Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Investoren wollen beim Einstieg in Agrarunternehmen das Sagen haben

19.07.2013
Neue Studie des Thünen-Instituts sieht keine zunehmende Dynamik bei Betriebsübernahmen durch Investoren

Wird die landwirtschaftliche Produktion in Deutschland bald von nichtlandwirtschaftlichen Investoren dominiert?

Diese Frage ist in letzter Zeit verstärkt in das öffentliche Interesse und die politische Diskussion gerückt. Bislang ist unklar, wie bedeutsam die Aktivitäten dieser Investoren tatsächlich sind, wie sie ablaufen und wie sie sich auf die Produktion, Bodenpreise, Einkommen und die Agrarstruktur auswirken. Nachdem Wissenschaftler des Thünen-Instituts in Braunschweig bereits Ende 2011 die Auswirkungen von Bodenkäufen durch Investoren untersucht hatten, legen sie nun eine neue Studie vor. Darin geht es um Kapitalbeteiligungen nichtlandwirtschaftlicher und überregional ausgerichteter Investoren an landwirtschaftlichen Betrieben, die als juristische Personen (z. B. GmbH, Genossenschaft) organisiert sind. Diese Rechtsformen finden sich vor allem in den neuen Bundesländern.

Die Analyse zeigt, dass eine einfache Abgrenzung nichtlandwirtschaftlicher Investoren nicht möglich ist. Immerhin 38% der ostdeutschen GmbH sind im Allein- oder Mehrheitseigentum eines Investors mit nichtlandwirtschaftlichen Kapitalverflechtungen, während Minderheitsbeteiligungen durch solche Investoren kaum eine Rolle spielen.

Etwa die Hälfte der Agrar-GmbH ist im Eigentum von ortsansässigen Familien. Aber auch rein landwirtschaftliche Unternehmen bilden mittlerweile überregionale Firmengeflechte von teils beträchtlichem Ausmaß. Der Anteilserwerb durch nichtlandwirtschaftliche Investoren ist kein neues Phänomen, und auch in den letzten Jahren ist keine wesentliche Beschleunigung dieser Entwicklung zu beobachten. Dennoch nimmt der Anteil der Betriebe in der Hand externer Investoren – absolut gesehen – langsam und stetig zu.

„Landwirtschaft ist nach wie vor ein sehr attraktives Investitionsziel“, sagen Andreas Tietz und Bernhard Forstner, die Autoren der Studie. „Investoren streben dabei vor allem Mehrheitsbeteiligungen an Unternehmen oder Gesamtübernahmen an, um eine bestimmende Rolle ausüben zu können.“ Investoren in den neuen Bundesländern kommen überwiegend aus Westdeutschland. Wenn sie sich an den Unternehmen beteiligen, tun sie dies in der Regel längerfristig und agieren gewinnorientiert. Um auf diesem risikobehafteten Gebiet erfolgreich zu sein, ist ein hohes Maß an Fachkompetenz und Ausdauer erforderlich. Dies ist auch ein Grund dafür, dass es gänzlich landwirtschaftsfremde Investoren kaum gibt. Damit unterscheiden sich Anteilskäufe entscheidend von Bodenkäufen. Hier finden sich häufiger auch branchenfremde Investoren, die eine krisensichere Kapitalanlage anstreben.

Aus Sicht der landwirtschaftlichen Betriebe gibt es zwei wesentliche Motive für die Öffnung zugunsten eines Investors. Zum einen ein hoher Kapitalbedarf, etwa als Folge wirtschaftlicher Schwäche, um größere Investitionen tätigen zu können oder um ausscheidende Gesellschafter abzufinden. Häufiger ist allerdings der Generationswechsel in der Führungsebene; wenn qualifizierter Nachwuchs fehlt, eine innerfamiliäre Nachfolge ausgeschlossen ist und unter den verbleibenden Gesellschaftern niemand die erforderliche Abfindung zahlen kann, ist der Verkauf an einen externen Investor oft die einzige Option.

Anteilskäufe bzw. Übernahmen ganzer Unternehmen haben laut Einschätzung der Thünen-Experten keine eindeutig negativen oder positiven Effekte. Das übernommene Unternehmen selbst profitiert häufig vom Einstig eines Investors, da seine Wettbewerbsfähigkeit zunimmt. Dies ist oftmals die Folge verschiedener Handlungen: Die betriebliche Organisation wird tendenziell verschlankt, weniger rentable Betriebszweige werden abgebaut. Teils findet ein Beschäftigungsabbau statt, andererseits bestehen aber auch Chancen auf sicherere und besser entlohnte Arbeitsplätze.

Die Auswirkungen auf den Bodenmarkt werden überwiegend als preiserhöhend eingeschätzt, was die ansässigen Landwirte angesichts der anhaltend steigenden Preise kritisch beurteilen. Hinsichtlich der Wirkungen auf die regionale Wertschöpfung gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen: Einerseits werden Investitionen, steigende Löhne, Pacht- und Kaufpreiszahlungen als positive Aspekte angeführt, andererseits fließen – vor allem bei überregional aktiven und regionsfremden Investoren – Unternehmensgewinne häufig aus der Region ab. Ob der Investor über das Unternehmen hinaus auch in das regionale Umfeld investiert, hängt stark vom Einzelfall ab.

Die jetzt vorgelegte Untersuchung basiert auf Gesprächen mit 46 Experten unterschiedlicher Fachrichtungen sowie auf fünf regionalen Fallstudien (Landkreise Uckermark, Börde, Emsland, Borken, Altkreis Ostvorpommern). Hierbei wurde methodisches Neuland beschritten, indem Daten des Handelsregisters und der Creditreform analysiert wurden, um Gesellschafterstrukturen landwirtschaftlicher GmbH und deren Veränderung im Zeitablauf zu analysieren.

Die Studie „Kapitalbeteiligung nichtlandwirtschaftlicher und überregional ausgerichteter Investoren an landwirtschaftlichen Unternehmen in Deutschland“ von Bernhard Forstner und Andreas Tietz (Thünen Report 5, 2013) ist im Internet abrufbar unter: http://www.ti.bund.de, Rubrik „Thünen-Publikationen -> Thünen Report“ oder direkt unter: http://literatur.vti.bund.de/digbib_extern/dn052170.pdf

Ansprechpartner:
Dipl.-Ing. agr. Bernhard Forstner, Thünen-Institut Braunschweig,
Tel.: 0531 596-5233, E-Mail: bernhard.forstner@ti.bund.de

Dr. Michael Welling | Thünen-Institut
Weitere Informationen:
http://literatur.vti.bund.de/digbib_extern/dn052170.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Mobilfunkstrahlung kann die Gedächtnisleistung bei Jugendlichen beeinträchtigen
19.07.2018 | Swiss Tropical and Public Health Institute

nachricht Neue internationale Studie: Immuntherapie für Kinder mit akuter Leukämie
13.07.2018 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik

20.07.2018 | Physik Astronomie

Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics