Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ohrwurm für Oslo: Kasseler Forscher untersucht, wie musikalische Endlosschleifen im Kopf entstehen

27.05.2010
Wenn Lena Meyer-Landrut am kommenden Samstag in Oslo auf der Bühne steht, wird sie mit „Satellite" einen Titel singen, der vielen Menschen nicht mehr aus dem Sinn geht. Seit Wochen behauptet sich der deutsche Beitrag für den „Eurovision Song Contest" in den Top Ten. Wie ein solcher Ohrwurm entsteht und was ihn auszeichnet, hat der Direktor des Instituts für Musik an der Uni Kassel, Prof. Dr. Jan Hemming, untersucht.

„Das Auftreten eines Ohrwurms ist immer unwillkürlich", erklärt Hemming. Ein Musiker kann ihn nicht planen, ein Musikkonsument kann ihn nicht vorhersehen. Manchmal stellt sich die akustische Endlosschleife im Kopf schon nach einmaligem Hören ein, manchmal erst nach Tagen. Ebenso unmöglich zu kalkulieren ist die Dauer. Bei einer Untersuchung am Kasseler Institut für Musik berichteten einige Probanden, dass der Ohrwurm nach einigen Minuten verschwand. Manche wurden von der immer wiederkehrenden Melodie im Kopf bis zu drei Wochen heimgesucht.

Schon Sigmund Freud befasste sich in seinem Hauptwerk „Die Traumdeutung" mit dem Phänomen. Für den Begründer der Psychoanalyse waren Ohrwürmer die unbewusste Artikulation von Wünschen. Seitdem haben sich Psychologen immer wieder mit der Problematik befasst, ohne zu einer allgemein überzeugenden Erklärung zu kommen.

Hemming verweist darauf, dass professionelle Songwriter gezielt versuchen, eingängige Elemente und Passagen in ihren Liedern einzusetzen. Diese so genannten Hooks sollen den Wiedererkennungswert und so letztlich den Erfolg eines Songs steigern. Eine „Ohrwurmformel" aber lässt sich daraus nicht ableiten, betont der Kasseler Forscher: „Wiederholte einfache melodische oder harmonische Strukturen sind möglicherweise notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen, damit aus einer Phrase ein Ohrwurm wird."

Nach den Untersuchungen des Kasseler Musikforschers entstehen Ohrwürmer zu mehr als 70 Prozent in Alltagssituationen wie Abwaschen und Aufräumen beziehungsweise in Leerlauf- und Wartephasen. Dagegen entstehen sie nur selten, wenn der Betroffene geistig oder seelisch stark angespannt ist. Hemming geht davon aus, dass Ohrwürmer geradezu als Reaktion auf Leerlaufphasen unseres Gehirns entstehen. Möglicherweise reagiere das Gehirn damit auch auf die schlichte Abwesenheit von Musik.

Ist ein Zuhörer mit einem bestimmten Titel gut vertraut, so erhöht dies die Chancen des Musikstücks, zum Ohrwurm zu werden. In einer Versuchsreihe am Kasseler Institut für Musik zeigte sich, dass 60,5 Prozent der Stücke, die sich bei den Probanden zum Ohrwurm entwickelten, den Betroffenen bereits bekannt waren. 24,4 Prozent der Stücke, die sich zur musikalischen Endlosschleife entwickelten, waren für die Probanden dagegen neu. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt offenbar der Text. So waren bei der Kasseler Testreihe drei der fünf eingängigsten Titel, Lieder mit deutschen Texten, während reine Instrumentalstücke nur selten Ohrwurmstatus erreichten.

Ein Ohrwurm entsteht vor allem bei Titeln, die dem Zuhörer persönlich gefallen. Es ist aber auch das krasse Gegenteil zu beobachten: Menschen bekommen ein Musikstück nicht mehr aus dem Gehörgang raus, obwohl es sie nervt, berichtet Hemming: „Möglicherweise wird Musik immer dann unbewusst und unwillkürlich memoriert, wenn sie parallel zum Hören mit einer starken positiven oder negativen Bewertung verbunden wird."

Info
Prof. Dr. Jan Hemming
Tel (0561) 804 4341
E-Mail jan.hemming@uni-kassel.de
Universität Kassel
Fachbereich Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften
Institut für Musik
(Prof. Dr. Hemming steht am Freitag, 28. Mai, ab 13.00 Uhr für Interviews zur Verfügung)
Dr. Guido Rijkhoek
Tel (0561) 804 2217
E-Mail rijkhoek@uni-kassel.de
Universität Kassel
Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Christine Mandel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Klein und vielseitig: Schlüsselorganismen im marinen Stickstoffkreislauf nutzen Cyanat und Harnstoff
10.12.2018 | Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie

nachricht Diabetes Typ 1 - Studien zeigen: Insulinpumpen wirken sich positiv auf Blutzuckerwerte
10.12.2018 | Deutsche Diabetes Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Methode verpasst Mikroskop einen Auflösungsschub

Verspiegelte Objektträger ermöglichen jetzt deutlich schärfere Bilder / 20fach bessere Auflösung als ein gewöhnliches Lichtmikroskop - Zwei Forschungsteams der Universität Würzburg haben dem Hochleistungs-Lichtmikroskop einen Auflösungsschub verpasst. Dazu bedampften sie den Glasträger, auf dem das beobachtete Objekt liegt, mit maßgeschneiderten biokompatiblen Nanoschichten, die einen „Spiegeleffekt“ bewirken. Mit dieser einfachen Methode konnten sie die Bildauflösung signifikant erhöhen und einzelne Molekülkomplexe auflösen, die sich mit einem normalen Lichtmikroskop nicht abbilden lassen. Die Studie wurde in der NATURE Zeitschrift „Light: Science and Applications“ veröffentlicht.

Die Schärfe von Lichtmikroskopen ist aus physikalischen Gründen begrenzt: Strukturen, die näher beieinander liegen als 0,2 tausendstel Millimeter, verschwimmen...

Im Focus: Supercomputer ohne Abwärme

Konstanzer Physiker eröffnen die Möglichkeit, Supraleiter zur Informationsübertragung einzusetzen

Konventionell betrachtet sind Magnetismus und der widerstandsfreie Fluss elektrischen Stroms („Supraleitung“) konkurrierende Phänomene, die nicht zusammen in...

Im Focus: Drei Nervenzellen reichen, um eine Fliege zu steuern

Uns wirft so schnell nichts um. Eine Fruchtfliege kann dagegen schon ein kleiner Windstoß vom Kurs abbringen. Drei große Nervenzellen in jeder Hälfte des Fliegenhirns reichen jedoch aus, um die Fliege mit Hilfe visueller Signale wieder auf Kurs zu bringen.

Bewegen wir uns vorwärts, zieht die Umwelt in die entgegengesetzte Richtung an unseren Augen vorbei. Drehen wir uns, verschiebt sich das Bild der Umwelt im...

Im Focus: Researchers develop method to transfer entire 2D circuits to any smooth surface

What if a sensor sensing a thing could be part of the thing itself? Rice University engineers believe they have a two-dimensional solution to do just that.

Rice engineers led by materials scientists Pulickel Ajayan and Jun Lou have developed a method to make atom-flat sensors that seamlessly integrate with devices...

Im Focus: Drei Komponenten auf einem Chip

Wissenschaftlern der Universität Stuttgart und des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT gelingt wichtige Weiterentwicklung auf dem Weg zum Quantencomputer

Quantencomputer sollen bestimmte Rechenprobleme einmal sehr viel schneller lösen können als ein klassischer Computer. Einer der vielversprechendsten Ansätze...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Eine Norm für die Reinheitsbestimmung aller Medizinprodukte

10.12.2018 | Veranstaltungen

Fachforum über intelligente Datenanalyse

10.12.2018 | Veranstaltungen

Plastics Economy Investor Forum: Treffpunkt für Innovationen

10.12.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Klein und vielseitig: Schlüsselorganismen im marinen Stickstoffkreislauf nutzen Cyanat und Harnstoff

10.12.2018 | Studien Analysen

Ungesundes Sitzen vermeiden: Stuhl erkennt Sitzposition und motiviert zur Änderung der Körperhaltung

10.12.2018 | Energie und Elektrotechnik

Eine Norm für die Reinheitsbestimmung aller Medizinprodukte

10.12.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics