Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nach Schlaganfall: Operation oder Stent?

08.09.2008
Therapieverfahren beugen weiteren Schlaganfällen gleichwertig vor / Langzeitergebnisse einer internationalen Studie unter Leitung der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg in "Lancet Neurology" veröffentlicht

Welches ist die bessere Behandlungsmethode für Schlaganfallpatienten in der Folge einer Einengung der Halsschlagader - Operation oder Einbringen einer Gefäßstütze (Stent)? Die erste wissenschaftlich aussagekräftige Studie zum Vergleich dieser Verfahren hat jetzt gezeigt: Beide Methoden sind gleichermaßen geeignet, einem weiteren Schlaganfall innerhalb der ersten zwei Jahre nach dem Eingriff vorzubeugen.

Diese Ergebnisse der weltweit größten internationalen Vergleichs-Studie SPACE (Stentgestützte Angioplastie der Carotis versus Endarteriektomie) unter Federführung von Professor Dr. Dr.h.c. Werner Hacke, Ärztlicher Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg, ist am 6. September 2008 vorab in der Online-Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift "Lancet Neurology" veröffentlicht worden. Erste Ergebnisse von SPACE im Jahr 2006 hatten bereits gezeigt, dass beide Verfahren unmittelbar nach dem Eingriff vergleichbare Komplikationsrisiken mit einem geringen Vorteil für die operative Behandlung bergen.

Halsschlagader: Ablagerungen rausschälen oder Stent einbringen ?

Jährlich erleiden etwa 20.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall, der durch Ablagerungen in den Halsschlagadern (Arteriosklerose) verursacht wird. Das Risiko dieser Patienten, einen weiteren Schlaganfall zu bekommen, ist besonders hoch. Dass dieses Risiko durch eine Operation an der Halsschlagader deutlich verringert werden kann, ist seit vielen Jahren bekannt. Bei dieser Operation (Endarteriektomie) schälen Gefäßchirurgen durch einen Zugang am Hals die Fett- und Kalkablagerungen heraus und beseitigen so die Engstelle. Eine Alternative ist seit einigen Jahren das Einsetzen einer Gefäßprothese: Der Stent wird durch einen Katheter zumeist über die Leiste in die Halsschlagader eingebracht und hält sie offen. Der Blutfluss wird bei diesem Verfahren kürzer unterbrochen, ein Schnitt am Hals ist nicht notwendig.

Therapie-Entscheidung muss individuell erfolgen

"Vielen Betroffenen und ihren Ärzte fiel die Entscheidung Stent oder Operation schwer, da aussagekräftige Vergleichsdaten bislang nicht vorlagen", sagt Dr. Peter Ringleb, Oberarzt an der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg und Erstautor der Veröffentlichung. "Unsere Ergebnisse zeigen jetzt: .Das Risiko für einen weiteren Schlaganfall ist in den ersten zwei Jahre nach dem Eingriff bei beiden Verfahren vergleichbar niedrig."

Für Stent-Patienten sei zwar in den ersten 30 Tagen das Risiko, einen weiteren Schlaganfall zu erleiden oder zu sterben, geringfügig höher, so Dr. Ringleb. Allerdings nicht so stark, dass von der Stent-Behandlung generell abzuraten sei. "Die Therapieentscheidung muss individuell getroffen werden", sagt Dr. Ringleb. "Wichtiger als die Methode sind individuelle Faktoren der Patienten, vor allem das Alter, und die Erfahrung des Behandlers. Innerhalb der SPACE-Studie hatten - überraschenderweise - ältere Patienten (über 70Jahre) ein etwas niedrigeres Behandlungsrisiko bei der operativen Behandlung; Patienten unter 70 Jahren hatten ein niedrigeres Risiko bei der Behandlung mit einem Stent."

Innerhalb von zwei Jahren: Jeder fünfzigste Patient erleidet weiteren Schlaganfall

Die aktuellen Ergebnisse der SPACE-Studie zeigen außerdem: Im Zeitraum zwischen Tag fünf nach dem Eingriff und dem Ende der Beobachtungszeitspanne von zwei Jahren erlitt etwa jeder 50. Patient erneut einen Schlaganfall, sowohl nach einer Operation als auch nach einer Stent-Behandlung. Beide Verfahren unterscheiden sich hier nicht signifikant.

Allerdings bilden sich bei den Stent-Patienten häufiger neue Engstellen der Halsschlagader. "Bei elf Prozent der Patienten mit Stent waren zwei Jahre nach dem Eingriff die Gefäße wieder verengt. Das sind doppelt so viele wie bei den operierten Patienten", erklärt Dr. Ringleb. "Die klinische Bedeutung dieser erneuten Verengungen ist jedoch noch nicht geklärt. Innerhalb der Studie kam es nur bei zwei Patienten, zu erneuten Durchblutungsstörungen. Für eine genauere Beurteilung müssen diese Patienten noch länger beobachtet werden."

SPACE: Die weltweit größte internationale Vergleichsstudie

Die SPACE-Studie (Stentgestützte Angioplastie der Carotis versus Endarteriektomie) startete 2001 und wurde mit 750.000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert und mehreren medizinischen Fachgesellschaften. Neurologen, Gefäßchirurgen und Neuroradiologen aus 33 Zentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz untersuchten gemeinsam, ob Operation und Stentbehandlung in Bezug auf Behandlungsrisiko und Langzeitvorbeugung gleichwertig sind. Mit insgesamt 1.214 Patienten ist SPACE die größte internationale Vergleichsstudie.

Ansprechpartner:
PD Dr. Peter Ringleb
E-Mail: peter.ringleb@med.uni-heidelberg.de
Prof. Dr. Werner Hacke
Ärztlicher Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 8211 (Sekretariat)
E-Mail: werner.hacke@med.uni-heidelberg.de
Literatur:
Hans-Henning Eckstein, Peter Ringleb, Jens-Rainer Allenberg, Jürgen Berger, Gustav Fraedrich, Werner Hacke, Michael Hennerici,Robert Stingele, Jens Fiehler, Hermann Zeumer, Olav Jansen: Results of the Stent-Protected Angioplasty versus Carotid Endarterectomy (SPACE) study to treat symptomatic stenoses at 2 years: a multinational, prospective, randomised trial. www.thelancet.com/neurology Published online September 6, 2008 DOI:10.1016/S1474-4422(08)70196-0

(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue internationale Studie: Immuntherapie für Kinder mit akuter Leukämie
13.07.2018 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

nachricht Sicherer Auto fahren ohne Grauen Star: Geringeres Unfallrisiko nach Linsenoperation
12.07.2018 | Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mit dem Nano-U-Boot gezielt gegen Kopfschmerzen und Tumore

19.07.2018 | Medizin Gesundheit

VDI sieht urbane Produktion und Logistik als integrale Teile der Stadt der Zukunft

19.07.2018 | Architektur Bauwesen

Infrarotsensor als neue Methode für die Wirkstoffentwicklung

19.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics