Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung durch Versicherungspflicht deutlich gesunken - trotzdem Verbesserungsbedarf

28.11.2008
In den vergangenen anderthalb Jahren ist die Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung in Deutschland deutlich zurückgegangen. Zwischen April 2007 und September 2008 haben rund 120 000 zuvor Nichtversicherte wieder Versicherungsschutz gefunden.

Zu diesem Ergebnis kommen Prof. Dr. Stefan Greß, Anke Walendzik und Prof. Dr. Jürgen Wasem, Gesundheitsökonomen an der Hochschule Fulda und der Universität Duisburg-Essen in einer neuen, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Untersuchung.

Damit zeigen die ersten beiden Stufen der allgemeinen Versicherungspflicht Wirkung, die zum 1. April und 1. Juli 2007 in Kraft getreten sind. Im 1. Quartal 2007 lebten in Deutschland noch rund 211 000 Menschen ohne Krankenversicherungsschutz. Die Wissenschaftler sprechen in ihrer Zwischenbilanz von einem "Teilerfolg" der Versicherungspflicht: "Mehr als die Hälfte der im ersten Quartal 2007 nicht versicherten Personen hat bis September 2008 wieder Versicherungsschutz erhalten".

Gleichwohl sehen die Forscher weiteren Verbesserungsbedarf: Nach wie vor blieben zu hohe institutionelle Hürden, die verhinderten, dass Menschen Krankenversicherungsschutz er- oder behalten. Das gelte vor allem in der Privaten Krankenversicherung (PKV). Andererseits müsse der Staat strikt kontrollieren, ob die Versicherungspflicht auch eingehalten wird. Sonst drohten den Kassen wachsende Beitragsausfälle.

Die Versicherungspflicht ist Teil der Gesundheitsreform von 2007, dem "GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz". Die große Koalition reagierte mit der Regelung auf einen problematischen Trend: Seit Mitte der 90er Jahre war die Zahl der Nichtversicherten kontinuierlich angestiegen. Die Versicherungspflicht bindet Bürger sowie Versicherer gleichermaßen: Alle Einwohner der Bundesrepublik müssen laut Gesetz eine Krankenversicherung abschließen. Das gilt jetzt schon für alle Menschen, die sich in der gesetzlichen Krankversicherung (GKV) versichern müssen, also für die meisten Arbeiter und Angestellten. Ab Januar 2009 wird die Versicherungspflicht auch auf die potenziellen Versicherten der Privaten Krankenversicherung (PKV) ausgedehnt, etwa Selbständige und Beamte. Im Gegenzug müssen die Versicherer Barrieren abbauen, die es erschweren, Versicherungsschutz zu bekommen oder zu behalten. Die Kassen der GKV können beispielsweise den Vertrag mit säumigen Zahlern nur noch sehr schwer kündigen. Auch die Privatversicherungen müssen ihre - generell höheren - Zugangshürden zum Teil absenken. Sie sind verpflichtet, Versicherungswilligen einen Basistarif anzubieten, für den Höchstbeiträge festgesetzt und Risikozuschläge ausgeschlossen sind.

Dass bei den Forschern trotz des deutlichen Rückgangs bei der Zahl der Nichtversicherten eine gewisse Zurückhaltung mitschwingt, hat zwei unterschiedliche Gründe. Die Wissenschaftler beschreiben sie als Teile eines schwer zu lösenden Zielkonflikts "zwischen möglichst barrierefreiem Krankenversicherungsschutz und dem Schutz der Versichertengemeinschaft vor Missbrauch". Denn einerseits werden nach wie vor potenzielle Versicherte abgeschreckt: Etwa durch Nachzahlungen, die nach einem verspäteten Eintritt in die GKV fällig werden - rückwirkend zum Beginn der Versicherungspflicht am 1. April 2007 - vor allem aber durch relativ hohe Prämien und Karenzzeiten in der PKV. Davon betroffen sei gerade "eine zentrale Risikogruppe für Nichtversicherte, nämlich die so genannten kleinen Selbständigen ohne vormaligen gesetzlichen Krankenversicherungsschutz", betonen die Wissenschaftler. Andererseits melden die gesetzlichen Krankenkassen bereits Beitragsausfälle in Millionenhöhe durch säumige Neu-Versicherte. Weil ein Aufnahmeanspruch besteht und Kündigungen wegen Beitragsrückständen kaum möglich sind, werden "individuelle Optimierungskalküle" auf Kosten der Versichertengemeinschaft attraktiver: So könnten manche Nichtversicherte erst dann Versicherungsschutz suchen, wenn sie gesundheitliche Beschwerden haben - oder freiwillig Versicherte die Beitragszahlungen einstellen, wenn es finanziell eng wird.

In den Niederlanden und der Schweiz gilt die Versicherungspflicht schon länger. Auch dort hat die an sich sinnvolle Reform Nebenwirkungen offenbart, zeigen die Forscher. In den Niederlanden wurde die Einhaltung der Anfang 2006 eingeführten Versicherungspflicht zunächst nicht überprüft - so wenig wie derzeit in Deutschland. Im Jahr 2007 stagnierte die Zahl der Nichtversicherten während die der säumigen Versicherten deutlich wuchs. Dabei spielte nach Analyse von Greß, Walendzik und Wasem vor allem ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle: Seit der Gesundheitsreform 2006 müssen die niederländischen Versicherten die Hälfte ihrer Beiträge in Form einer einkommensunabhängigen Pauschalprämie bezahlen - zuvor waren es lediglich 20 Prozent. "Durch die Ausweitung des einkommensunabhängigen Beitragsanteils scheinen - trotz paralleler Einführung eines steuerfinanzierten Zuschusses - insbesondere Personen mit niedrigem Einkommen finanziell überfordert zu werden", schreiben die Gesundheitsökonomen.

In der Schweiz wird die seit 1996 geltende Versicherungspflicht hingegen streng überprüft. Gemeinden gleichen Melderegister und Daten der Krankenkasse ab, Versicherungsunwillige können zwangsweise versichert werden. Formaljuristisch gibt es daher keine Eidgenossen ohne Versicherungsschutz. Doch tatsächlich ist das Problem auch in der Schweiz eher verschoben als vollständig gelöst: Eine wachsende Zahl von Versicherten unterliegen der so genannten "Leistungssistierung": Weil sie mit ihren Beiträgen im Rückstand sind, haben sie keinerlei Anspruch auf Versicherungsleistungen, ein Zwangsvollstreckungsverfahren läuft. Erst wenn darin offiziell festgestellt wird, dass die säumigen Versicherten zahlungsunfähig sind, springt der Staat bei den Versicherungsprämien ein. Bis dahin können acht bis 24 Monate vergehen.

Auf Basis der Erfahrungen im In- und Ausland sehen die Gesundheitsökonomen aus Essen und Fulda zwei zentrale Ansatzpunkte, um die Versicherungspflicht in Deutschland effektiver zu machen:

- Weiterer Abbau von Barrieren. So sollte in der GKV auf die Nachforderung rückständiger Beiträge seit Beginn der Versicherungspflicht verzichtet werden. In der PKV befürworten die Wissenschaftler für den Basistarif ein gesetzliches Verbot von Wartezeiten, bis der Versicherungsschutz gilt.

- Konsequente Überwachung der Versicherungspflicht, etwa durch einen Abgleich von Meldedaten und Versichertenlisten. Als ultima ratio müsse die kontrollierende Behörde die Möglichkeit zur Zwangsversicherung haben.

Auch säumige Versicherte müssen nach Analyse der Wissenschaftler mit Sanktionen rechnen. Diese dürften aber nicht dazu führen, dass der Versicherungsschutz komplett verloren geht. Die nach dem Gesundheitsreformgesetz der Großen Koalition bereits geltende Regelung sehen die Forscher als "sachgerechten Kompromiss": Das Gesetz sieht vor, dass bei fortlaufendem Beitragsverzug das Versicherungsverhältnis ruht, Patienten mit akuten Schmerzen oder in Notfällen aber auf Kassenkosten behandelt werden.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/320_93484.html
http://www.boeckler.de/32014_93466.html
http://www.boeckler.de/pdf_fof/S-2007-980-4-1.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie sich das Gehirn merkt, wo man hinmöchte
04.07.2019 | Ruhr-Universität Bochum

nachricht Studie am Dresdner Uniklinikum: Schädel-Hirn-Trauma – bleibt´s beim kurzen Schrecken?
18.06.2019 | Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Laser für durchdringende Wellen: Forscherteam entwickelt neues Prinzip zur Erzeugung von Terahertz-Strahlung

Der „Landau-Niveau-Laser“ ist ein spannendes Konzept für eine ungewöhnliche Strahlungsquelle. Er hat das Zeug, höchst effizient sogenannte Terahertz-Wellen zu erzeugen, die sich zum Durchleuchten von Materialen und für die künftige Datenübertragung nutzen ließen. Bislang jedoch scheiterten nahezu alle Versuche, einen solchen Laser in die Tat umzusetzen. Auf dem Weg dorthin ist einem internationalen Forscherteam nun ein wichtiger Schritt gelungen: Im Fachmagazin Nature Photonics stellen sie ein Material vor, das Terahertz-Wellen durch das simple Anlegen eines elektrischen Stroms erzeugt. Physiker des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) waren maßgeblich an den Arbeiten beteiligt.

Ebenso wie Licht zählen Terahertz-Wellen zur elektromagnetischen Strahlung. Ihre Frequenzen liegen zwischen denen von Mikrowellen und Infrarotstrahlung. Sowohl...

Im Focus: A miniature stretchable pump for the next generation of soft robots

Soft robots have a distinct advantage over their rigid forebears: they can adapt to complex environments, handle fragile objects and interact safely with humans. Made from silicone, rubber or other stretchable polymers, they are ideal for use in rehabilitation exoskeletons and robotic clothing. Soft bio-inspired robots could one day be deployed to explore remote or dangerous environments.

Most soft robots are actuated by rigid, noisy pumps that push fluids into the machines' moving parts. Because they are connected to these bulky pumps by tubes,...

Im Focus: Crispr-Methode revolutioniert

Forschende der ETH Zürich entwickelten die bekannte Crispr/Cas-Methode weiter. Es ist nun erstmals möglich, Dutzende, wenn nicht Hunderte von Genen in einer Zelle gleichzeitig zu verändern.

Crispr/Cas ist in aller Munde. Mit dieser biotechnologischen Methode lassen sich in Zellen verhältnismässig einfach und schnell einzelne Gene präzise...

Im Focus: Wie schwingen Atome in Graphen-Nanostrukturen?

Innovative neue Technik verschiebt die Grenzen der Nanospektrometrie für Materialdesign

Um das Verhalten von modernen Materialien wie Graphen zu verstehen und für Bauelemente der Nano-, Opto- und Quantentechnologie zu optimieren, ist es...

Im Focus: Vehicle Emissions: New sensor technology to improve air quality in cities

Researchers at TU Graz are working together with European partners on new possibilities of measuring vehicle emissions.

Today, air pollution is one of the biggest challenges facing European cities. As part of the Horizon 2020 research project CARES (City Air Remote Emission...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Gedanken rasen zum Erfolg: CYBATHLON BCI Series 2019

16.08.2019 | Veranstaltungen

Impfen – Kleiner Piks mit großer Wirkung

15.08.2019 | Veranstaltungen

Internationale Tagung zur Katalyseforschung in Aachen

14.08.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Laser für durchdringende Wellen: Forscherteam entwickelt neues Prinzip zur Erzeugung von Terahertz-Strahlung

16.08.2019 | Physik Astronomie

Solarflugzeug icaré testet elektrische Flächenendantriebe

16.08.2019 | Energie und Elektrotechnik

Neue Überlebensstrategie der Pneumokokken im Zentralnervensystem identifiziert

16.08.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics