Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Molekül entscheidet über Freundschaften

19.07.2016

Unbekannte Menschen zu treffen kann herausfordernd, aber auch bereichernd sein. Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie konnten Forscher nachweisen, dass ein Molekül, das für die Regulation von Stress im Gehirn verantwortlich ist, auch bestimmt, ob wir bereit sind, neue soziale Kontakte zu knüpfen oder ob wir lieber in der Sicherheit unseres bestehenden sozialen Umfelds verharren. Darüber berichtet das angesehene Fachmagazin „Nature Neuroscience“.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie weisen nach, wie ein Molekül im Gehirn das Verhalten von Mäusen beeinflusst. In ihren Experimenten mit den Tieren identifizierten sie einen Stressmechanismus, der als eine Art „sozialer Schalter“ agiert: Er brachte Mäuse dazu, entweder die Beziehungen mit „Freunden“ und „Bekannten“ zu intensivieren oder sie einzuschränken und stattdessen den Kontakt zu „Fremden“ zu suchen.


Neue Freunde finden oder nicht? Molekül bestimmt mit

MPI / Yonatan Popper

Menschen verarbeiten Stress im Gehirn mithilfe eines ähnlichen Systems. Deshalb dürfte der gleiche Mechanismus bei Menschen den Umgang mit sozialen Herausforderungen regulieren. Störungen dieses Mechanismus könnten verantwortlich für Schwierigkeiten im Sozialverhalten bei Patienten sein, die an Angststörungen, Autismus, Schizophrenie oder ähnlichen Erkrankungen leiden.

Prof. Dr. Alon Chen, Direktor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, verantwortet die Studie, durchgeführt wurde sie von Dr. Yair Shemesh sowie Dr. Oren Forkosh in Kooperation mit dem Weizman Institut in Israel. „Die meisten unserer sozialen Kontakte bedeuten auch ein gewisses Maß an Stress, selbst wenn wir Menschen treffen, die wir gut kennen. Denken Sie nur an Familienfeste“, erläutert Shemesh.

„Von der Evolution her betrachtet, ist eine gewisse Zurückhaltung wichtig für erfolgreiches soziales Verhalten“, fährt der israelische Wissenschaftler fort. Chen fügt hinzu: „In praktisch jedem sozialen Umfeld gibt es Interessenkonflikte. Das Individuum muss sich deshalb sozial adäquat verhalten und abwägen zwischen eigenen Interessen und den Erwartungen anderer.“

Um herauszufinden, wie Mäuse sich im Kontakt mit Artgenossen verhalten, installierten die Wissenschaftler für ihre Studie zwei verschiedene Versuchsaufbauten. Im „sozialen Labyrinth“ konnten Mäuse wählen, ob sie durch einen Maschendraht Kontakt mit vertrauten oder fremden Mäusen aufnehmen oder ob sie Kontakt generell vermeiden.

Im anderen Versuchsaufbau konnten die Mäuse sich frei in der Gruppe bewegen. Ihre Bewegungen wurden dabei durch Videokameras mit einem eigens dafür programmierten Computerprogramm aufgezeichnet und analysiert. Dieser einzigartige Versuchsaufbau ermöglichte es, die Mäuse der zweiten Gruppe über mehrere Tage bei verschiedenen Arten sozialer Interaktion wie Annäherung, Kontakt, Angriff oder Verfolgung kontinuierlich zu beobachten.

Die Wissenschaftler zeigten, dass ein molekularer Mechanismus im Gehirn der Mäuse, der an der Stressregulation beteiligt ist, auch das Verhalten von Mäusen gegenüber Artgenossen bestimmt. Ein Signale übermittelndes Molekül, das Urocortin-3, und ein Rezeptor auf der Oberfläche von Nervenzellen, an den das Molekül bindet, sind Teil dieses Mechanismus. Beide sind wiederum Teile des Corticotropin-ausschüttenden Faktors beziehungsweise des sogenannten CRF-Systems, das beim Umgang mit Stress eine zentrale Rolle spielt. Beide kommen überwiegend in der Gehirnregion der mittleren Amygdala vor, die mit sozialem Verhalten von Mäusen in Zusammenhang gebracht wird.

Mäuse, die hohe Urocortin-Spiegel im Blut aufwiesen, suchten aktiv den Kontakt zu Mäusen, die sie nicht kannten. Dabei ignorierten sie sogar ihre eigene Gruppe. Wenn die Aktivität des Urocortin-3 aber unterbunden wurde, hatten die Mäuse fast nur Sozialkontakte innerhalb ihrer eigenen Gruppe und vermieden Kontakte mit unbekannten Tieren.

Der israelische Wissenschaftler Forkosh fasst zusammen: „In freier Wildbahn leben Mäuse in Gruppen. Ihr Verhalten innerhalb der Gruppe unterscheidet sich von ihrem Verhalten gegenüber Eindringlingen. Deshalb ist es sinnvoll, dass ein und derselbe Mechanismus im Gehirn Einfluss auf zwei verschiedene Arten sozialen Verhaltens nehmen kann. Dieser Mechanismus könnte bei Menschen auftreten, wenn sie zum Beispiel überlegen, bei den Eltern auszuziehen, sich scheiden zu lassen oder den Job beziehungsweise die Wohnung zu wechseln.“

Anke Schlee | Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Tiefe Hirnstimulation lindert schwerste Depression zuverlässig
15.03.2019 | Universitätsklinikum Freiburg

nachricht Meta-Analyse der Ertragsstabilität: biologische und konventionelle Landwirtschaft im Vergleich
13.03.2019 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neues Gen mit möglicher Rolle bei Metastasierung identifiziert

Gen nach römischer Göttin Minerva benannt, da Immunzellen im Kopf der Fruchtfliege stecken bleiben

Weisen Tumore eine bestimmte Kombination von Zuckern – das sogenannte T-Antigen – auf, breiten sie sich mit größerer Wahrscheinlichkeit im Körper aus und töten...

Im Focus: New gene potentially involved in metastasis identified

Gene named after Roman goddess Minerva as immune cells get stuck in the fruit fly’s head

Cancers that display a specific combination of sugars, called T-antigen, are more likely to spread through the body and kill a patient. However, what regulates...

Im Focus: Saxony5 und Industrie 4.0 Modellfabrik präsentieren sich auf Hannover Messe

Vom 1. bis 4. April 2019 ist die HTW Dresden mit der Industrie 4.0 Modellfabrik und dem Projekt Saxony5 auf der Hannover Messe vertreten. Am Gemeinschaftstand der sächsischen Hochschulen für angewandte Forschung (HAW) „Forschung für die Zukunft“ stellen die Dresdner Forscher aktuelle Projekte zum kollaborativen Arbeiten und deren Anwendungen in der Industrie vor.

Virtuell können die Besucher von Hannover aus auf dem Tablet ihre Züge gegen den kollaborativen Roboter YuMi, der in der Modellfabrik in Dresden steht, setzen....

Im Focus: Hochdruckwasserstrahlen zum flächigen Materialabtrag von hochfesten Werkstoffen erprobt

Beim Fräsen hochfester Werkstoffe wie Oxidkeramik oder Sondermetalle – und besonders bei der Schruppbearbeitung – verschleißen Werkzeuge schnell. Für Unternehmen ist die Bearbeitung dieser Werkstoffe deshalb mit hohen Kosten verbunden. Im Projekt »HydroMill« hat das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen mit seinen Projektpartnern nun gezeigt, dass sich der Hochdruckwasserstrahl zum flächigen Materialabtrag von hochfesten Werkstoffen eignet. War der Einsatz von Wasserstrahlen bislang auf die Schneidbearbeitung beschränkt, zeigen die Projektergebnisse, wie sich hochfeste Werkstoffe kosten- und ressourcenschonender als bisher flächig abtragen lassen.

Diese neue und zur konventionellen Schruppbearbeitung alternative Anwendung der Wasserstrahlbearbeitung untersuchten die Aachener Ingenieure gemeinsam mit...

Im Focus: Die Zähmung der Lichtschraube

Wissenschaftler vom DESY und MPSD erzeugen in Festkörpern hohe-Harmonische Lichtpulse mit geregeltem Polarisationszustand, indem sie sich die Kristallsymmetrie und attosekundenschnelle Elektronendynamik zunutze machen. Die neu etablierte Technik könnte faszinierende Anwendungen in der ultraschnellen Petahertz-Elektronik und in spektroskopischen Untersuchungen neuartiger Quantenmaterialien finden.

Der nichtlineare Prozess der Erzeugung hoher Harmonischer (HHG) in Gasen ist einer der Grundsteine der Attosekundenwissenschaft (eine Attosekunde ist ein...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Industrie 4.0 - Herausforderungen & Wege in der Ingenieurausbildung

26.03.2019 | Veranstaltungen

Größte nationale Tagung 2019 für Nuklearmedizin in Bremen

21.03.2019 | Veranstaltungen

6. Magdeburger Brand- und Explosionsschutztage vom 25. bis 26.3. 2019

21.03.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Künstliche Intelligenz forscht mit

26.03.2019 | Informationstechnologie

Neues Gen mit möglicher Rolle bei Metastasierung identifiziert

26.03.2019 | Biowissenschaften Chemie

Im nicht mehr ewigen Eis – Rostocker Forscher untersuchen Leben in der Antarktis

26.03.2019 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics