Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Familiäre Eltern-Kind-Beziehungen im Wandel - Neue Studien zu Kindspflegschaften in Westafrika

13.08.2013
In Westafrika ist es normal und üblich, dass Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern, sondern in der Obhut von anderen Erwachsenen aufwachsen, die sie als Eltern erleben und respektieren.

Ein neues Buch, das die Bayreuther Sozialanthropologin Prof. Dr. Erdmute Alber initiiert und mitherausgegeben hat, befasst sich mit den Gründen und Folgen dieser gesellschaftlichen Praxis unter anthropologischen, historischen und rechtlichen Aspekten.

Es werden dabei auch Probleme angesprochen, die sich im Kontext des nationalen und des internationalen Rechts stellen und sich im Zuge der Globalisierung möglicherweise verschärfen werden.

In Europa wachsen minderjährige Kinder in der Regel nur dann bei Pflegeeltern auf, wenn ihre Versorgung und Erziehung durch die leiblichen Eltern nicht möglich oder stark gefährdet ist. In Westafrika hingegen sind die Beziehungen zwischen Kindern und Eltern viel flexibler geregelt. Hier ist es normal und üblich, dass Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen. Auch ohne dass Krankheit, Tod oder Armut der leiblichen Eltern dies erzwingen, leben sie häufig in der Obhut von anderen Erwachsenen, die sie als Eltern erleben und respektieren. Diese sozialen Eltern-Kind-Beziehungen werden durch die fehlende biologische Abstammung keineswegs beeinträchtigt und von den leiblichen Eltern anerkannt, in vielen Fällen sogar gewünscht.

Ein neues Buch, das die Bayreuther Sozialanthropologin Prof. Dr. Erdmute Alber initiiert und mitherausgegeben hat, befasst sich mit den Gründen und Folgen dieser gesellschaftlichen Praxis unter anthropologischen, historischen und rechtlichen Aspekten. "Child Fostering in West Africa.

New Perspectives in Theory and Practices" lautet der Titel des Bandes, der auf faktengestützte und vorurteilsfreie wissenschaftliche Analysen abzielt und gerade auch im Kontext der gegenwärtigen Debatten in Deutschland um neue Familienformen eine aktuelle Relevanz hat. Die Autorinnen der Beiträge, die an Universitäten in Deutschland, den Niederlanden und den USA lehren, können auf umfassende eigene Forschungserfahrungen in Westafrika zurückblicken.

Sie knüpfen gezielt an die Lebenswirklichkeit, die Emotionen und die Wertvorstellungen der Menschen in verschiedenen Regionen Westafrikas an. So entsteht ein differenziertes Bild eines sozialen Phänomens, das aus europäischer Perspektive zunächst befremdlich scheint.

Kindspflegschaften in Westafrika: eine flexible gesellschaftliche Praxis

Die Praxis der Kindspflegschaft in Westafrika ist erst seit den 1970er Jahren in den Fokus der wissenschaftlichen Forschung gerückt. In der britischen und der französischen Ethnologie richtete sich das Interesse vorzugsweise auf Institutionen und etablierte gesellschaftliche Strukturen, in die sich Verwandtschaftsbeziehungen aller Art – also auch biologische und soziale Eltern-Kind-Beziehungen – einordnen lassen.

Erdmute Alber plädiert hingegen für eine Herangehensweise, die vor allem die beteiligten Akteure mit ihren speziellen Sichtweisen, Interessen, Emotionen und Konflikten in den Blick nimmt. Sie definiert Verwandtschaft als eine Form der Zugehörigkeit, die primär nicht in biologischer Abstammung, sondern im Bewusstsein der Menschen verankert ist und ihren konkreten Ausdruck in Symbolen, Handlungen, Emotionen und sozialen Erwartungen findet.

Dementsprechend sei Kindspflegschaft nicht als eine statische Institution, sondern vielmehr als eine flexible gesellschaftliche Praxis aufzufassen. Die Zugehörigkeit der Kinder werde von den leiblichen Eltern auf die Pflegeeltern für einen längeren Zeitraum übertragen, ohne dass dieser Transfer einen endgültigen, unveränderlichen Zustand begründen würde. Stattdessen bleibe die Zugehörigkeit der Kinder, wie auch die familiären Beziehungen insgesamt, in einen gesellschaftlichen und kulturellen Fließzustand eingebettet, der sich starren institutionellen Regeln entzieht.

In einer Fallstudie zur Volksgruppe der Fée im Nordosten Benins zeigt die Bayreuther Ethnologin Dr. Jeannett Martin, wie unterschiedlich die sozialen und emotionalen Erfahrungen von Pflegekindern sein können, die in der Obhut von Verwandten leben. Handelt es sich um Verwandte der leiblichen Mutter, erleben die Kinder ihr familiäres Umfeld als beschützend, vertrauensvoll und tolerant; wachsen sie hingegen bei Verwandten des leiblichen Vaters auf, sind sie viel häufiger mit Konflikten, Unsicherheit und autoritärem Verhalten konfrontiert. Die Autorin setzt diesbezügliche Kindheitserzählungen ins Verhältnis zu den Normen und Wertvorstellungen, die bei den Fée allgemein anerkannt sind und die Beziehungen von Familienangehörigen untereinander regeln. Dieser normative Rahmen wird aber, wie die Vielzahl der untersuchten Einzelfälle deutlich macht, von den beteiligten Akteuren sehr flexibel gehandhabt. Er ändert sich auch mit dem Wandel der sozialen und ökonomischen Verhältnisse, die ihrerseits auf die Kindheitserinnerungen der Erwachsenen einwirken.

Kindspflegschaften im Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Rechtsnormen

Zahlreiche westafrikanische Staaten sind von einem Rechtspluralismus geprägt: Gewohnheitsrecht, religiöse Rechtsnormen, staatliches Recht und internationales Recht bestehen mehr oder weniger konfliktfrei nebeneinander, ohne in ein einheitliches Rechtssystem integriert zu sein. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Kinder, Pflegeeltern und leibliche Eltern? Diese Frage untersucht Prof. Dr. Ulrike Wanitzek, Professorin für Recht in Afrika an der Universität Bayreuth, am Beispiel Ghanas. Adoption und Pflegschaft werden gewohnheitsrechtlich – meistens auch von den leiblichen Eltern – als Möglichkeiten aufgefasst, die Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern zu verbessern. Daher werden nicht selten Familienangehörige, die ins westliche Ausland migriert sind, als Pflegeeltern ausgewählt. Im nationalen staatlichen Recht und im internationalen Recht dominiert hingegen die Vorstellung, Adoption und Pflegschaften seien Not- und Ersatzlösungen für Kinder, die ihr eigentliches familiäres Umfeld verloren haben; Adoptiv- und Pflegeeltern seien "Dritte", die außerhalb der ursprünglichen Eltern-Kind-Beziehungen stehen.

Aus diesem Nebeneinander verschiedener Konzepte und Rechtsauffassungen ergibt sich ein komplexes Geflecht von Interessen und Ansprüchen. Die zunehmenden internationalen Verflechtungen der westafrikanischen Staaten bringen weitere Herausforderungen mit sich: Wenn im Ausland lebende Eltern ihre Pflegekinder auf Dauer zu sich holen wollen, ist es in der Regel erforderlich, die gewohnheitsrechtlich begründete Pflegschaft in eine staatlich anerkannte Adoption umzuwandeln. Die Zugehörigkeit von Kindern zu ihren Pflegeeltern ist im Verständnis der beteiligten Akteure ursprünglich ein flexibler Zustand, der sozialen Aushandlungsprozessen unterliegt; doch im Zuge der Globalisierung und internationaler Migrationsbewegungen wächst der Druck, diesen Zustand ungeachtet seiner kulturellen Wurzeln rechtsverbindlich zu fixieren.

