Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studien belegen regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung

12.09.2014

Rein medizinisch nicht erklärbar: In manchen Regionen wird acht Mal häufiger operiert als andernorts

Studien von OECD und Bertelsmann Stiftung belegen große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung / „Warnsignal für Qualität, Effizienz und Gerechtigkeit“

Selbst in sehr leistungsstarken Gesundheitssystemen hängt eine angemessene medizinische Versorgung oftmals vom Wohnort ab. Das weisen OECD und Bertelsmann Stiftung in zwei aktuellen Studien für Deutschland und zwölf weitere Industrienationen nach. In manchen Städten und Landkreisen werden acht Mal mehr Einwohner an Mandeln operiert als anderswo. Ähnlich große regionale Unterschiede gibt es bei der Entfernung des Blinddarms, der Prostata oder beim Einsetzen eines Defibrillators am Herzen.

Rein medizinisch sind derart hohe Abweichungen ebenso wenig zu erklären wie durch Alters- oder Geschlechtsstrukturen – ein Warnsignal für die Studienautoren, die ihre Befunde am Dienstag (16. September) auf einer gemeinsamen Konferenz in Berlin dem Fachpublikum vorstellen: "Große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme", sagte OECD-Direktor Mark Pearson.

Die Ergebnisse beruhen auf einer Langzeituntersuchung. Seit 2007 beobachtet die Bertelsmann Stiftung in ihrem Faktencheck Gesundheit die Häufigkeit von Operationen in allen 402 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten und hat dabei Verblüffendes festgestellt: Das Ausmaß der regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands bleibt über die Jahre hinweg bei den einzelnen medizinischen Eingriffen nahezu gleich. Und es sind auch überwiegend dieselben Regionen, die konstant unter besonderer Über- oder Unterversorgung leiden.

In einigen kreisfreien Städten und Landkreisen wie Bad Kreuznach, Bremerhaven oder Delmenhorst werden seit Jahren acht Mal so vielen Kindern die Mandeln herausgenommen wie anderswo. "Offensichtlich spielen hier andere Faktoren eine Rolle als nur die medizinische Notwendigkeit", sagte Dr. Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Auch beim Einsatz von künstlichen Kniegelenken, bei Kaiserschnitten oder Gebärmutterentfernungen unterscheidet sich die Operationshäufigkeit zwischen den Regionen um das Zwei- bis Dreifache. Die OECD-Studie kommt für die anderen untersuchten Länder, darunter Frankreich, Spanien und England, zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

Verantwortlich für die großen regionalen Unterschiede sind keineswegs nur wenige Ausreißer. Bei den Mandelentfernungen etwa weichen 137 der 402 deutschen Städte und Gemeinden um mehr als 30 Prozent vom Bundesdurchschnitt ab. Das legt die Vermutung nahe, dass betroffene Kinder in jeder dritten Stadt und jedem dritten Kreis entweder über- oder unterversorgt werden. Auffällig ist zudem, dass einige kreisfreie Städte und Kreise gleich bei mehreren Eingriffen die deutschlandweit höchsten Operationsraten aufweisen. OECD und Bertelsmann Stiftung empfehlen den Ärztekammern und Fachgesellschaften, aber auch den zuständigen Aufsichtsbehörden dringend, diese auffälligen Regionen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. "Die großen regionalen Unterschiede bestehen seit längerem. Es ist schwer zu verstehen, warum niemand nach den Ursachen forscht, denn hinter den Zahlen können sich in einigen Regionen echte Fehlentwicklungen zulasten der Patienten verbergen", sagte Brigitte Mohn.

Warum die Versorgungslage zwischen den Regionen so unterschiedlich ist, dazu kann auch die Forschung bislang nur erste Erklärungsansätze liefern. Die beiden Studien von OECD und Bertelsmann Stiftung stellen übereinstimmend fest, dass das Fehlen klarer medizinischer Leitlinien die Gefahr von regionalen Unterschieden vergrößert. "Leitlinien, die den Handlungskorridor der Ärzte definieren, sollte es für alle operativen Eingriffe geben. Ihre Einhaltung muss strenger kontrolliert werden – bei aller notwendigen ärztlichen Entscheidungsfreiheit im Einzelfall“, sagte Brigitte Mohn. Zudem seien Extremwerte in bestimmten Städten und Kreisen ein Indiz dafür, dass ärztliche Aufklärung regional unterschiedlich wahrgenommen wird: "Von Ärzten kann man normalerweise erwarten, dass sie über alternative Behandlungsmethoden verständlich und neutral informieren. Dies sollten die Patienten auch einfordern", sagte Mark Pearson von der OECD. Entscheidungen für oder gegen eine Operation dürften nicht, wie die Versorgungsforschung es für möglich hält, eine Frage der Angebotskapazität oder von Gewohnheiten der ortsansässigen Ärzte sein.

Pressekontakt: Claudia Haschke Bertelsmann Stiftung
Tel.: +49 5241 81-81542
E-Mail: Claudia.Haschke@bertelsmann-stiftung.de

Mark Pearson OECD, Directorate of Employment,
Labour and Social Affairs
el.: +33 1 45 24 92 69
E-Mail: Mark.Pearson@oecd.org

Interessierte Journalisten sind herzlich eingeladen zur Fachtagung „Regionale Variationen in der Gesundheitsversorgung: Die deutsche Situation im internationalen Vergleich“, die am Dienstag, 16. September, um 9 Uhr im Humboldt Carré in Berlin beginnt. Dort stehen Experten von OECD und Bertelsmann Stiftung auch für Hintergrund-Gespräche, Interviews und O-Töne zur Verfügung.

Weitere Informationen:

http://www.faktencheck-gesundheit.de und
http://www.oecd.org/els/health-systems/medical-practice-variations.htm

Ute Friedrich | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Massenverlust des Antarktischen Eisschilds hat sich beschleunigt
14.06.2018 | Technische Universität Dresden

nachricht Teure Flops: Nur 5% der Innovationsideen werden erfolgreich
12.06.2018 | Institut für angewandte Innovationsforschung e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics