Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fortschritt in der Erforschung von Morbus Crohn: Weltweite Studie identifiziert 71 Krankheitsgene

23.11.2010
Nach einer neuen genetischen Studie kann die Anzahl der Gene, welche mit Morbus Crohn in Verbindung gebracht werden, nun verdoppelt werden. Insgesamt sind jetzt 71 verschiedene Gene als Auslöser für diese chronisch-entzündliche Darmerkrankung bekannt, das sind mehr, als für jede andere Erkrankung bisher identifiziert wurden.

Diese Erkenntnisse sind jetzt auf der Internetseite von Nature Genetics veröffentlicht http://www.nature.com/ng/index.html. Sie resultieren aus der weltweit größten Genetik-Studie zu entzündlichen Darmkrankheiten, an der sich im Zeitraum Mai 2008 bis November 2010 mehr als 22.000 Patienten und 50 Forschungsteams aus 15 Ländern beteiligt haben. Federführend für die Studie war das „International IBD Genetics Consortium“ (IIBDGC), das von Professor Andre Franke, Exzellenzcluster Entzündungsforschung (Institut für Klinische Molekularbiologie), Kiel, geleitet wurde.

Professor Franke erläutert: „In jedem der Gene kann der Schlüssel stecken, mit dem Morbus Crohn endlich bekämpft werden kann. Wenn wir herausfinden, dass bestimmte genetische Abweichungen das Morbus-Crohn-Risiko erhöhen, können wir versuchen, diese gezielt mit Medikamenten zu bekämpfen. Ziel dabei ist, die Abweichungen zu manipulieren – also zu blockieren oder auszuschalten – um damit heraus zu finden, ob sie den Ausbruch der Darmentzündung begünstigen. Letztlich suchen wir nach einer Strategie, mit der bereits ein Ausbruch der Krankheit verhindert werden kann.“

„Wir wissen bereits, dass es eine Interaktion zwischen diesen abnormen Genen und externen Auslösern gibt, die für Morbus Crohn verantwortlich sind. Rund 50 Prozent des Krankheitsrisikos sind genetisch bedingt. Die andere Hälfte ist von Umweltfaktoren wie beispielsweise Rauchen abhängig. Die Forschungsergebnisse liefern uns mehr Informationen über diese potenziellen Auslöser und setzen damit neue Rahmenbedingungen für weitere Forschungen.“, so Professor Franke weiter.

Zusammenhang zwischen Virusinfektion und Morbus Crohn entdeckt
Mit der Studie konnte auch erstmalig der Zusammenhang zwischen einer Virusinfektion und Morbus Crohn hergestellt werden. Eine bekannte Mutation im sogenannten FUT2 Gen führt zu einer verminderten Immunantwort gegenüber Noroviren. Genau diese Mutation wurde auch in der Kieler Studie als weitere Krankheitsursache für Morbus Crohn identifiziert.

Durch die Analyse von sechs genomweit-durchgeführten Verbindungsstudien identifizierten die Forscher 39 zuvor nicht bekannte Krankheitsregionen im Erbgut des menschlichen Körpers, welche verschiedene Gene enthalten, die mit Morbus Crohn in Verbindung gebracht werden. Zuvor waren nur 32 solcher Regionen bekannt, mit den Ergebnissen dieser Studie sind nun insgesamt 71 Krankheitsregionen bekannt.

Hintergründe Morbus Crohn
In westlichen Industrieländern sind zirka 100 von 100.000 Einwohnern erkrankt, mit steigender Tendenz. Die meisten Patienten erkranken im Alter zwischen 18 und 30 Jahren, mit Entzündungen des Magen-Darm-Trakts, die zu starken Schmerzen, Gewichtsverlust, Erbrechen und Durchfall führen. Obwohl sich viele Menschen mit der Krankheit durch medikamentöse Behandlung und kontrollierter Diät arrangieren, werden langfristig dreiviertel der Patienten operativ behandelt und Teile des Darms aufgrund von Komplikationen im Krankheitsverlauf entfernt. Sämtliche vorhandenen Therapien bekämpfen bislang nur die Entzündungssymptome der Erkrankung, jedoch noch nicht die eigentlichen Ursachen von Morbus Crohn.
Durchführung der Studie und Ausblick
Ein Großteil der Proben wurde in den Kieler Laboren des Institutes für Klinische Molekularbiologie von David Ellinghaus, Doktorand in der Arbeitsgruppe von Professor Franke, analysiert. David Ellinghaus berichtet: „In den letzten Jahren ist es immer einfacher geworden, Millionen von Positionen im menschlichen Erbgut zu untersuchen, die sich zwischen verschiedenen Individuen unterscheiden. Und wenn man international zusammenarbeitet und dadurch große Datensätze zu noch größeren kombiniert, so findet man auch immer mehr Krankheitsursachen, wie auch in dieser Studie geschehen.”

Noch können sich die Kieler Forscher und das Internationale Konsortium aber nicht zurücklehnen, weil mit den 71 Genen erst knapp 25 Prozent der genetischen Ursachen des Morbus Crohn aufgeklärt sind, wie die Forscher der aktuellen Studie herausfanden. „Wir werden uns ab jetzt mit noch moderneren Technologien, wie der Entschlüsselung des gesamten Erbgutes von Patienten – der sogenannten Komplettgenomresequenzierung – auf die Suche nach den restlichen 75 Prozent begeben. Mit dem Neubau des Zentrums für Molekulare Biowissenschaften auf dem ehemaligen Parkplatz des neuen Kieler botanischen Gartens werden wir auch die dafür notwendige Infrastruktur haben.“, so Professor Franke. Die Studie wurde durch das Nationale Genomforschungsnetz (NGFN) gefördert.

TERMINHINWEIS: Professor Franke stellt die Studie auf der 3. Jahrestagung von NGFN-Plus und NGFN-Transfer in einem Vortrag vor.

Datum: 26. November 2010, Beginn: 12 Uhr. Ort: Henry-Ford-Bau der FU Berlin, Garystr. 35, 14195 Berlin-Dahlem

Der Exzellenzcluster Entzündungsforschung
Der Exzellenzcluster Entzündungsforschung verfolgt einen einzigartigen interdisziplinären Forschungsansatz, um die Ursachen der chronischen Entzündung zu entschlüsseln und Therapien zur Heilung zu entwickeln. Der Forschungsverbund bündelt die Kompetenzen von rund 200 Genetikern, Biologen, Ernährungswissenschaftlern und Ärzten der Universitäten zu Kiel und Lübeck, des Forschungszentrums Borstel und des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie, Plön. Mehrere Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an chronischer Entzündung der Lunge (Asthma), der Haut (Schuppenflechte), des Darms (Morbus Crohn) und des Gehirns (Morbus Parkinson). Auslöser ist eine Fehlsteuerung des Immunsystems: Unaufhörlich aktiviert es entzündliche Botenstoffe und Abwehrzellen, zerstört dadurch gesundes Gewebe. Die Zahl der Betroffenen steigt täglich. Dieses Phänomen der modernen Zivilisation ist zur Herausforderung für die Medizin des 21. Jahrhunderts geworden.
Geschäftsstelle Exzellenzcluster Entzündungsforschung:
Dr. Helga Andree, Leiterin der Geschäftsstelle, Exzellenzcluster Entzündungsforschung, Christian-Albrechts-Platz 4, 24118 Kiel, T: 0431.880-4850, E: info@inflammation-at-interfaces.de
Pressekontakt:
Susanne Weller, M: 0172.308 41 36, E: s.weller@weller-media.com

Susanne Weller | idw
Weitere Informationen:
http://www.entzuendungsforschung.de
http://www.nature.com/ng/index.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue internationale Studie: Immuntherapie für Kinder mit akuter Leukämie
13.07.2018 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

nachricht Sicherer Auto fahren ohne Grauen Star: Geringeres Unfallrisiko nach Linsenoperation
12.07.2018 | Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vertikales Begrünungssystem Biolit Vertical Green<sup>®</sup> auf Landesgartenschau Würzburg

16.07.2018 | Architektur Bauwesen

Feinstaub macht Bäume anfälliger gegen Trockenheit

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Krebszellen Winterschlaf halten

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics