Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Multifokale motorische Neuropathie: Wirksamkeit von Immunglobulinen durch Studie bestätigt

03.11.2010
In einer beispielhaften Erhebung haben niederländische Neurologen systematisch alle Patienten erfasst, die in ihrem Land unter einer multifokalen motorischen Neuropathie (MMN) leiden.

Sie gewannen dadurch solide Daten zu dieser seltenen, aber oft gut behandelbaren asymmetrischen Lähmung. Die Ergebnisse dieser Untersuchung könnten helfen, das klinische Bild einer MMN zu erkennen, schreiben die Autoren um Leonard H. van den Berg in Neurology.

Van den Berg ist Koordinator der Abteilung Neuromuskuläre Erkrankungen am Medizinischen Zentrum der Universität Utrecht. Die Niederländer konnten zeigen, dass eine frühzeitige Behandlung der Patienten mit intravenösen Immunglobulinen (IVIg) den Zerfall der Nervenfortsätze (axonale Degeneration) sowie bleibende Defizite verzögern kann.

„Auch den deutschen Patienten wird diese Arbeit nutzen“, kommentiert Professor Martin Stangel, leitender Oberarzt an der Neurologischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover, für die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Die Art und Weise, wie Neurologen und Patientenverbände hier zusammengearbeitet haben, ist ebenso vorbildlich wie der Gebrauch einer landesweiten Datenbank zur Erfassung von Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen.“

Zusammenarbeit aller Beteiligten
Die niederländischen Neurologen hatten das ehrgeizige Ziel verfolgt, alle MMN-Patienten unter den 16,4 Millionen Einwohnern der Niederlande zu identifizieren und erneut zu untersuchen. Erst vor 20 Jahren war die multifokale motorische Neuropathie als eigenständiges Krankheitsbild beschrieben worden, dessen Hauptmerkmale isolierte Leitungsblöcke sowie eine langsam fortschreitende, asymmetrische Schwächung der Extremitäten sind. Angesichts der Seltenheit des Leidens und der Ähnlichkeit mit der weniger gut zu behandelnden amyotrophen Lateralsklerose (ALS) suchten die Studienärzte nach möglichst vielen Betroffenen, um den typischen Verlauf der MMN zu erfassen sowie die Wirksamkeit der Standardtherapie zu messen. Diese besteht aus der intravenösen Gabe von Immunglobulinen.

Alle rund 900 niederländischen Neurologen wurden deshalb schriftlich gebeten, ihre Patienten mit MMN in der Studie einzuschliessen. Gleichzeitig informierte man Betroffene durch eine nationale Patientenvereinigung und suchte nach weiteren Fällen unter den mehr als 10 000 Einträgen, die seit dem Jahr 2004 in der nationalen neuromuskulären Datenbank CRAMP erfasst worden waren. Durch diese intensive Zusammenarbeit aller Beteiligten konnten 97 MMN-Patienten ausfindig gemacht werden, von denen 88 einwilligten, an der Studie teilzunehmen.

Solide Daten zu Häufigkeit, Diagnose und Therapie der MMN
Die systematische Suche nach MMN-Patienten ergab eine Häufigkeit (Prävalenz) der Erkrankung von mindestens 0,6 pro 100 000 Einwohnern. Dabei bestätigte sich nicht nur, dass dieses Leiden vorwiegend Männer trifft (64 Prozent in dieser Untersuchung), sondern auch, dass die ersten Symptome bei Männern früher, durchschnittlich im Alter von 38 Jahren auftreten, im Gegensatz zu einem Durchschnittsalter von 45 Jahren bei Frauen. Weil es wenig verlässliche klinische Zeichen für eine MMN gibt, sei eine Untersuchung der Nervenleitung unerlässlich, betonen van den Berg und seine Kollegen. Hätte man die Diagnose-Kriterien der US-Gesellschaft für Elektrodiagnostische Medizin zugrunde gelegt, wären 13 Patienten von der Studie ausgeschlossen worden. Diese Patienten sprachen jedoch auf die Standardtherapie an und profitierten von der Gabe intravenöser Immunglobuline. Gemäß den Kriterien der Europäischen Föderation Neurologischer Gesellschaften (EFNS) wäre nur ein Patient ausgeschlossen worden, der aber ebenfalls auf die IVIg positiv reagierte. „Diese Erkenntnisse helfen auch uns, Patienten mit MMN besser zu behandeln“, kommentierte Professor Martin Stangel. „Die Daten bestätigen eindrücklich, dass die Therapie mit intravenösen Immunglobulinen im klinischen Alltag effektiv ist, und unterstreichen die Empfehlungen der EFNS und DGN. Auch zeigt sich, dass eine frühe Therapie für die Prognose entscheidend ist. Dies wurde bislang in dieser Deutlichkeit noch nicht dargestellt.“

Bezüglich der Therapie stellte sich heraus, dass nur vier der 88 Studienteilnehmer niemals IVIg erhalten hatten, weil sie in ihrem Alltagsleben kaum eingeschränkt waren. Unter den restlichen 84 profitierten 79 (94 Prozent) von den Immunglobulinen und 67 (80 Prozent) standen zum Zeitpunkt der Untersuchung unter einer Erhaltungstherapie. Ihre mittlere Dosis hatte sich während der durchschnittlich sechs Jahre dauernden Erhaltungstherapie von zwölf auf 17 Gramm pro Woche erhöht. Eine ungünstige Prognose mit ernsthafter Schwäche und Behinderung war dabei mit der Dauer assoziiert, in der die Krankheit unbehandelt geblieben war – und nicht mit der Dauer der IVIg-Behandlung. Daher schließen die Autoren: „Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass ein früher Start mit IVIg gefolgt von einer Erhaltungstherapie gegenwärtig die einzige Intervention ist, die die axonale Degeneration und eine schlechtere Entwicklung verhindern kann.“

Quellen
• Cats EA et al. Correlates of outcome and response to IVIg in 88 patients with multifocal motor neuropathy. Neurology. 2010 Aug 31;75(9):818-25.

• van Engelen BG et al. The Dutch neuromuscular database CRAMP (Computer Registry of All Myopathies and Polyneuropathies): development and preliminary data. Neuromuscul Disord. 2007 Jan;17(1):33-7. Epub 2006 Dec 1.

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. Martin Stangel
Medizinischen Hochschule Hannover
Leitender Oberarzt der Neurologischen Abteilung OE 7210
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover
Tel: +49 (0)511-532-6676
Ansprechpartner für die Medien
Frank A. Miltner, Tel: +49 (0)89-461486-22, E-Mail: presse@dgn.org
Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 6000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.
Geschäftsstelle
Deutsche Gesellschaft für Neurologie
Reinhardtstr. 14
10117 Berlin
Tel: +49 (0)30- 531437-930
Fax: +49 (0)30- 531437-939
E-Mail: info@dgn.org
1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Heinz Reichmann
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Günther Deuschl
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Wolfgang Oertel
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Massenverlust des Antarktischen Eisschilds hat sich beschleunigt
14.06.2018 | Technische Universität Dresden

nachricht Teure Flops: Nur 5% der Innovationsideen werden erfolgreich
12.06.2018 | Institut für angewandte Innovationsforschung e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics