Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Psychiatrische Diagnosen scheinen zu oft ungenau

30.04.2013
Die erlittenen Traumata von Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung wirken sich unterschiedlich aus

Behandlungen psychischer Störungen folgen bisher meist dem Schema, dass bei gleicher Diagnose und gleichen Symptomen verschiedene Patienten gleich behandelt werden. Ein internationales Forscherteam, unter Leitung von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, legt mit einer neuen Studie den Schluss nahe, dass dieses Konzept überdacht werden muss.

Erstmals ist es in einer genomweiten Studie an Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung gelungen, den Einfluss unterschiedlicher Traumata auf die Biologie der Erkrankung eindeutig darzustellen. Danach sind auf der Ebene der Genregulation und Epigenetik in erster Linie nicht die diagnostizierten Symptome entscheidend für die Biologie eines Patienten, sondern die sogenannten Umweltrisikofaktoren – wie etwa Zeitpunkt, Dauer, Intensität oder Art eines erlittenen Traumas.

Die bisher unbeantwortete Frage, ob biologische Veränderungen bei Angststörungen wie Posttraumatischer Belastungsstörung, diese individuellen Umweltfaktoren abbilden oder nicht, konnte damit erstmals beantwortet werden.

Den Einfluss unterschiedlicher Umweltfaktoren untersuchten die Forscher am Beispiel der Auswirkungen von Missbrauch und Misshandlung in der Kindheit bei Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung. Dazu analysierten sie periphere Blutzellen von 169 männlichen und weiblichen Personen im Durchschnittsalter von 45 Jahren und verglichen sie miteinander. Alle Personen waren stark traumatisiert und stammten aus der amerikanischen Stadt Atlanta.
Eingeteilt wurden sie nach ihrer Vorprägung in drei Gruppen: eine Gruppe, die zwar traumatisiert, aber nicht an Posttraumatischer Belastungsstörung erkrankt war sowie zwei weitere Gruppen, die an den Symptomen einer Belastungsstörung litten und sich dadurch unterschieden, dass eine der beiden über Missbrauch und Misshandlung in der Kindheit berichtete, die andere nicht.

Um die Veränderungen der Genregulation darzustellen, schauten sich die Forscher sogenannte mRNA-Transkripten an – kurze, einsträngige Kopien der DNA-Sequenz, die Informationen für die Herstellung der Proteine und Enzyme codieren. Außerdem wurden die lang anhaltenden Veränderungen in der DNA gemessen, die sogenannten DNA-Methylierungen, die eine Art der epigenetischen Regulation des Stoffwechsels jeder Zelle darstellen.
Überraschenderweise zeigten sich bei den zwei Gruppen mit einer Belastungsstörung im Vergleich zu den Kontrollgruppen, komplett unterschiedliche und nicht überlappende molekulare Muster. 98 Prozent der Transkripte waren Trauma-spezifisch verändert, je nach dem, ob die Person eine Misshandlung im Kindesalter erlitten hatte oder nicht.

„Es sieht danach aus, dass Patienten mit der gleichen Diagnose und den gleichen Symptomen aber unterschiedlichen Umweltbedingungen, klare messbare Unterschiede aufweisen“, erklärt Divya Mehta, Erstautorin der Studie. „Das zeigt sich auch bei den epigenetischen Markierungen, die von ihrem Umfang her 12 Mal so häufig in der Gruppe mit Kindesmisshandlung vorkommen.“

„Das Ergebnis bestätigt unseren Verdacht, dass die Biologie psychiatrischer Erkrankungen komplexer ist, als bisher oft angenommen“, kommentiert Elisabeth Binder, Leiterin der Studie. „Traumatische Ereignisse, die in früher Kindheit geschehen, schreiben sich über sehr lange Zeit in der Zelle fest. Nicht nur die Erkrankung an sich, sondern unser gesamtes Erleben bis zur Erkrankung, scheint eine große Rolle in der Biologie von Angststörungen und Depression zu spielen.“ Bei der Behandlung von Angststörungen und Depressionen solle dies berücksichtigt werden, betont Binder.

Für die zukünftige Entwicklung von Biomarkern sei das Studienergebnis ein wichtiger Schritt voran, hebt Erstautorin Mehta hervor: „Es gibt uns ein besseres Verständnis für die Risikofaktoren psychiatrischer Erkrankungen und hilft uns, individuelle Diagnose- und Behandlungsstrategien dafür zu entwickeln.“
Ansprechpartner
Michael Greiner,
Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München
Telefon: +49 89 30622-273
Fax: +49 89 30622-348
E-Mail: michael_greiner@­mpipsykl.mpg.de
Originalpublikation
Divya Mehta, Torsten Klengel, Karen N Conneely, Alicia K Smith, André Altmann, Thaddeus W Pace, Monika Rex-Haffner, Anne Loeschner, Mariya Gonik, Kristina B Mercer, Bekh Bradley, Bertram Müller-Myhsok, Kerry J Ressler, Elisabeth B Binder
Childhood maltreatment is associated with distinct genomic and epigenetic profiles in posttraumatic stress disorder

PNAS, May 29 2013

Michael Greiner | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/7137629/prognosen_in_der_psychiatrie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Grundlagen der Blockchain-Technologie in der Energiewirtschaft
27.07.2018 | Forschungsstelle für Energiewirtschaft e.V.

nachricht Studie zu Werkstoffprüfung: Schäden in nichtmagnetischem Stahl mit Magnetismus aufspüren
23.07.2018 | Technische Universität Kaiserslautern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Im Focus: Magnetische Antiteilchen eröffnen neue Horizonte für die Informationstechnologie

Computersimulationen zeigen neues Verhalten von Antiskyrmionen bei zunehmenden elektrischen Strömen

Skyrmionen sind magnetische Nanopartikel, die als vielversprechende Kandidaten für neue Technologien zur Datenspeicherung und Informationsverarbeitung gelten....

Im Focus: Unraveling the nature of 'whistlers' from space in the lab

A new study sheds light on how ultralow frequency radio waves and plasmas interact

Scientists at the University of California, Los Angeles present new research on a curious cosmic phenomenon known as "whistlers" -- very low frequency packets...

Im Focus: Neue interaktive Software: Maschinelles Lernen macht Autodesigns aerodynamischer

Neue Software verwendet erstmals maschinelles Lernen um Strömungsfelder um interaktiv designbare 3D-Objekte zu berechnen. Methode wird auf der renommierten SIGGRAPH-Konferenz vorgestellt

Wollen Ingenieure oder Designer die aerodynamischen Eigenschaften eines neu gestalteten Autos, eines Flugzeugs oder anderer Objekte testen, lassen sie den...

Im Focus: New interactive machine learning tool makes car designs more aerodynamic

Scientists develop first tool to use machine learning methods to compute flow around interactively designable 3D objects. Tool will be presented at this year’s prestigious SIGGRAPH conference.

When engineers or designers want to test the aerodynamic properties of the newly designed shape of a car, airplane, or other object, they would normally model...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

Das Architekturmodell in Zeiten der Digitalen Transformation

14.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Damit auch kleine Unternehmen von der Digitalisierung profitieren

16.08.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Intelligente Fluoreszenzfarbstoffe

16.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

Rezessionsrisiko gesunken - IMK-Indikator hellt sich auf – robuster Aufschwung geht weiter

16.08.2018 | Wirtschaft Finanzen

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics