Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn die Mehrheit entscheidet: 0Euro für den Klimaschutz

15.11.2010
Studie über die Zahlungsbereitschaft für den Klimaschutz bringt ernüchternde Ergebnisse

Klimawandel und Klimaschutz sind seit Jahren Themen, die in der öffentlichen Debatte für große Aufmerksamkeit sorgen. Über den sogenannten Treibhauseffekt wird insbesondere in den Ländern der Europäischen Union heftig diskutiert während in den USA die Sorge über die globale Erwärmung weit weniger stark ausgeprägt scheint.

Am Ende bleibt meist die Frage: Wer soll das bezahlen? Drei Wissenschaftler haben sich nun der schwierigen Aufgabe angenommen, die tatsächliche Zahlungsbereitschaft für den Klimaschutz zu untersuchen, unter ihnen auch der Bochumer Wirtschaftsprofessor Carsten Vogt.

Dummerweise ist der Klimaschutz ein sogenanntes 'öffentliches Gut'. "Alle Staaten", erläutert Carsten Vogt, "können das Gut 'stabiles Klima' unabhängig davon nutzen, ob sie einen Beitrag zur Erstellung bzw. Erhaltung des Guts geleistet haben oder nicht." Es stellt sich also die Frage, ob und in welchem Umfang Menschen bereit sind für etwas zu zahlen, das dann allen – auch denen, die nichts bezahlt haben – zugute kommt. Meinungsumfragen zeichneten bislang ein eher pessimistisches Bild.

Viele Befragte lehnten z.B. höhere Umweltsteuern oder Einschnitte beim persönlichen Lebensstandard ab. Und wenn dann mehr oder weniger komplexe Fragebogenstudien doch einmal zu dem Ergebnis kommen, dass die Menschen theoretisch bereit wären, für den Klimaschutz zu zahlen, ist eben dies das Problem: Theoretisch wären sie es, solange sie dafür kein real existierendes Geld auf einen real existierenden Tisch legen müssen. Zudem ist das Bild, das solche Studien zeichnen sehr uneinheitlich. Die gemessenen Werte für die Zahlungsbereitschaft zur Vermeidung einer Tonne CO2 reichen von 25€ bis hin zu knapp 500€.

Gemeinschaftlich haben sich die drei Wissenschaftler Andreas Löschel, Bodo Sturm und Carsten Vogt ein Verfahren überlegt, mit dem die reale Zahlungsbereitschaft für Klimaschutz in einem Kontext gemessen werden kann, in dem die Probanden tatsächlich eigenes Geld für die Vermeidung von CO2 einsetzen können. Dazu muss man wissen, dass seit 2005 in der EU ein börsenmäßiger Handel mit Emissionsrechten für Kohlendioxid stattfindet: Will ein Unternehmen, zum Beispiel ein Kraftwerksbetreiber, mehr CO2 ausstoßen, so muss dafür ein entsprechendes Recht, ein „Zertifikat“ vorgelegt werden.

Die gut 200 Probanden erhielten jeweils 40€ als Aufwandsentschädigung für ihre Teilnahme. Im Verlauf des Experiments wurden ihnen zunächst die wichtigen Folgen des Klimawandels sowie die Funktionsweise des EU-Emissionshandels erklärt. Dann wurden ihnen fünf zufällig ausgewählte Preise präsentiert und sie wurden gefragt, wie viele CO2-Zertifikate sie zu dem ausgewählten Preis kaufen möchten. Die Teilnehmer hatten also die Möglichkeit, durch ihr Handeln die insgesamt in Europa emittierte Menge an CO2 zu reduzieren.

Die Ergebnisse sind ernüchternd: Im Mittel betrug die Zahlungsbereitschaft für die Vermeidung einer Tonne CO2 knapp 12€, der niedrigste bislang gemessene Wert. Sehr interessant ist zudem die Beobachtung, dass gut 60% der Teilnehmer eine Zahlungsbereitschaft von Null Euro aufwiesen. Das bedeutet, dass für eine substanzielle und kostspielige Klimaschutzpolitik letztlich keine politische Mehrheit existiert.

"Beachten muss man zudem, dass dieses Resultat mit einer deutschen Stichprobe erzielt wurde", erläutert Carsten Vogt: "Immerhin ist Deutschland ein Land, in dem der Klimawandel seit langem große Aufmerksamkeit in der öffentlichen Wahrnehmung genießt. Die deutsche Öffentlichkeit ist im internationalen Vergleich eher besorgt über die Folgen der Erderwärmung. Außerdem sind die Einkommen in Deutschland relativ hoch und ein höheres Einkommen geht im Allgemeinen mit einer höheren Nachfrage nach Umweltschutz einher."

Was bedeutet das nun für die internationale Klimaschutzpolitik?

"Wenn selbst in einem Land wie Deutschland die Zahlungsbereitschaft eher gering ist", so Vogt, "wie soll dann Chinesen und Indern in einem Kyoto-Folgeabkommen die Übernahme eigener kostspieliger Minderungspflichten zulasten von weiterem wirtschaftlichem Wachstum und Entwicklung schmackhaft gemacht werden?" Die Einbindung wichtiger Schwellenländer wäre aber unverzichtbar, wenn es künftig gelingen soll, die weltweiten CO2-Emissionen spürbar zu reduzieren.

Tatsächlich ist die geringe Zahlungsbereitschaft eine gute Erklärung, warum wichtige Vertragsstaaten nach der Aushandlung des Kyoto-Protokolls das Abkommen durch zahlreiche Nachverhandlungen zu letztlich symbolischer Politik reduziert haben. "Insgesamt", so fasst Wirtschaftsprofessor Carsten Vogt zusammen, "kann man sagen, dass die geringe Zahlungsbereitschaft für den Klimaschutz die ohnehin ungünstigen Anreize in der Klimapolitik zusätzlich verschärft."

Detlef Bremkens | idw
Weitere Informationen:
http://www.hochschule-bochum.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Grundlagen der Blockchain-Technologie in der Energiewirtschaft
27.07.2018 | Forschungsstelle für Energiewirtschaft e.V.

nachricht Studie zu Werkstoffprüfung: Schäden in nichtmagnetischem Stahl mit Magnetismus aufspüren
23.07.2018 | Technische Universität Kaiserslautern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Mischung macht‘s: Jülicher Forscher entwickeln schnellladefähige Festkörperbatterie

Mit Festkörperbatterien sind aktuell große Hoffnungen verbunden. Sie enthalten keine flüssigen Teile, die auslaufen oder in Brand geraten könnten. Aus diesem Grund sind sie unempfindlich gegenüber Hitze und gelten als noch deutlich sicherer, zuverlässiger und langlebiger als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Jülicher Wissenschaftler haben nun ein neues Konzept vorgestellt, das zehnmal größere Ströme beim Laden und Entladen erlaubt als in der Fachliteratur bislang beschrieben. Die Verbesserung erzielten sie durch eine „clevere“ Materialwahl. Alle Komponenten wurden aus Phosphatverbindungen gefertigt, die chemisch und mechanisch sehr gut zusammenpassen.

Die geringe Stromstärke gilt als einer der Knackpunkte bei der Entwicklung von Festkörperbatterien. Sie führt dazu, dass die Batterien relativ viel Zeit zum...

Im Focus: It’s All in the Mix: Jülich Researchers are Developing Fast-Charging Solid-State Batteries

There are currently great hopes for solid-state batteries. They contain no liquid parts that could leak or catch fire. For this reason, they do not require cooling and are considered to be much safer, more reliable, and longer lasting than traditional lithium-ion batteries. Jülich scientists have now introduced a new concept that allows currents up to ten times greater during charging and discharging than previously described in the literature. The improvement was achieved by a “clever” choice of materials with a focus on consistently good compatibility. All components were made from phosphate compounds, which are well matched both chemically and mechanically.

The low current is considered one of the biggest hurdles in the development of solid-state batteries. It is the reason why the batteries take a relatively long...

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

IHP-Technologie darf in den Weltraum fliegen

20.08.2018 | Energie und Elektrotechnik

Eröffnung des neuen Produktionsgebäudes bei Heraeus Medical in Wehrheim

20.08.2018 | Unternehmensmeldung

Universum Studie: Internationalität und Praxisbezug sind Erfolgsfaktoren der ISM

20.08.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics