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Neue Ära der Müllbehandlung: Kompostfabrik im Deponiekörper

16.02.2004


Auf der Basis einer intelligenten Steuerungstechnik will ein amerikanisches Unternehmen in Europa eine neue Ära der Müllbehandlung einläuten. Kern der Innovation ist die durchgreifende und zugleich kontrollierte Aerobisierung des Deponiekörpers. Mit Hilfe des Verfahrens lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Schädliche Emissionen werden weitgehend vermieden, und die Dauer der Nachsorge läßt sich bei geschlossenen Deponien um den Faktor zehn verkürzen.



Johannes Malmedie von der amerikanischen Teletrak Environmental Systems Inc. (TAES) hat eine Vorliebe für das Außergewöhnliche: Anstatt in den Führungsetagen der deutschen Technologieunternehmen zu verkehren, zieht es ihn ausgerechnet dort hin, wo es buchstäblich zum Himmel stinkt – nämlich zu den kommunalen Abfall-Deponien. Ein Ambiente also, das auf den ersten Blick keinerlei Angriffsfläche für innovative Techniken verspricht. Beim näheren Hinsehen relativiert sich der oberflächliche Eindruck jedoch rasch.



„In einer typischen anaeroben Deponie laufen unkontrolliert chaotische Prozesse ab – diesen Prozeß haben wir mit einer kontrollierten Aerobisierung in den Griff bekommen“, erläutert Malmedie. Auch darf in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden, dass nicht wenige Deponien bereits seit Jahren unkontrolliert brennen. Mit einer proprietären Technologie ist es der 1998 gegründeten und an der Börse notierten TAES mit Sitz in Webster (Massachusetts) gelungen, nicht nur Licht ins Dunkel des Deponiekörpers zu bringen, sondern diesen in einen kontrollierbaren Bioreaktor umzuwandeln.

Die Nachsorge der Deponien verschlingt Millionen

So sind die Deponiekörper, die aus unbehandelten Abfällen aufgebaut sind, in der Regel äußerst heterogen. Das hat zur Folge, dass der biologische Abbau sehr ungleichmäßig und im Durchschnitt sehr langsam stattfindet, was seitens der Kommunen nach der Schliessung einer Deponie eine 30jährige Nachsorge unumgänglich macht. Zum einen ist es nötig, das entweichende Methangas über Injektoren abzusaugen, zum anderen muß das anfallende Sickerwasser in ein Klärwerk geführt und aufbereitet werden. Um die vielfältigen Probleme zu lösen, summieren sich die über den sehr langen Zeitraum anfallenden Kosten für die Kommunen pro Deponie dementsprechend rasch zu Beträgen in Millionenhöhe, was entsprechende Rückstellungen erfordert.

Das Konzept der Aerobisierung des Deponiekörpers basiert auf einer kontrollierten Belüftung mit Hilfe von Injektoren, die sich typischerweise in einem Abstand von 20 m befinden. Parallel hierzu wird das Sickerwassers zurückgeführt, was eine aufwändige Entsorgung erübrigt. Die Rückführung erfolgt nicht durch versprühen – wie früher geschehen und wegen der Geruchsbelästigung inzwischen gesetzlich verboten – sondern mit Hilfe geschlossener Rohrleitungen.

Durch diese intensive Behandlung kommen die anaeroben Prozesse im Deponiekörper bereits nach zwei bis sechs Monaten zum Erliegen, und der gesamte Abfallberg ist bereits nach 24 bis 48 Monaten stabil. Das bedeutet im Klartext, dass die mit der Deponierung von Abfällen verbundenen Geruchsbelästigungen nach Ablauf von 60 – 120 Tagen insgesamt „kein Thema“ mehr sind. Methangas ist in reiner Form zwar geruchlos, durch „mitgeführte“ flüchtige organische Verbindungen, die in der Fachliteratur als VOC (volatile organic Compounds) bezeichnet werden, besitzt das durch Fäulnisvorgänge entstehende Gas aber einen höchst widerwärtigen Geruch.

Leistungsfähigkeit spricht für sich

Damit beim Einblasen der Luft in Verbindung mit dem Methan im Inneren des Deponiekörpers kein brennbares Gemisch entsteht, ist eine exakte Kontrolle der in-situ-Stabilisierung unerläßlich. Genau an dieser Stelle greift die von TAES entwickelte und patentierte Steuerungstechnik, die bereits bei zwölf Deponien in den USA – wie beispielsweise im Williamson County im US-Bundesstaat Tennessee oder in Gainesville/Florida – erfolgreich eingesetzt werden konnte. Bei dem letzteren und bisher größten Projekt wurde in enger Zusammenarbeit mit der „University of Florida“ unter der Mitwirkung des Umweltexperten Prof. Tim Townsend, ein 5.26 ha umfassender Deponiekörper in einen kontrollierten „in-situ-Bioreaktor“ umgewandelt.

Bei diesem Großprojekt, welches von der amerikanischen Umweltschutzbehörde (EPA) finanziert wurde, erhielt die „University of Florida“ den Auftrag, den konventionellen anaerobischen Stabilisierungsprozeß unter identischen Bedingen auf derselben Deponie mit dem aerobischen Prozeß zu vergleichen. Im Rahmen dieser Untersuchungen konnte die hohe Effizienz der aerobischen Stabilisierung bereits nach kürzester Zeit erbracht werden. Auf der Basis von gegenwärtig noch laufenden Vergleichsversuchen sollen nunmehr Richtlinien und Empfehlungen für den wirtschaftlichsten und zweckmäßigsten „Einbau“ des „in-situ-Bioreaktors“ sowohl in offene als auch bereits geschlossene Deponien erstellt werden.

Projekte in Europa sollen bereits in diesem Jahr folgen. Dabei hat das Unternehmen insbesondere für Deutschland nicht nur Deponien im Visier, die gefüllt oder bereits geschlossen sind. „Das Verfahren eignet sich auch hervorragend zur kontrollierten Zwischenlagerung von Abfällen“, teilt Teletrak mit. In den vergangenen Wochen und Monaten sei die Technologie zahlreichen Vertretern deutscher Kommunen vorgestellt worden. Die Resonanz sei sehr positiv gewesen. Insbesondere die Möglichkeit, nachhaltig Kosten einzusparen, habe die Gesprächspartner hellhörig gemacht.

Rolf Froböse | TAES

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