Veröffentlichung:

Erdmute Alber, Jeannett Martin and Catrien Notermans (eds.),
Child Fostering in Africa. New Perspectives on Theory and Practices.
Africa-Europe Group for Interdisciplinary Studies, Vol. 9.
Leiden – Boston 2013, 250 pp.
Kontaktadressen:
Prof. Dr. Erdmute Alber
Dr. Jeannett Martin
Lehrstuhl für Sozialanthropologie
Universität Bayreuth
D-95448 Bayreuth
erdmute.alber@uni-bayreuth.de
jeannett.martin@uni-bayreuth.de

Christian Wißler | Universität Bayreuth
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht So verändert sich das Supply Chain Management bis 2040
15.07.2020 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

nachricht Studie zeigt: Arsentrioxid stärkt die körpereigene Virusabwehr
13.07.2020 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste Bilder der Sonne von Solar Orbiter

Solar Orbiter, eine Mission der Weltraumorganisationen ESA und NASA, veröffentlicht erstmals Bilder, die unseren Heimatstern so nah zeigen wie noch nie. Zuvor konnte die Erprobungsphase aller Instrumente erfolgreich abgeschlossen werden.

Vor fünf Monaten startete Solar Orbiter seine Reise zur Sonne. Zwischen Mitte März und Mitte Juni wurden die zehn Instrumente an Bord eingeschaltet und...

Im Focus: Atmosphären- und Erdsystemforschung mit Spezialflugzeug HALO geht weiter

Die Atmosphären- und Erdsystemforschungskampagnen mit dem Höhenforschungsflugzeug HALO (High Altitude and Long Range Research Aircraft) werden ab 2022 für weitere sechs Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert: Sie befürwortete jetzt eine Verlängerung des Infrastruktur-Schwerpunktprogramms SPP 1294 zur wissenschaftlichen Nutzung von HALO im Zeitraum 2022 bis 2027. Prof. Dr. Manfred Wendisch von der Universität Leipzig koordiniert zusammen mit Prof. Dr. Joachim Curtius von der Universität Frankfurt/Main das Programm zur Atmosphären- und Erdsystemforschung, das die DFG seit 2007 fördert.

Das Gesamtbudget für die dritte Phase des HALO SPP 1294 orientiert sich am Volumen der Vorjahre und wurde dem DFG-Senat für wissenschaftliche Anträge mit rund...

Im Focus: Atmospheric and Earth System Research With Special Halo Aircraft to Continue

From 2022, the atmospheric and earth system research campaigns conducted using the “High Altitude and Long Range Research Aircraft” HALO will receive another six years of funding from the German Research Foundation (DFG): the DFG has granted an extension to the Infrastructure Priority Programme 1294 for the scientific use of HALO for the period from 2022 until 2027. The programme on atmospheric and earth system research, which the DFG has been funding since 2007, is coordinated by Professor Manfred Wendisch from Leipzig University together with Professor Joachim Curtius from the Goethe University Frankfurt.

The total budget for the third phase of HALO SPP 1294 is based on the volume from previous years, with approximately 12 million euros for scientific proposals...

Im Focus: A new path for electron optics in solid-state systems

A novel mechanism for electron optics in two-dimensional solid-state systems opens up a route to engineering quantum-optical phenomena in a variety of materials

Electrons can interfere in the same manner as water, acoustical or light waves do. When exploited in solid-state materials, such effects promise novel...

Im Focus: Hammer-on – wie man Atome schneller schwingen lässt

Schwingungen von Atomen in einem Kristall des Halbleiters Galliumarsenid (GaAs) lassen sich durch einen optisch erzeugten Strom impulsiv zu höherer Frequenz verschieben. Die mit dem Strom verknüpfte Ladungsverschiebung zwischen Gallium- und Arsen-Atomen wirkt über elektrische Wechselwirkungen zurück auf die Schwingungen.

Hammer-on ist eine von vielen Rockmusikern benutzte Technik, um mit der Gitarre schnelle Tonfolgen zu spielen und zu verbinden. Dabei wird eine schwingende...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wie sicher Knock Codes für die Smartphone-Displaysperre sind

15.07.2020 | Veranstaltungen

Intensiv- und Notfallmedizin: „Virtueller DIVI-Kongress ist ein Novum für 6.000 Teilnehmer“

08.07.2020 | Veranstaltungen

Größte nationale Tagung für Nuklearmedizin

07.07.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste Bilder der Sonne von Solar Orbiter

16.07.2020 | Physik Astronomie

Das Navi für komplexe Gebäude

16.07.2020 | Informationstechnologie

Robuste Lasertechnik für Klimasatelliten

16.07.2020 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics