.07.2018 | Humboldt-Universität zu Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Im Focus: Magnetic vortices: Two independent magnetic skyrmion phases discovered in a single material

For the first time a team of researchers have discovered two different phases of magnetic skyrmions in a single material. Physicists of the Technical Universities of Munich and Dresden and the University of Cologne can now better study and understand the properties of these magnetic structures, which are important for both basic research and applications.

Whirlpools are an everyday experience in a bath tub: When the water is drained a circular vortex is formed. Typically, such whirls are rather stable. Similar...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Maschinelles Lernen: Neue Methode ermöglicht genaue Extrapolation

13.07.2018 | Informationstechnologie

Fachhochschule Südwestfalen entwickelt innovative Zinklamellenbeschichtung

13.07.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics