Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tiefe Hirnstimulation lindert schwerste Depression zuverlässig

15.03.2019

Weltweit größte Studie am Universitätsklinikum Freiburg mit 16 Teilnehmern zeigt über ein Jahr sehr gute Ergebnisse / Tiefe Hirnstimulation linderte bei allen Patienten deutlich die bislang schwerst therapieresistente Depression / Studie in Neuropsychopharmacology veröffentlicht

Menschen mit schwerster, behandlungsresistenter Depression können nicht nur akut sondern auch langfristig von einer Tiefen Hirnstimulation profitieren, wie Forscher des Universitätsklinikums Freiburg gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Bonn in einer aktuellen Studie zeigen.


Mit zwei Elektroden stimulierten die Freiburger Ärzte bei schwerstdepressiven Patienten das mediale Vorderhirnbündel (blau), das an der Wahrnehmung von Freude und Belohnung beteiligt ist.

Universitätsklinikum Freiburg

Bei den 16 Patientinnen und Patienten wurde mittels hauchdünner Elektroden ein Teil des Belohnungssystems im Gehirn stimuliert, was bei allen Patienten eine deutliche Besserung der Beschwerden brachte. Im Schnitt halbierte sich die Schwere der Depression und die Hälfte der Probanden lag sogar unterhalb des Werts, ab dem man von einer behandlungsbedürftigen Depression spricht.

Die meisten Patienten reagierten bereits in der ersten Woche auf die Stimulation und die positiven Effekte hielten während der einjährigen Studie an. Die Studie ist am Donnerstag, 14. März 2019 vorab online im Nature-Fachmagazin Neuropsychopharmacology erschienen.

„Die Studie ist in Patientenzahl und erzielter Wirkung weltweit einmalig. Wir konnten erstmals in einer großen Studie zeigen, dass die Tiefe Hirnstimulation eine ernsthafte Option für Patienten mit schwerster Depression ist“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Thomas Schläpfer, Leiter der Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg.

Erfolg nach Dutzenden gescheiterter Therapien

Schätzungen gehen davon aus, dass zehn bis 30 Prozent aller Menschen mit wiederkehrender Depression nicht auf zugelassene Therapien ansprechen. Für einige dieser Menschen könnte die Tiefe Hirnstimulation eine Therapieoption sein. Die 16 Studienteilnehmer der FORSEE-II-Studie litten zwischen 8 und 22 Jahren an einer schwersten Depression und hatten zuvor im Schnitt 18 medikamentöse Therapien, 20 Elektrokrampftherapien und 70 Stunden Psychotherapie durchlitten – ohne Erfolg.

Prof. Dr. Volker A. Coenen, Erstautor der Studie und Leiter der Abteilung Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie an der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Freiburg, implantierte mit seinem Team den Patienten die hauchdünnen Elektroden und stimulierten damit das mediale Vorderhirnbündel.

Dieser Hirnbereich ist an der Regulation der Wahrnehmung von Freude und Belohnung beteiligt und damit auch für Motivation und Lebensqualität von Bedeutung.

Deutliche Linderung oft innerhalb von Tagen

Die Wirkung der Therapie bewerteten die Ärzte monatlich mit Hilfe der etablierten Montgomery-Asberg Depression Rating Scale (MADRS). Bereits in der ersten Woche fiel der MADRS-Wert bei zehn Probanden deutlich ab und hielt sich auf niedrigem Niveau. Im Laufe der Studie reagierten alle Probanden auf die Stimulation. Acht der 16 Patienten hatten zu Studienende einen MADRS-Wert von unter 10 Punkten und galten damit als nicht depressiv.

„Unsere Patienten haben jahrelang mit schwersten Depressionen gekämpft und nichts hat Besserung gebracht. Die Tiefe Hirnstimulation führte bei den meisten innerhalb von Tagen zu einer deutlichen Linderung, die dann auch durchgehend anhielt. Andere Therapieformen wie Medikamente oder Psychotherapie verlieren oft im Laufe der Zeit ihre Wirksamkeit.

Das absolut Sensationelle an den Daten ist, dass der Effekt der Therapie anhaltend zu sein scheint, die positiven Effekte halten über Jahre an“, sagt Prof. Schläpfer.„Wir wissen aus einer Pilotstudie, dass die Stimulation dieses Gehirnbereichs sehr vielversprechend ist und sind froh über die auch hier wieder in gleicher Form gezeigten deutlichen Effekte“, sagt Prof. Coenen.

Hoffnung auf europäische Zulassung des Verfahrens

Aufbauend auf den Ergebnissen der jetzt publizierten Studie haben die Freiburger Forscher bereits im Oktober 2018 mit ihrer dritten Studie (FORESEE-III) begonnen. Darin sollen 50 schwerstdepressive Patienten behandelt werden. 15 Patienten wurden bereits operiert. „Wenn die Folgestudie genauso erfolgreich ist wie die aktuelle, besteht große Hoffnung auf eine europäische Zulassung des Verfahrens“, sagt Prof. Schläpfer.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Thomas Schläpfer
Leiter der Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Freiburg
Telefon: 0761 270-68820 oder 0761 270-50210
thomas.schlaepfer@uniklinik-freiburg.de

Originalpublikation:

Original-Titel der Studie: Superolateral Medial Forebrain Bundle Deep Brain Stimulation in Major Depression – A Gateway Trial
DOI: 10.1038/s41386-019-0369-9

Weitere Informationen:

http://www.nature.com/articles/s41386-019-0369-9 Link zur Studie

Benjamin Waschow | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uniklinik-freiburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht STICA-Studie belegt: Spezielle Verhaltenstherapie bei Computerspiel- und Internetsucht erfolgreich
11.09.2019 | Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Wie wir 2030 unterwegs sind: acatech Studie skizziert Zukunftsbild der vernetzten Mobilität
11.09.2019 | acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologie auf der Spur: ein ultraschnelles Verfahren kitzelt kritische Informationen aus Quantenmaterialien heraus

Topologische Isolatoren sind exotische Quantenmaterialien, die dank einer besonderen elektronischen Struktur entlang ihrer Oberflächen und Kanten elektrischen Strom leiten wie ein Metall. Ihr Inneres hingegen ist ein Isolator und nicht leitfähig. Wissenschaftler des Max-Born-Instituts für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie (MBI) haben nun erstmals zeigen können, wie man solche topologischen Materialien innerhalb einer Femtosekunde von herkömmlichen Materialien unterscheiden kann, indem man sie mit ultraschnellem Laserpulsen bestrahlt. Das Verfahren könnte neue Möglichkeiten für den Einsatz solcher Materialien als logische Bausteine in der lichtgesteuerten Elektronik eröffnen.

Die bekannteste Darstellung des Konzepts der Topologie beruht auf einer elastischen Brezel, die beliebig auseinandergezogen, verbogen oder verdreht werden...

Im Focus: Quanten-Vakuum: Weniger Energie als null

Kann man sich aus dem leeren Raum Energie ausleihen, und muss man sie wieder zurückgeben? Energien kleiner als null sind erlaubt – zumindest innerhalb bestimmter Grenzen.

Energie ist eine Größe, die immer positiv sein muss – das sagt uns zumindest unsere Intuition. Wenn man aus einem bestimmten Volumen jedes einzelne Teilchen...

Im Focus: Molekulare Motoren - Rotation auf der Achterbahn

LMU-Chemiker haben den ersten molekularen Motor entwickelt, der eine achtförmige Bewegung ausführen kann.

Molekulare Motoren wandeln extern zugeführte Energie in gezielte Drehbewegungen um und sind damit eine wichtige Grundlage für zukünftige Anwendungen in der...

Im Focus: Jellyfish's 'superpowers' gained through cellular mechanism

Jellyfish are animals that possess the unique ability to regenerate body parts. A team of Japanese scientists has now revealed the cellular mechanisms that give jellyfish these remarkable "superpowers."

Their findings were published on August 26, 2019 in PeerJ.

"Currently our knowledge of biology is quite limited because most studies have been performed using so-called model animals like mice, flies, worms and fish...

Im Focus: Von der Geckohaftung zur innovativen Robotik

Ausgründung INNOCISE aus dem INM Saarbrücken

Bioinspirierte Materialien sind ein weltweit anerkannter Forschungs-schwerpunkt am INM – Leibniz-Institut für Neue Materialien in Saarbrücken. Die zuletzt mit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Ausstiegsdroge E-Zigarette? Oder die gesündere Alternative?

02.10.2019 | Veranstaltungen

NEXUS 2020: Relationships Between Architecture and Mathematics

02.10.2019 | Veranstaltungen

Forschung für unsere Erde

01.10.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Codescanner findet Software-Schwachstellen ohne Quellcode

02.10.2019 | Informationstechnologie

Biobasierte Carbonfasern – Nachhaltige Hochleistung für den Leichtbau

02.10.2019 | Messenachrichten

Woche des Sehens - Hornhauttransplantation rettet vor Erblindung

02.10.2019 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics