Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Je mehr graue Hirnsubstanz, umso altruistischer

12.07.2012
Das Volumen einer kleinen Hirnregion beeinflusst die Neigung zu altruistischem Verhalten.
Forschende der Universität Zürich zeigen: Personen, die sich altruistischer als andere verhalten, haben mehr graue Hirnsubstanz an der Grenze zwischen Scheitel- und Schläfenlappen. Sie zeigen erstmals, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Hirnanatomie, Hirnaktivität und altruistischem Verhalten.

Warum sind manche Menschen sehr egoistisch, andere hingegen sehr altruistisch? Frühere Studien haben gezeigt, dass soziale Kategorien wie Geschlecht, Einkommen oder Ausbildung unterschiedliches altruistisches Verhalten kaum erklären können. Neuere neurowissenschaftliche Studien legten nahe, dass Unterschiede in der Hirnstruktur mit Unterschieden in Persönlichkeitsmerkmalen und Fähigkeiten zusammenhängen können.

Wo (gelb) sich der Zusammenhang zwischen Altruismus und grauer Hirnsubstanz in der Region zwischen Scheitel- und Schläfenlappen manifestiert. UZH

Nun zeigt erstmals ein Forschungsteam der Universität Zürich um Ernst Fehr, Direktor des Instituts für Volkswirtschaftslehre, dass ein Zusammenhang zwischen Hirnanatomie und altruistischem Verhalten besteht.

Zur Klärung ob unterschiedliches altruistisches Verhalten neurobiologische Ursachen hat, mussten Probanden Geldbeträge zwischen sich selbst und einem anonymen Spielpartner teilen. Die Teilnehmer hatten dabei stets die Möglichkeit, auf einen gewissen Teil des Geldbetrages zugunsten der anderen Person zu verzichten. Ein derartiger Verzicht kann als altruistisches Verhalten gewertet werden, weil man damit anderen Menschen auf eigene Kosten hilft. Die Forschenden fanden hierbei grosse Unterschiede: Manche Teilnehmer waren fast nie bereit, auf eigenes Geld zugunsten anderer zu verzichten, andere hingegen verhielten sich ausgeprägt altruistisch.

Mehr graue Hirnsubstanz

Das Ziel der Studie war jedoch herauszufinden, warum es solche Unterschiede gibt. Frühere Studien legten dar, dass eine bestimmte Hirnregion – die Übergangsregion zwischen dem Scheitel- und dem Schläfenlappen – mit der Fähigkeit zusammenhängt, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen, um ihre Gefühle und Gedanken zu verstehen. Altruismus wiederum hängt mit dieser Fähigkeit wahrscheinlich eng zusammen. Daher vermuteten die Forschenden, dass individuelle Unterschiede in dieser Grenzregion mit unterschiedlichem altruistischen Verhalten zusammenhängen. Was laut Yosuke Morishima, Postdoktorand am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich, der Fall ist: «Personen, die sich altruistischer verhielten, wiesen auch mehr graue Hirnsubstanz in der Übergangsregion zwischen Scheitel- und Schläfenlappen auf.»

Unterschiedliche Hirnaktivität

Während ihrer Entscheidungen zur Geldteilung zeigten die Studienteilnehmenden auch deutliche Unterschiede in ihrer Hirnaktivität. Bei egoistischen Personen ist die kleine Hirnregion hinter dem Ohr schon bei geringen Kosten einer altruistischen Handlung aktiv. Bei altruistischen Personen hingegen wird diese Hirnregion erst stärker aktiv, wenn diese Kosten bereits sehr hoch sind. Die Hirnregion ist folglich dann besonders stark aktiviert, wenn Menschen an die Grenzen ihrer Bereitschaft gelangen, altruistisch zu handeln. Weil zu diesem Zeitpunkt, so vermuten die Forschenden, die grösste Notwendigkeit besteht, den natürlichen Egozentrismus des Menschen durch Aktivierung dieser Hirnregion zu überwinden.
Ernst Fehr stellt abschliessend fest: «Das sind aufregende Ergebnisse für uns. Man sollte daraus aber keinesfalls den Schluss ziehen, dass altruistisches Verhalten nur biologisch bestimmt ist.» Das Volumen an grauer Hirnsubstanz wird auch durch soziale Prozesse beeinflusst. Die Forschungsergebnisse werfen, so Fehr, die Frage auf, ob durch geeignetes Training oder soziale Normen das Wachstum jener Hirnregionen gefördert werden kann, die für altruistisches Verhalten wichtig sind.

Die Studie ist Teil des grossen Forschungsprojekts «Neurochoice», das von SystemsX.ch initiiert und teilfinanziert wird.

Literatur:

Yosuke Morishima, Daniel Schunk, Adrian Bruhin, Christian C. Ruff, and Ernst Fehr. Linking brain structure and activation in the temporoparietal junction to explain the neurobiology of human altruism. Neuron. July 12, 2012.

Kontakt:

Prof. Dr. Ernst Fehr
Institut für Volkswirtschaftslehre
Universität Zürich
Tel. +41 44 634 37 01
E-Mail: ernst.fehr@econ.uzh.ch

Yosuke Morishima, M.D., Ph.D
Institut für Volkswirtschaftslehre
Universität Zürich
Tel: +41 44 634 51 69
yosuke.morishima@econ.uzh.ch

Beat Müller | Universität Zürich
Weitere Informationen:
http://www.uzh.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wenn das Smartphone zur Schuldenfalle wird
15.10.2018 | Justus-Liebig-Universität Gießen

nachricht Atomare Verunreinigung ähnlich wie bei Edelsteinen dient als Quanten-Informationsspeicher
01.10.2018 | Technische Universität Kaiserslautern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Auf dem Weg zu maßgeschneiderten Naturstoffen

Biotechnologen entschlüsseln Struktur und Funktion von Docking Domänen bei der Biosynthese von Peptid-Wirkstoffen

Mikroorganismen bauen Naturstoffe oft wie am Fließband zusammen. Dabei spielen bestimmte Enzyme, die nicht-ribosomalen Peptid Synthetasen (NRPS), eine...

Im Focus: Größter Galaxien-Proto-Superhaufen entdeckt

Astronomen enttarnen mit dem ESO Very Large Telescope einen kosmischen Titanen, der im frühen Universum lauert

Ein Team von Astronomen unter der Leitung von Olga Cucciati vom Istituto Nazionale di Astrofisica (INAF) Bologna hat mit dem VIMOS-Instrument am Very Large...

Im Focus: Auf Wiedersehen, Silizium? Auf dem Weg zu neuen Materalien für die Elektronik

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung (MPI-P) in Mainz haben zusammen mit Wissenschaftlern aus Dresden, Leipzig, Sofia (Bulgarien) und Madrid (Spanien) ein neues, metall-organisches Material entwickelt, welches ähnliche Eigenschaften wie kristallines Silizium aufweist. Das mit einfachen Mitteln bei Raumtemperatur herstellbare Material könnte in Zukunft als Ersatz für konventionelle nicht-organische Materialien dienen, die in der Optoelektronik genutzt werden.

Bei der Herstellung von elektronischen Komponenten wie Solarzellen, LEDs oder Computerchips wird heutzutage vorrangig Silizium eingesetzt. Für diese...

Im Focus: Goodbye, silicon? On the way to new electronic materials with metal-organic networks

Scientists at the Max Planck Institute for Polymer Research (MPI-P) in Mainz (Germany) together with scientists from Dresden, Leipzig, Sofia (Bulgaria) and Madrid (Spain) have now developed and characterized a novel, metal-organic material which displays electrical properties mimicking those of highly crystalline silicon. The material which can easily be fabricated at room temperature could serve as a replacement for expensive conventional inorganic materials used in optoelectronics.

Silicon, a so called semiconductor, is currently widely employed for the development of components such as solar cells, LEDs or computer chips. High purity...

Im Focus: Blauer Phosphor – jetzt erstmals vermessen und kartiert

Die Existenz von „Blauem“ Phosphor war bis vor kurzem reine Theorie: Nun konnte ein HZB-Team erstmals Proben aus blauem Phosphor an BESSY II untersuchen und über ihre elektronische Bandstruktur bestätigen, dass es sich dabei tatsächlich um diese exotische Phosphor-Modifikation handelt. Blauer Phosphor ist ein interessanter Kandidat für neue optoelektronische Bauelemente.

Das Element Phosphor tritt in vielerlei Gestalt auf und wechselt mit jeder neuen Modifikation auch den Katalog seiner Eigenschaften. Bisher bekannt waren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Lehren und Lernen mit digitalen Medien im Fokus

22.10.2018 | Veranstaltungen

Natürlich intelligent

19.10.2018 | Veranstaltungen

Rettungsdienst und Feuerwehr - Beschaffung von Rettungsdienstfahrzeugen, -Geräten und -Material

18.10.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Lehren und Lernen mit digitalen Medien im Fokus

22.10.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Hansdampf im Katalyselabor: LIKAT-Chemiker vereinfachen die Amin-Synthese

22.10.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weniger Pestizide, mehr Bildung: 9-Punkte-Plan gegen das Insektensterben

22.10.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics