Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Menschliches Sehsystem ist dynamisch

30.09.2008
Gießener Psychologen publizieren ihre Forschungsergebnisse in der Oktober-Ausgabe von "Nature Neuroscience"

In unserer natürlichen Umgebung sind wir ständig in Bewegung - das gilt zumindest für unsere Augen. Die Augenbewegungen sind nötig, um das jeweilige Blickziel besser erkennen zu können. Bisher gab es in erster Linie Befunde, die zeigten, dass während solcher Augenbewegungen die visuelle Wahrnehmung stark eingeschränkt ist.

Gießener Forscher unter der Federführung von Prof. Dr. Karl Gegenfurtner, Abteilung Allgemeine Psychologie, der Justus-Liebig-Universität zeigen in einer aktuellen Studie, dass während der Augenbewegungen für manche Reize die Empfindlichkeit des Sehsystems aber auch zunehmen kann. Die Gießener Experimente belegen eindrücklich, dass das menschliche Sehsystem nicht statisch ist. Alle Voraussetzungen sind erfüllt, so dass der Mensch optimal auf jede spezifische Gegebenheit reagieren kann.

Diese Ergebnisse publizieren Alexander C. Schütz, Doris I. Braun, Dirk Kerzel, Karl R. Gegenfurtner in ihrem Beitrag "Improved visual sensitivity during smooth pursuit eye movements" in der Oktober-Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature Neuroscience", einer der Nature-Monatsschriften. Am 21. September hat das renommierte Fachblatt die Forschungsergebnisse bereits vorab in seiner Online-Ausgabe (Advance Online Publication (AOP)) bekannt gemacht.

Unterstützt wurden die Arbeiten von der DFG-Forschergruppe 560 - Wahrnehmung und Handlung (Gießen/Marburg) und dem DFG-Graduiertenkolleg "NeuroAct" (Marburg/Gießen).

Menschen und Primaten bewegen ihre Augen, um interessante Bereiche der Umwelt auf den Bereich des schärfsten Sehens in der Netzhaut, die sogenannte Fovea, abzubilden. Etwa dreimal pro Sekunde treten solche schnellen, ruckartigen Augenbewegungen auf. Wenn sich das Objekt des Interesses aber bewegt - beispielsweise ein fliegender Vogel oder auch ein Fußball - muss es mittels langsamer Augenbewegungen verfolgt werden, um das Netzhautbild in der Fovea zu stabilisieren.

Bisherige Ergebnisse zeigten, dass visuelle Wahrnehmungsleistungen durch diese Augenbewegungen teilweise stark beeinträchtig sind. So sind die Menschen während der schnellen Blicksprünge für den Bruchteil einer Sekunde nahezu blind. Die aktuelle Studie der Gießener Psychologen weist dagegen nach, dass bestimmte Wahrnehmungsleistungen während langsamer Augenfolgebewegungen sogar verbessert werden können. Es zeigte sich, dass die Empfindlichkeit für farbige Reize und für fein strukturierte Muster während glatter Augenfolgebewegungen höher ist als bei ruhendem Auge. Grob strukturierte Reize, die sich in der Helligkeit vom Hintergrund unterscheiden, werden während glatter Augenfolgebewegungen hingegen schlechter wahrgenommen. Diese Unterschiede zwischen der Verarbeitung von Farbe und Helligkeit deuten darauf hin, dass die Unterschiede schon sehr früh in der visuellen Verarbeitung entstehen.

Der "parvozelluläre Pfad" führt von der Netzhaut zum Sehzentrum im Gehirn und vermittelt hauptsächlich Informationen über Farbe und kleine Details. Da die Studie ferner zeigt, dass die Verbesserung der Wahrnehmungsleistung schon sehr rasch eintritt - nämlich kurz bevor die Augen anfangen sich zu bewegen -, nehmen die Gießener Forscher an, dass im Gehirn gleichzeitig mit dem Startsignal für die Bewegung der Augen ein Signal zum Sehzentrum geschickt wird, um die visuelle Empfindlichkeit während der Augenbewegungen neu zu justieren.

Die Experimente belegen eindrücklich, dass das menschliche Sehsystem nicht statisch ist, sondern dass ständig hier und da an "Schrauben" gedreht wird, damit der Mensch optimal auf die jeweiligen Gegebenheiten reagieren kann.

Originalveröffentlichung:
Alexander C. Schütz, Doris I. Braun, Dirk Kerzel, Karl R. Gegenfurtner (2008).
Improved visual sensitivity during smooth pursuit eye movements.
Nature Neuroscience, October 2008, Volume 11 No 10, pp 1211-1216
Kontakt:
Prof. Karl R. Gegenfurtner
Fachbereich 06 - Psychologie und Sportwissenschaften
Abteilung Allgemeine Psychologie
Otto-Behaghel-Straße 10F
35394 Gießen
Telefon: 0641 99-26100, Fax: 0641 99-26119
E-Mail: gegenfurtner@psychol.uni-giessen.de

Charlotte Brückner-Ihl | idw
Weitere Informationen:
http://www.nature.com/neuro/
http://www.nature.com/neuro/journal/v11/n10/index.html
http://www.uni-giessen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue internationale Studie: Immuntherapie für Kinder mit akuter Leukämie
13.07.2018 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

nachricht Sicherer Auto fahren ohne Grauen Star: Geringeres Unfallrisiko nach Linsenoperation
12.07.2018 | Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vertikales Begrünungssystem Biolit Vertical Green<sup>®</sup> auf Landesgartenschau Würzburg

16.07.2018 | Architektur Bauwesen

Feinstaub macht Bäume anfälliger gegen Trockenheit

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Krebszellen Winterschlaf halten

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics