Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Für Entwicklungsländer ökonomisch schädlich: einseitige Handelsvergünstigungen

03.11.2011
Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht: Eine neue Studie von Prof. Dr. Bernhard Herz (Universität Bayreuth) und Dr. Marco Wagner (Sachverständigenrat für die Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage) belegt langfristige Nachteile für die Partner einseitiger Handelsvergünstigungen.

Die beiden Autoren plädieren stattdessen für Handelsabkommen nach den Regeln der Welthandelsorganisation GATT/WTO.

Mit dem Ziel, das Wirtschaftswachstum und die industrielle Entwicklung in ärmeren Regionen der Erde zu fördern, haben die westlichen Industriestaaten das Allgemeine Präferenzsystem – kurz: APS (engl.: Generalized System of Preferences) – eingerichtet. Auf dieser Basis haben sie seit den 1950er Jahren Importzölle mit dem Ziel gesenkt, Exporte aus weniger entwickelten Ländern zu fördern und deren Wirtschaftswachstum zu stärken.

In bi- oder multilateralen Abkommen wurden diese einseitigen, oft auf spezielle Warenklassen zugeschnittenen Handelsvergünstigungen festgelegt. Haben sie ihren Zweck erfüllt und die Entwicklungsländer tatsächlich ökonomisch gestärkt?

Dieser Frage widmet sich eine neue Studie von Professor Dr. Bernhard Herz, der an der Universität Bayreuth den Lehrstuhl für Geld und Internationale Wirtschaft innehat, und Dr. Marco Wagner, der an der Universität Bayreuth promoviert hat und seitdem beim Sachverständigenrat für die Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage tätig ist. Das Ergebnis der Studie: Das Allgemeine Präferenzsystem schadet den Entwicklungsländern langfristig mehr, als dass es ihnen nutzt. Indirekt wirkt es sich somit auch auf die Industrieländer nachteilig aus. Die beiden Ökonomen plädieren deshalb für die Abschaffung des APS. Es sei kein geeignetes Instrument zur nachhaltigen Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung.

Die Studie bezieht in systematischer Form erstmals alle Importvorteile ein, die ärmeren Staaten seitens der westlichen Industrieländer bisher gewährt wurden und bei der UNCTAD – der Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen – registriert sind. Damit stützt sich die Studie auf eine breite Grundlage ökonomischer Daten, die aus sechs Jahrzehnten (1953 bis 2006) stammen und die Entwicklung des weltweiten bilateralen Handels zwischen 184 Ländern widerspiegeln. Die in diesen Daten ausgedrückten ökonomischen Prozesse sichtbar zu machen, ist die Funktion eines von Herz und Wagner entwickelten Modells. Dessen Stärke liegt nicht zuletzt darin, dass es über die wirtschaftlichen Kerndaten hinaus auch kulturelle, geographische und historische Sachverhalte berücksichtigt. Mit diesem Modell ist es erstmals möglich, Erkenntnisse über die langfristige wirtschaftliche Dynamik zu gewinnen, die von einseitigen Handelsvergünstigungen im Rahmen des APS ausgeht.

Es stellte sich heraus, dass diese Vergünstigungen ärmeren Ländern nur kurzfristig zugute kommen. Langfristig behindern sie diese Länder in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. Denn statt Innovationen zu fördern, führen sie eher dazu, dass alte Produktionsstrukturen unverändert erhalten bleiben. "Einseitige Importerleichterungen enthalten oftmals falsche Anreize. Sie verleiten die Entwicklungsländer dazu, ihre Industrien einseitig auf die Herstellung von Waren festzulegen, die sie zu günstigen Zolltarifen exportieren können", erklärt Prof. Dr. Bernhard Herz. "Dadurch steigt die Gefahr, dass diese Länder unflexibel werden und den Anschluss an neue technologische Trends verpassen. In diesem Fall werden die zollfrei exportierten Waren allmählich unattraktiv." Ein weiterer Grund liegt darin, dass die auf politischer Ebene vereinbarten Importerleichterungen nicht selten so in die Praxis umgesetzt werden, dass die Vorteile für die Entwicklungsländer schwinden. Nachträgliche Spezifizierungen der Waren, die zollfrei exportiert werden können, sowie hohe bürokratische Anforderungen können die ursprünglichen Vorteile verwässern.

Derartige Schwächen des Allgemeinen Präferenzsystems sind auch der UNCTAD nicht verborgen geblieben, die deswegen im Jahre 2003 eine Reihe von Verbesserungen empfohlen hat. Dennoch kommen die Autoren der Studie zu dem Ergebnis, dass es im wohlverstandenen Interesse der Entwicklungsländer liege, das APS ersatzlos abzuschaffen. Aus ihrer Sicht sind bilaterale Abkommen, die nach den Regeln der Welthandelsorganisation GATT/WTO wechselseitige Handelserleichterungen definieren, für Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen vorteilhafter. Alle Partner dieser Abkommen sind im Konfliktfall einem Schiedsgerichtsverfahren unterworfen und stehen einander gleichberechtigt gegenüber: Ein neutrales Gremium untersucht und entscheidet, ob tatsächlich eine Vertragsverletzung vorliegt. Demgegenüber werden Konflikte zwischen Handelspartnern, die ein Abkommen nach dem APS abgeschlossen haben, oft weniger transparent geregelt.

Veröffentlichung:

Bernhard Herz and Marco Wagner,
The Dark Side of the Generalized System of Preferences,
in: Review of International Economics, Vol. 19, Issue 4, pp. 763-775
Online-Publikation: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1467-9396.2011.00980.x/full

Ansprechpartner für weitere Informationen:

Prof. Dr. Bernhard Herz
Lehrstuhl für Geld und Internationale Wirtschaft (VWL I)
Universität Bayreuth
D-95440 Bayreuth
Telefon: +49 (0)921 55 2913
E-Mail: bernhard.herz@uni-bayreuth.de

Christian Wißler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Grundlagen der Blockchain-Technologie in der Energiewirtschaft
27.07.2018 | Forschungsstelle für Energiewirtschaft e.V.

nachricht Studie zu Werkstoffprüfung: Schäden in nichtmagnetischem Stahl mit Magnetismus aufspüren
23.07.2018 | Technische Universität Kaiserslautern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Im Focus: Magnetische Antiteilchen eröffnen neue Horizonte für die Informationstechnologie

Computersimulationen zeigen neues Verhalten von Antiskyrmionen bei zunehmenden elektrischen Strömen

Skyrmionen sind magnetische Nanopartikel, die als vielversprechende Kandidaten für neue Technologien zur Datenspeicherung und Informationsverarbeitung gelten....

Im Focus: Unraveling the nature of 'whistlers' from space in the lab

A new study sheds light on how ultralow frequency radio waves and plasmas interact

Scientists at the University of California, Los Angeles present new research on a curious cosmic phenomenon known as "whistlers" -- very low frequency packets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bionik im Leichtbau

17.08.2018 | Verfahrenstechnologie

Klimafolgenforschung in Hannover: Kleine Pflanzen gegen große Wellen

17.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

HAWK-Ingenieurinnen und -Ingenieure entwickeln die leichteste 9to-LKW-Achse ihrer Art

17.08.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics