Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Umwelt oder Wirtschaftswachstum?

25.11.2013
Müssen wir uns vom Wirtschaftswachstum verabschieden, wenn wir Ressourcen schonen und Energie sparen wollen? Eine Entkoppelung von Wachstum und Verbrauch erscheint unrealistisch, sagt eine Studie mit Beteiligung der TU Wien.

Wir haben nur eine Erde, unsere Ressourcen sind beschränkt. Irgendwann werden wir zwangsläufig an ökologische Grenzen stoßen und unseren Umweltverbrauch einschränken müssen. Ob sich Einschränkungen im Ressourcen- und Energieverbrauch mit einem anhaltenden Wirtschaftswachstum vereinbaren lassen, wurde nun in einer Studie untersucht – publiziert im Journal PLOS ONE, geleitet von der University of Leeds (Großbritannien).

Dabei zeigt sich, dass es weltweit keine Beispiele für sinkenden Verbrauch bei gleichzeitig wachsender Wirtschaft gibt. Der Umstieg auf eine grüne, nachhaltige Ökonomie ist nur möglich, wenn man sich vom Dogma des Wirtschaftswachstums löst, meint Prof. Michael Getzner von der TU Wien, Co-Autor der Studie.

Mehr Effizienz durch neue Erfindungen

Ständig werden neue Technologien entwickelt, die oft auch für mehr Effizienz sorgen. Moderne Autos brauche weniger Benzin, moderne Häuser sind haben weitaus geringeren Heizbedarf als früher. Kann es gelingen, auf diese Weise ein nachhaltiges, umweltverträgliches Wirtschaftswachstum zu erreichen? „Es gibt nirgends einen Hinweis, dass das möglich ist“, meint Prof. Michael Getzner vom Fachbereich Finanzwissenschaft und Infrastrukturpolitik (Department für Raumplanung) der TU Wien.

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Leeds, Klagenfurt und Canberra (Australien) analysierte er die Wirtschaftsentwicklung von mehr als 40 ganz unterschiedlichen Ländern in den letzten Jahrzehnten und kam zu dem Schluss: Überall gab es immer einen klaren Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch. Sowohl in Entwicklungsländern als auch in Industrieländern lässt sich ein Wirtschaftswachstum in dem Ausmaß, wie es heute politisch angestrebt wird, nicht auf ressourcen- und umweltschonende Weise erreichen.

„Tatsächlich kann neuere Technologie die Effizienz steigern – dadurch wird langfristig betrachtet in den Industrieländern der Zusammenhang zwischen Wachstum und Verbrauch ein Wenig gedämpft. Doch einen echten Rückgang im Verbrauch sehen wir nur dort, wo die Wirtschaft schrumpft, etwa in der Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre“, sagt Getzner.

Sparen und gleich wieder ausgeben

Ein wichtiger Grund dafür ist, dass Einsparungen oft dazu führen, dass die Ressourcen eben zusätzlich auf anderem Weg verbraucht werden. Wer sein Haus thermisch saniert und damit Geld spart, kann sich dafür dann vielleicht eine Flugreise statt dem Wanderurlaub leisten, damit werden die Einsparungen durch technischen Fortschritt rasch wieder ausgeglichen. Oft bringt eine Effizienzsteigerung nicht eine Senkung des Ressourcenverbrauchs mit sich, sondern eine Steigerung des Komforts: Ein besserer Motor ermöglicht statt eines sparsameren Autos vielleicht ein bequemeres, größeres Fahrzeug mit einem ähnlich hohen Gesamtverbrauch wie vorher.

Staaten, die den Sprung von einer schwachen Ökonomie zum Industrieland geschafft haben, konnten das immer nur durch einen sehr starken Verbrauch an natürlichen Ressourcen erreichen. Es erscheint unrealistisch, dass das bei den derzeit wirtschaftlich aufstrebenden Nationen anders sein könnte. „Die Hoffnung, zunächst auf starkes Wachstum setzen zu können, und sich danach erst von CO2-Emissionen und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln, ist unrealistisch“, meint Getzner. „Das ist Wunschdenken und widerspricht der ökonomischen Erfahrung.“

Nachhaltigkeit statt Wachstum

„Die Forderung nach einem dauerhaften hohen Wirtschaftswachstum ist absolut nicht nachhaltig“, betont Michael Getzner. „Wir dürfen das nicht mehr als das fundamentale Ziel sehen.“ Man muss also neue politische Zielsetzungen suchen. Die oberste Priorität soll das Streben nach einer nachhaltigen Ökonomie haben. „In diesem Bereich gibt es schöne Erfolge, etwa die Reduktion der Stickoxid-Emissionen in den USA, durch den Handel mit Lizenzen“, meint Getzner. Erst innerhalb der Rahmenbedingungen, die durch die Endlichkeit unserer Ressourcen vorgegeben werden, kann man dann danach streben, ein Wirtschaftswachstum oder zumindest eine stabile Wirtschaft sicherzustellen.

„Wenn wir diesen Schritt machen, müssen wir aber darauf achten, diesen Wandel auf sozial verträgliche Weise durchzuführen“, betont Michael Getzner. Schon heute gibt es selbst in Industriestaaten Energiearmut – also Menschen, die sich etwa im Winter keine ausreichende Heizung mehr leisten können. Ein wirtschaftliches Umdenken darf nicht dazu führen, dass solche Personengruppen vergessen werden.

Abstract:
http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0070385
Link zum Paper:
http://www.plosone.org/article/fetchObject.action?uri=info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0070385&representation=PDF

Rückfragehinweis:

Prof. Michael Getzner
Fachbereich für Finanzwissenschaft und Infrastrukturpolitik
Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung
Technische Universität Wien
Resselgasse 5, 1040 Wien
T: +43-1-58801-280320
michael.getzner@tuwien.ac.at
Aussender:
Dr. Florian Aigner
Büro für Öffentlichkeitsarbeit
Technische Universität Wien
Operngasse 11, 1040 Wien
T: +43-1-58801-41027
M: +43-676-4129222
florian.aigner@tuwien.ac.at
TU Wien - Mitglied der TU Austria
www.tuaustria.at

Dr. Florian Aigner | Technische Universität Wien
Weitere Informationen:
http://www.tuwien.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie „Digital Gender Gap“
06.01.2020 | Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V.

nachricht Studie zeigt, wie Immunzellen Krankheitserreger einfangen
03.01.2020 | Universität des Saarlandes

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler beleuchten aktuellen Stand der Anwendung des Maschinenlernens bei Forschung an aktiven Materialien

Verfahren des Maschinenlernens haben durch die Verfügbarkeit von enormen Datenmengen in den vergangenen Jahren einen großen Zuwachs an Anwendungen in vielen Gebieten erfahren: vom Klassifizieren von Objekten, über die Analyse von Zeitreihen bis hin zur Kontrolle von Computerspielen und Fahrzeugen. In einem aktuellen Review in der Zeitschrift „Nature Machine Intelligence“ beleuchten Autoren der Universitäten Leipzig und Göteborg den aktuellen Stand der Anwendung und Anwendungsmöglichkeiten des Maschinenlernens im Bereich der Forschung an aktiven Materialien.

Als aktive Materialien bezeichnet man Systeme, die durch die Umwandlung von Energie angetrieben werden. Bestes Beispiel für aktive Materialien sind biologische...

Im Focus: Computersimulationen stellen bildlich dar, wie DNA erkannt wird, um Zellen in Stammzellen umzuwandeln

Forscher des Hubrecht-Instituts (KNAW - Niederlande) und des Max-Planck-Instituts in Münster haben entdeckt, wie ein essentielles Protein bei der Umwandlung von normalen adulten humanen Zellen in Stammzellen zur Aktivierung der genomischen DNA beiträgt. Ihre Ergebnisse werden im „Biophysical Journal“ veröffentlicht.

Die Identität einer Zelle wird dadurch bestimmt, ob die DNA zu einem beliebigen Zeitpunkt „gelesen“ oder „nicht gelesen“ wird. Die Signalisierung in der Zelle,...

Im Focus: Bayreuther Hochdruck-Forscher entdecken vielversprechendes Material für Informationstechnologien

Forscher der Universität Bayreuth haben ein ungewöhnliches Material entdeckt: Bei einer Abkühlung auf zwei Grad Celsius ändern sich seine Kristallstruktur und seine elektronischen Eigenschaften abrupt und signifikant. In diesem neuen Zustand lassen sich die Abstände zwischen Eisenatomen mithilfe von Lichtstrahlen gezielt verändern. Daraus ergeben sich hochinteressante Anwendungsmöglichkeiten im Bereich der Informationstechnologien. In der Zeitschrift „Angewandte Chemie – International Edition“ stellen die Wissenschaftler ihre Entdeckung vor. Die neuen Erkenntnisse sind aus einer engen Zusammenarbeit mit Partnereinrichtungen in Augsburg, Dresden, Hamburg und Moskau hervorgegangen.

Bei dem ungewöhnlichen Material handelt es sich um ein Eisenoxid mit der Zusammensetzung Fe₅O₆. In einem Hochdrucklabor des Bayerischen Geoinstituts (BGI),...

Im Focus: Von China an den Südpol: Mit vereinten Kräften dem Rätsel der Neutrinomassen auf der Spur

Studie von Mainzer Physikern zeigt: Experimente der nächsten Generation versprechen Antworten auf eine der aktuellsten Fragen der Neutrinophysik

Eine der spannendsten Herausforderungen der modernen Physik ist die Ordnung oder Hierarchie der Neutrinomassen. Eine aktuelle Studie, an der Physiker des...

Im Focus: High-pressure scientists in Bayreuth discover promising material for information technology

Researchers at the University of Bayreuth have discovered an unusual material: When cooled down to two degrees Celsius, its crystal structure and electronic properties change abruptly and significantly. In this new state, the distances between iron atoms can be tailored with the help of light beams. This opens up intriguing possibilities for application in the field of information technology. The scientists have presented their discovery in the journal "Angewandte Chemie - International Edition". The new findings are the result of close cooperation with partnering facilities in Augsburg, Dresden, Hamburg, and Moscow.

The material is an unusual form of iron oxide with the formula Fe₅O₆. The researchers produced it at a pressure of 15 gigapascals in a high-pressure laboratory...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

CLIMATE2020 – Weltweite Online-Klimakonferenz vom 23. bis 30. März 2020

26.02.2020 | Veranstaltungen

Automatisierung im Dienst des Menschen

25.02.2020 | Veranstaltungen

Genomforschung für den Artenschutz - Internationale Fachtagung in Frankfurt

25.02.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Riesiger 3D-Drucker soll tonnenschwere Getriebeteile aus Stahl fertigen

27.02.2020 | Maschinenbau

Immunologie - Rachenmandeln als Test-Labor

27.02.2020 | Biowissenschaften Chemie

Pestizide erhöhen Risiko für Tropenkrankheit Schistosomiasis / Belastete Gewässer fördern Zwischenwirt des Erregers

27.02.2020 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics