Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Weniger genetische Vielfalt bei Auerhühnern

21.04.2008
Lebensraumzerstörung reduziert den genetischen Austausch bei Auerhühnern im Schwarzwald

Die genetische Vielfalt einer natürlichen Population ist abhängig von deren Größe: Um eine gewisse Vielfalt an Genen für eine überlebensfähige Population bereit zu halten, ist eine Mindestanzahl von Tieren nötig. Was passiert also, wenn die Bestandszahlen bestimmter Arten drastisch zurückgehen? Um das herauszufinden, haben Gernot Segelbacher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie und seine Kollegen von der Universität Tübingen und der Université Joseph Fourier im französischen Grenoble die genetische Vielfalt von historischen und noch lebenden Auerhühnern miteinander verglichen. Dabei stellten sie fest, dass es zwischen den derzeit lebenden Populationen nur noch einen geringen Austausch von Genen gibt. Die Forscher führen das unter anderem auf die zunehmende Zerstückelung des Lebensraumes der Tiere zurück. (Molecular Ecology, published online 18. April 2008)


Nur noch selten im Schwarzwald anzutreffen, der Auerhahn. Bild: MPI für Ornithologie

Die Anzahl der Auerhühner im Schwarzwald hat durch die Zerstörung von geeignetem Lebensraum in den letzten Jahrzehnten rapide abgenommen. Auerhühner haben spezielle Ansprüche an ihren Lebensraum und kommen daher nur noch in einzelnen, isolierten Waldfragmenten vor. Gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ca. 4000 Männchen, so ist deren Zahl in den 1980er-Jahren auf 500 und bis 2003 sogar auf nur noch ca. 250 Männchen gesunken. Die durchschnittliche Populationsgröße im Schwarzwald wird zurzeit auf ein Tier pro Quadratkilometer geschätzt. So ein dramatischer Populationsrückgang sollte auf lange Sicht Auswirkungen auf die genetische Struktur der Tiere haben.

In einer fragmentierten Landschaft ist nicht nur die Populationsgröße, sondern auch der genetische Austausch zwischen Tieren aus unterschiedlichen Gegenden wichtig für den Erhalt einer Population. "Die Auerhühner des Schwarzwalds sind mindestens 50 Kilometer getrennt von den Populationen in den Vogesen und den Alpen", sagt Gernot Segelbacher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie. Da die Tiere sich nicht weiter als zwei bis maximal zehn Kilometer von ihrem Geburtsort entfernen, findet mit Sicherheit keine Durchmischung mit diesen Populationen statt. Und auch innerhalb der Schwarzwaldpopulation dürfte der Austausch von Genen zunehmend eingeschränkt sein, da der Lebensraum der Auerhühner durch Agrar- und Infrastrukturflächen immer mehr zerstückelt wird. Für die Vögel sind das schwer zu überwindende Barrieren.

... mehr zu:
»Gen »Population

Um herauszufinden, ob der Austausch von Genen durch Habitatsfragmentierung begrenzt wird, haben die Forscher die genetischen Unterschiede zwischen räumlich getrennten Populationen untersucht. Findet ein Austausch statt, so sollten die genetischen Unterschiede gering sein. Doch tatsächlich wiesen die untersuchten Populationen signifikante genetische Unterschiede auf. Diese könnten natürlich auch durch einen historisch eingeschränkten Genfluss bedingt sein. Um das auszuschließen, nahmen die Forscher zusätzlich Proben von Schwarzwälder Auerhuhn-Trophäen aus dem Zeitraum von 1852-1972.

Das Ergebnis: Die genetischen Distanzen zwischen den historischen Proben waren gering. "Das ist ein Hinweis dafür, dass die Auerhühner früher einen regen genetischen Austausch hatten", so Segelbacher. "Die momentane genetische Struktur der Vogelpopulationen wurde also durch die Zerstückelung ihres Lebensraumes in jüngerer Zeit hervorgerufen." Die genetischen Unterschiede sind demnach größer. Doch die genetische Vielfalt innerhalb der Populationen hat gleichzeitig abgenommen. Auch das konnten die Forscher mit ihren Untersuchungen an den Jagdtrophäen belegen, deren Vielfalt tatsächlich größer war. "Allerdings ist die Abnahme in der genetischen Vielfalt bei den heute lebenden Individuen nicht so groß, wie wir aufgrund des drastischen Einbruchs der Populationsgröße erwartet hätten", so der Ornithologe. Trotzdem - mit einem weiteren Verlust an genetischer Vielfalt muss angesichts der ökologischen Rahmenbedingungen wohl gerechnet werden.

[SP/CB]

Originalveröffentlichung:

Gernot Segelbacher, Stéphanie Manel and Jürgen Tomiuk
Temporal and spatial analyses disclose consequences of habitat fragmentation on the genetic diversity in capercaillie (Tetrao urogallus)

Molecular Ecology, Published article online: 18. April 2008; doi: 10.1111/j.1365-294X.2008.03767.x

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Gen Population

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Den gordischen Knoten durchschlagen: Um die Artenvielfalt zu retten, sollten globale Probleme jetzt angegangen werden
13.12.2019 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

nachricht Mit Mangroven und Korallen gegen Tsunamis: Team unter Göttinger Leitung untersucht den Schutz von Küstengebieten
12.12.2019 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das feine Gesicht der Antarktis

Eine neue Karte zeigt die unter dem Eis verborgenen Geländeformen so genau wie nie zuvor. Das erlaubt bessere Prognosen über die Zukunft der Gletscher und den Anstieg des Meeresspiegels

Wenn der Klimawandel die Gletscher der Antarktis immer rascher Richtung Meer fließen lässt, ist das keine gute Nachricht. Denn dadurch verlieren die gefrorenen...

Im Focus: Virenvermehrung in 3D

Vaccinia-Viren dienen als Impfstoff gegen menschliche Pockenerkrankungen und als Basis neuer Krebstherapien. Zwei Studien liefern jetzt faszinierende Einblicke in deren ungewöhnliche Vermehrungsstrategie auf atomarer Ebene.

Damit Viren sich vermehren können, benötigen sie in der Regel die Unterstützung der von ihnen befallenen Zellen. Nur in deren Zellkern finden sie die...

Im Focus: Virus multiplication in 3D

Vaccinia viruses serve as a vaccine against human smallpox and as the basis of new cancer therapies. Two studies now provide fascinating insights into their unusual propagation strategy at the atomic level.

For viruses to multiply, they usually need the support of the cells they infect. In many cases, only in their host’s nucleus can they find the machines,...

Im Focus: Cheers! Maxwell's electromagnetism extended to smaller scales

More than one hundred and fifty years have passed since the publication of James Clerk Maxwell's "A Dynamical Theory of the Electromagnetic Field" (1865). What would our lives be without this publication?

It is difficult to imagine, as this treatise revolutionized our fundamental understanding of electric fields, magnetic fields, and light. The twenty original...

Im Focus: Hochgeladenes Ion bahnt den Weg zu neuer Physik

In einer experimentell-theoretischen Gemeinschaftsarbeit hat am Heidelberger MPI für Kernphysik ein internationales Physiker-Team erstmals eine Orbitalkreuzung im hochgeladenen Ion Pr9+ nachgewiesen. Mittels einer Elektronenstrahl-Ionenfalle haben sie optische Spektren aufgenommen und anhand von Atomstrukturrechnungen analysiert. Ein hierfür erwarteter Übergang von nHz-Breite wurde identifiziert und seine Energie mit hoher Präzision bestimmt. Die Theorie sagt für diese „Uhrenlinie“ eine sehr große Empfindlichkeit auf neue Physik und zugleich eine extrem geringe Anfälligkeit gegenüber externen Störungen voraus, was sie zu einem einzigartigen Kandidaten zukünftiger Präzisionsstudien macht.

Laserspektroskopie neutraler Atome und einfach geladener Ionen hat während der vergangenen Jahrzehnte Dank einer Serie technologischer Fortschritte eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Analyse internationaler Finanzmärkte

10.12.2019 | Veranstaltungen

QURATOR 2020 – weltweit erste Konferenz für Kuratierungstechnologien

04.12.2019 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Arbeit

03.12.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Das feine Gesicht der Antarktis

13.12.2019 | Geowissenschaften

Leicht, stark und zäh: Forscher der Universität Bayreuth entdecken einzigartige Polymerfasern

13.12.2019 | Materialwissenschaften

Neu entdeckter Schalter steuert Zellteilung bei Bakterien

13.12.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics