Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Entscheidung über Attraktivität fällt in Millisekunden

24.09.2018

Ergebnisse einer neurowissenschaftlichen Studie veröffentlicht

Bereitwillig veröffentlichen Menschen ihre Porträts auf Facebook, Instagram, Twitter, Tinder und weiteren sozialen Netzwerken. Dass andere Menschen dabei auch das Aussehen der Gezeigten beurteilen, wird zumindest billigend in Kauf genommen, manchmal sogar bewusst provoziert, weil man auf viele Klicks oder Likes hofft. Wie genau es zu Attraktivitätseinschätzungen und den darauffolgenden Likes kommt, ist kaum erforscht.


Psychologe Claus-Christian Carbon demonstriert den Versuchsaufbau eines EEG-Experiments.

Universität Bamberg


Psychologe Florian Hutzler von der Universität Salzburg war Mitautor der Studie.

Universität Salzburg

Psychologinnen und Psychologen aus Bamberg, München, Jena, Wien und Salzburg haben nun im Wissenschaftsjournal „Neuroscience Letters“ eine neue Studie dazu veröffentlicht. Darin zeigen sie, dass die Einschätzung der Attraktivität weit weniger als eine Sekunde dauert. Noch schneller schätzt man ein, welches Geschlecht eine Person hat.

„Für das Abgeben eines Likes benötigen wir gerade einmal eine Sekunde“, sagt Prof. Dr. Claus-Christian Carbon, Erstautor der Studie und Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Universität Bamberg. Aber wie lange brauchen Menschen, um das Geschlecht einer Person einzustufen und deren Attraktivität einzuschätzen? In einem neurowissenschaftlichen Experiment beurteilten 25 Versuchspersonen insgesamt 100 Portraitfotos hinsichtlich Geschlecht und Attraktivität. Die Hälfte der abgebildeten Personen war männlich, die andere Hälfte weiblich.

Währenddessen maß das Forscherteam die elektrischen Gehirnströme mithilfe einer Elektroenzephalografie (EEG): Dabei bringt man Elektroden auf der Kopfhaut an und kann somit indirekt die Aktivität des Gehirns messen. Bei dem EEG-Experiment stand die Auswirkung von spezifischen Präsentationen von Gesichtsdarstellungen im Fokus, sodass bereits 25 Versuchspersonen genügten, um gesicherte Ergebnisse zu erhalten.

Zuerst verarbeitet das Gehirn das Geschlecht, dann die Attraktivität eines Gesichts

„Das Besondere an unserer Herangehensweise ist, dass wir zwei Aufgabentypen miteinander verschachtelt haben, nämlich die Bewertung von Geschlecht und Attraktivität“, führt Claus-Christian Carbon weiter aus. „Dadurch konnten wir sogenannte Inhibitions- und Motorvorbereitungsprozesse analysieren.“ Vereinfacht gesagt testeten sie, ab welchem Zeitpunkt Attraktivitäts- und Geschlechtsinformationen im Gehirn für eine Entscheidung bereitstehen.

„Tatsächlich zeigte sich, dass Gesichtsinformationen nach etwa 200 Millisekunden weit genug verarbeitet wurden, um eine Entscheidung über die Attraktivität zu fällen“, sagt der neurokognitive Psychologe Prof. Dr. Florian Hutzler von der Universität Salzburg und Mitautor der Studie. „Geschlechtsinformationen werden sogar noch früher verarbeitet, nämlich bereits nach ungefähr 150 Millisekunden. Das heißt, zuerst wird das Geschlecht und dann erst die Attraktivität eines Gesichts verarbeitet.“

Claus-Christian Carbon ergänzt: „Wir können zwar keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen beiden Prozessen nachweisen, aber es liegt nahe, dass die frühe Attraktivitätseinschätzung auf den bereits verarbeiteten Geschlechtsinformationen aufbaut.“ Dies könne auch erklären, weshalb es häufig zu geschlechtsspezifischen Attraktivitätseinschätzungen kommt; weshalb also bestimmte Merkmale bei Frauen als attraktiv angesehen werden, bei Männern aber nicht, und umgekehrt.

Kommt es auf den „ersten Blick“, das „spontane Gefallen“ an, so könne man davon ausgehen, dass Menschen sehr stark von geschlechtsspezifischen Stereotypen in ihren Attraktivitätseinschätzungen geleitet werden – unter Umständen ein Grund dafür, dass diese frühen Urteile in hohem Maß von verschiedenen Personen geteilt werden.

Weitere Informationen für Medienvertreterinnen und Medienvertreter:

Medienkontakt:
Patricia Achter
Pressereferentin, Universität Bamberg
Tel.: +49 (0)951/863-1146
patricia.achter@uni-bamberg.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Claus-Christian Carbon
Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre, Universität Bamberg
Tel.: +49 (0)951/863-1860
ccc@uni-bamberg.de

Prof. Dr. Florian Hutzler
Centre for Cognitive Neuroscience, Universität Salzburg
Tel.: +43 (0)662/8044-5114
florian.hutzler@sbg.ac.at

Originalpublikation:

Carbon, C. C., Faerber, S. J., Augustin, M. D., Mitterer, B. & Hutzler, F. 2018. First gender, then attractiveness: Indications of gender-specific attractiveness processing via ERP onsets. Neuroscience Letters, 686, 186-192.

Weitere Informationen:

http://www.uni-bamberg.de/allgpsych/news/forschungsfokus-gesichtsattraktivitaet

Patricia Achter | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Tiefe Hirnstimulation lindert schwerste Depression zuverlässig
15.03.2019 | Universitätsklinikum Freiburg

nachricht Meta-Analyse der Ertragsstabilität: biologische und konventionelle Landwirtschaft im Vergleich
13.03.2019 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Zähmung der Lichtschraube

Wissenschaftler vom DESY und MPSD erzeugen in Festkörpern hohe-Harmonische Lichtpulse mit geregeltem Polarisationszustand, indem sie sich die Kristallsymmetrie und attosekundenschnelle Elektronendynamik zunutze machen. Die neu etablierte Technik könnte faszinierende Anwendungen in der ultraschnellen Petahertz-Elektronik und in spektroskopischen Untersuchungen neuartiger Quantenmaterialien finden.

Der nichtlineare Prozess der Erzeugung hoher Harmonischer (HHG) in Gasen ist einer der Grundsteine der Attosekundenwissenschaft (eine Attosekunde ist ein...

Im Focus: The taming of the light screw

DESY and MPSD scientists create high-order harmonics from solids with controlled polarization states, taking advantage of both crystal symmetry and attosecond electronic dynamics. The newly demonstrated technique might find intriguing applications in petahertz electronics and for spectroscopic studies of novel quantum materials.

The nonlinear process of high-order harmonic generation (HHG) in gases is one of the cornerstones of attosecond science (an attosecond is a billionth of a...

Im Focus: Magnetische Mikroboote

Nano- und Mikrotechnologie sind nicht nur für medizinische Anwendungen wie in der Wirkstofffreisetzung vielversprechende Kandidaten, sondern auch für die Entwicklung kleiner Roboter oder flexibler integrierter Sensoren. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung (MPI-P) haben mit einer neu entwickelten Methode magnetische Mikropartikel hergestellt, die den Weg für den Bau von Mikromotoren oder die Zielführung von Medikamenten im menschlichen Körper, wie z.B. zu einem Tumor, ebnen könnten. Die Herstellung solcher Strukturen sowie deren Bewegung kann einfach durch Magnetfelder gesteuert werden und findet daher Anwendung in einer Vielzahl von Bereichen.

Die magnetischen Eigenschaften eines Materials bestimmen, wie dieses Material auf das Vorhandensein eines Magnetfeldes reagiert. Eisenoxid ist der...

Im Focus: Magnetic micro-boats

Nano- and microtechnology are promising candidates not only for medical applications such as drug delivery but also for the creation of little robots or flexible integrated sensors. Scientists from the Max Planck Institute for Polymer Research (MPI-P) have created magnetic microparticles, with a newly developed method, that could pave the way for building micro-motors or guiding drugs in the human body to a target, like a tumor. The preparation of such structures as well as their remote-control can be regulated using magnetic fields and therefore can find application in an array of domains.

The magnetic properties of a material control how this material responds to the presence of a magnetic field. Iron oxide is the main component of rust but also...

Im Focus: Goldkugel im goldenen Käfig

„Goldenes Fulleren“: Liganden-geschützter Nanocluster aus 32 Goldatomen

Forschern ist es gelungen, eine winzige Struktur aus 32 Goldatomen zu synthetisieren. Dieser Nanocluster hat einen Kern aus 12 Goldatomen, der von einer Schale...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Größte nationale Tagung 2019 für Nuklearmedizin in Bremen

21.03.2019 | Veranstaltungen

6. Magdeburger Brand- und Explosionsschutztage vom 25. bis 26.3. 2019

21.03.2019 | Veranstaltungen

Teilchenphysik trifft Didaktik und künstliche Intelligenz in Aachen

20.03.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Die Zähmung der Lichtschraube

22.03.2019 | Physik Astronomie

Saarbrücker Forscher erleichtern durch Open Source-Software den Durchblick bei Massen-Sensordaten

22.03.2019 | HANNOVER MESSE

Ketten aus Stickstoff direkt erzeugt

22.03.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics