Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Soziale Ängste können Gewalttaten auslösen

12.04.2010
Experte: "Ständig Ärger schlucken kann zur Explosion führen"

Menschen, die schlimme Ängste vor sozialen Kontakten haben, schätzt man allgemein als schüchtern, gehemmt und unterwürfig ein. Einige aus dieser Gruppe neigen jedoch auch zu aggressivem und gefährlichem Verhalten, das der Zurückweisung anderer zuvorkommen soll, berichten die Psychologen der George Mason University in der Zeitschrift "Current Directions in Psychological Science". Das Verhalten dieser Menschen werde oft falsch verstanden und erfordere auch von Therapeuten hohes Feingefühl in der Diagnose.

Die Forscher untersuchten 1.800 Menschen, die entweder aktuell an sozialen Phobien leiden oder im Lauf des Lebens einmal daran gelitten hatten. Bei jedem fünften Fall fanden sie Aggressionen, übermäßig freizügiges sexuelles Verhalten oder Drogenmissbrauch - Verhaltensweisen, die eigentlich als der Störung entgegengesetzt gelten. "Wir glauben nicht, dass es sich dabei um ein anderes Leiden handelt, sondern wollen aufzeigen, dass Verhalten manchmal wie eine antisoziale oder impulsive Störungen aussieht, in Wahrheit jedoch auf die soziale Angst zurückgeht", so Studienleiter Todd Kashdan.

Aktivierung und Hemmung außer Balance

"Hinter den meisten aggressiven Verhaltensformen steckt keine soziale Angst", betont Klaus Schmeck, Chefarzt der Kinder- und Jugendabteilung der psychiatrischen Klink der Universität Basel http://www.upkbs.ch , im pressetext-Interview. Grundsätzlich entscheide das Zusammenspiel des aktivierenden und des hemmenden Antriebs, ob ein Verhalten bei einem Menschen zum Ausdruck kommt. Bei den meisten Zwischenfällen dominiere Ersteres. "Schlägereien etwa sind selten lange geplant, sondern gehen meist auf impulsives, affektivgesteuertes Verhalten zurück."

Hin und wieder werden heftige Gewalttaten jedoch durchaus von Menschen verübt, die im Leben eher gehemmt sind. "Das sind diejenigen, die leicht kränkbar sind, die sich jedoch stets zusammenreißen und den Ärger in sich hineinfressen anstatt Dampf abzulassen. Manche sinnen lange auf Rache, besonders wenn es kein Korrektiv in der Umgebung gibt. Brennen die Sicherungen einmal durch, werden alle Grenzen aufgehoben und man kann die Person kaum aufhalten", so Schmeck. Nach diesem Affektsturm seien die Betroffenen allerdings meist völlig zerknirscht.

Burschen besonders betroffen

Problematisch sei, dass Menschen mit sozialen Ängsten besonders häufig zum Opfer von Bullying werden. "Der Begriff des 'Opfers' ist bei der Jugend heute zum Schimpfwort geworden. Er gilt als Ausdruck von Schwäche und sich-nicht-wehren-Können", berichtet der Kinder- und Jugendpsychiater. Sei das Zeigen von Schwächen bei Burschen mit Scham verbunden, könnten Mädchen viel besser damit umgehen. "Schwäche ist bei Frauen sozial akzeptierter. Erzählen sie davon, vermitteln sie Schutzbedürfnis. Burschen werden hingegen ausgelacht."

Soziale Ängste sieht Schmeck wie andere übermäßige Ängste auch als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Einflüsse im Kindesalter. "Eine Rolle spielt die Genetik, denn starke Ängste treten im Verwandtenkreis häufig bei mehreren Personen auf. Wichtig dürfte jedoch auch das Rollenvorbild sein." Einen guten Umgang mit Ängsten könne man nur erlernen, wenn Bezugspersonen diese Emotion nicht nur spiegeln, sondern auch beruhigen könnten. "Erschrickt ein Kind vor einer Spinne, verstärkt sich die Angst nur, wenn das Elternteil selbst schreit statt wenn es vermitteln kann, dass kein Grund zur Panik besteht."

Korrektiv und Gesprächspartner notwendig

Um aggressiven Entgleisungen durch aufgestaute Emotionen zuvor zu kommen, empfiehlt der Psychiater den Angehörigen, rechtzeitig mit dem Betroffenen ins Gespräch zu kommen. "Ziehen sich Kinder zurück und geben von selbst keine Auskunft, ist es wichtig, dass die Eltern aktiv nachfragen, wenn es etwa um Gequältwerden durch Klassenkollegen geht", betont Schmeck. Der Erfurter Amokläufer - als Extrembeispiel - habe vor seiner Tat die Schule wochenlang geschwänzt und den Eltern vorgemacht, den Unterricht zu besuchen. "Die überwiegende Zahl der sozial Ängstlichen wird allerdings nie gewalttätig", betont der Experte.

Für die Behandlung von sozialen Phobien schlagen die US-Forscher kognitive Ansätze zur Stärkung der Willenskraft vor. Das soll speziell in den Situationen helfen, in denen der Verlust der Selbstkontrolle droht. Diese Ansätze sind jedoch vor allem für impulsive Aggressivität geeignet, gibt Schmeck zu bedenken. "Sozial Zurückgezogene müssen vor allem lernen, sich schon zu einem früheren Zeitpunkt zur Wehr zu setzen, eigene Gefühle zu äußern und sich im Alltag weniger selbst zu kontrollieren anstatt die Explosion abzuwarten." Schwierig sei jedoch, dass kaum jemand aus dieser Gruppe von selbst in die Therapie kommt, gibt der Psychiater zu bedenken.

Originalstudie unter http://www.psychologicalscience.org/journals/cd/19_1_inpress/Kashdan_final.pdf

Johannes Pernsteiner | pressetext.schweiz
Weitere Informationen:
http://www.gmu.edu

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wasserelektrolyse hat Potenzial zur Gigawatt-Industrie
18.09.2018 | Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE

nachricht Was ist Asthma – und wenn ja wie viele?
12.09.2018 | Deutsches Zentrum für Lungenforschung e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmals gemessen: Wie lange dauert ein Quantensprung?

Mit Hilfe ausgeklügelter Experimente und Berechnungen der TU Wien ist es erstmals gelungen, die Dauer des berühmten photoelektrischen Effekts zu messen.

Es war eines der entscheidenden Experimente für die Quantenphysik: Wenn Licht auf bestimmte Materialien fällt, werden Elektronen aus der Oberfläche...

Im Focus: Scientists present new observations to understand the phase transition in quantum chromodynamics

The building blocks of matter in our universe were formed in the first 10 microseconds of its existence, according to the currently accepted scientific picture. After the Big Bang about 13.7 billion years ago, matter consisted mainly of quarks and gluons, two types of elementary particles whose interactions are governed by quantum chromodynamics (QCD), the theory of strong interaction. In the early universe, these particles moved (nearly) freely in a quark-gluon plasma.

This is a joint press release of University Muenster and Heidelberg as well as the GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt.

Then, in a phase transition, they combined and formed hadrons, among them the building blocks of atomic nuclei, protons and neutrons. In the current issue of...

Im Focus: Der Truck der Zukunft

Lastkraftwagen (Lkw) sind für den Gütertransport auch in den kommenden Jahrzehnten unverzichtbar. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität München (TUM) und ihre Partner haben ein Konzept für den Truck der Zukunft erarbeitet. Dazu zählen die europaweite Zulassung für Lang-Lkw, der Diesel-Hybrid-Antrieb und eine multifunktionale Fahrerkabine.

Laut der Prognose des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur wird der Lkw-Güterverkehr bis 2030 im Vergleich zu 2010 um 39 Prozent steigen....

Im Focus: Extrem klein und schnell: Laser zündet heißes Plasma

Feuert man Lichtpulse aus einer extrem starken Laseranlage auf Materialproben, reißt das elektrische Feld des Lichts die Elektronen von den Atomkernen ab. Für Sekundenbruchteile entsteht ein Plasma. Dabei koppeln die Elektronen mit dem Laserlicht und erreichen beinahe Lichtgeschwindigkeit. Beim Herausfliegen aus der Materialprobe ziehen sie die Atomrümpfe (Ionen) hinter sich her. Um diesen komplexen Beschleunigungsprozess experimentell untersuchen zu können, haben Forscher aus dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) eine neuartige Diagnostik für innovative laserbasierte Teilchenbeschleuniger entwickelt. Ihre Ergebnisse erscheinen jetzt in der Fachzeitschrift „Physical Review X“.

„Unser Ziel ist ein ultrakompakter Beschleuniger für die Ionentherapie, also die Krebsbestrahlung mit geladenen Teilchen“, so der Physiker Dr. Thomas Kluge vom...

Im Focus: Bio-Kunststoffe nach Maß

Zusammenarbeit zwischen Chemikern aus Konstanz und Pennsylvania (USA) – gefördert im Programm „Internationale Spitzenforschung“ der Baden-Württemberg-Stiftung

Chemie kann manchmal eine Frage der richtigen Größe sein. Ein Beispiel hierfür sind Bio-Kunststoffe und die pflanzlichen Fettsäuren, aus denen sie hergestellt...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

12. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

20.09.2018 | Veranstaltungen

Gesundheitstipps und ein virtueller Tauchgang zu Korallenriffen

20.09.2018 | Veranstaltungen

Internationale Experten der Orthopädietechnik tagen in Göttingen

19.09.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bei Depressionen ist Hirnregion zur Stresskontrolle vergrößert

20.09.2018 | Biowissenschaften Chemie

12. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

20.09.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Was Einstein noch nicht wusste

20.09.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics