Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Deutsche Arbeitskosten nur gering gewachsen - weltweite Krise zeigt Risiken einseitiger Exportorientierung

25.11.2008
Deutschland liegt bei den Arbeitskosten für die Privatwirtschaft weiterhin im Mittelfeld der europäischen Staaten - an achter Stelle. 2007 sind die deutschen Arbeitskosten erneut weitaus langsamer gestiegen als im Durchschnitt von EU und Eurozone.

Dieser Trend zeigt sich seit rund einem Jahrzehnt sowohl für das Verarbeitende Gewerbe als auch für den Dienstleistungssektor und dürfte sich 2008 fortgesetzt haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung auf Basis der aktuellen europäischen Daten.

Der geringe Anstieg der Arbeits- und auch der Lohnstückkosten ging jedoch nicht mit einer besonders positiven Entwicklung des Wirtschaftswachstums oder der Beschäftigung einher. Im Gegenteil: Besser entwickelt haben sich in den vergangenen zehn Jahren Länder, in denen die Arbeitskosten bei einem ähnlichen Niveau stärker gewachsen sind, zeigt ein Vergleich mit Staaten wie Frankreich, den Niederlanden oder Finnland. "Das geringe Wachstum der Arbeitskosten hat zwar zur enorm starken Entwicklung der deutschen Exporte beigetragen.

Unserer Volkswirtschaft insgesamt hilft das aber nur bedingt. Denn als Kehrseite der Medaille schwächeln im Inland die Einkommensentwicklung und die Nachfrage", sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, Wissenschaftlicher Direktor des IMK. Die einseitige Exportorientierung könne in nächster Zeit zu einem zunehmend großen Problem werden, warnt der Ökonom: "Ich fürchte, dass die weltweite Finanzkrise und Rezession unsere Wirtschaft besonders hart treffen werden, weil Deutschland über keine stabile binnenwirtschaftliche Entwicklung verfügt. Unser Land hat sich den Risiken der Weltwirtschaft unnötig stark ausgesetzt."

- 28 Euro pro Arbeitsstunde -

2007 mussten deutsche Arbeitgeber in der Privatwirtschaft (Industrie und privater Dienstleistungsbereich) 28 Euro pro geleistete Arbeitsstunde aufwenden. Höher liegen die Arbeitskosten in sieben Ländern: In Dänemark, Schweden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, den Niederlanden und Finnland müssen zwischen 34,30 Euro und 28,10 Euro pro Stunde ausgegeben werden. Geringfügig niedriger als in der Bundesrepublik sind die Aufwendungen pro Stunde in Österreich (27,50 Euro) und in Großbritannien (26,70 Euro). Einen deutlicheren Abstand gibt es zu den "alten" EU-Mitgliedern in Südeuropa sowie zu den neuen mittel- und osteuropäischen EU-Ländern. Doch auch diese Differenz ist 2007 erneut etwas kleiner geworden: Während die Arbeitskosten in der EU-27 um durchschnittlich 3,7 Prozent und in der Eurozone um 2,6 Prozent stiegen, betrug der Zuwachs in Deutschland lediglich 1,2 Prozent. Damit setzte sich ein Trend fort, der seit Mitte der neunziger Jahre anhält und sich auch bei den für die internationale Wettbewerbsfähigkeit wichtigeren Lohnstückkosten zeigt. Deutlich aufgeholt haben auch im vergangenen Jahr die mittel- und osteuropäischen Länder, in denen die Arbeitskosten um zehn bis 30 Prozent zunahmen.

Die IMK-Forscher nutzen für ihre Studie, die am heutigen Dienstag als IMK Report erscheint, die neuesten verfügbaren Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat. Deren Arbeitskostenstatistik erlaubt einen Vergleich auf breiterer Basis als Datenquellen, auf die sich beispielsweise das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) bislang gestützt hat. Zu den Arbeitskosten zählen neben dem Arbeitnehmerentgelt die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen sowie als Arbeitskosten geltende Steuern.

- Industrie profitiert von günstigen Vorleistungen -

Die genauere Analyse zeigt: Nach wie vor ist die Spreizung zwischen den Arbeitskosten und den Löhnen im Verarbeitenden Gewerbe und jenen im Dienstleistungssektor in Deutschland ungewöhnlich groß. Die Differenz beträgt rund 20 Prozent.

So rangierte Deutschland bei industriellen Arbeitern und Angestellten mit Arbeitskosten von 32 Euro pro geleistete Arbeitsstunde 2007 EU-weit an vierter Stelle - ebenso wie im Jahr zuvor. Der Anstieg gegenüber dem Vorjahr lag mit 1,4 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt sowohl des Euroraums als auch der EU insgesamt. Die Bundesrepublik ist Teil einer größeren Gruppe von Industrieländern, deren Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe mit 29 bis 36 Euro pro Stunde über dem Euroraum-Durchschnitt liegen. Zu ihr zählen auch die nordischen Länder, die Benelux-Staaten, Frankreich und Österreich. Im privaten Dienstleistungssektor liegen die deutschen Arbeitskosten und damit die Löhne hingegen mit 25,60 Euro lediglich an zehnter Stelle in der EU. Das ist nur wenig mehr als der Durchschnitt im Euroraum.

Von dieser "sektoralen Spaltung", so das IMK, profitiert auch die Industrie, die Vorleistungen aus Dienstleistungsbranchen nachfragt. In welchem Maße, das zeigen Berechnungen mit dem Input-Output-Modell des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), die den Umfang der Vorleistungsproduktion und Verflechtung mit einbeziehen. Ergebnis: Die daraus resultierende Kosteneinsparung für die Industrie liegt bei mehr als drei Euro pro Arbeitsstunde.

"Der Unterschied ist so groß, dass er für sich genommen eine erhebliche Verbesserung der Wettbewerbsposition der deutschen Industrie bewirkt", betont das IMK. Denn in keinem anderen europäischen Land ist der Abstand zwischen den Arbeitskosten in der Industrie und im Dienstleistungssektor so groß wie in Deutschland. "Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie irreführend der direkte Vergleich von Arbeitskostenniveaus einzelner Sektoren zwischen Ländern sein kann", schreiben die Forscher. Das Kölner IW vergleicht traditionell lediglich die Arbeitskosten in der Industrie. Zwar relativiert das arbeitgebernahe Institut seit kurzem seine Ergebnisse, indem es für Deutschland in einer Zusatzrechnung die Vorleistungsverflechtung zwischen Industrie und Dienstleistungssektor zu berücksichtigen versucht. Die methodisch anspruchsvollere Input-Output-Analyse mache aber deutlich, dass der vom IW ermittelte Kostenvorteil von 1,12 Euro deutlich zu niedrig sei, so das IMK.

- Langsamer Anstieg der Arbeitskosten, geringes Wachstum -

Die Bilanz der Arbeitskosten-Entwicklung fällt nach der IMK-Analyse zwiespältig aus: Auf die deutschen Exporte haben sich die unterdurchschnittlichen Zuwächse vorteilhaft ausgewirkt. Gesamtwirtschaftlich haben sie das Wachstum aber eher gebremst, beobachten die Ökonomen: Länder mit vergleichbaren Arbeitskostenniveaus, aber höheren Zuwachsraten sind im vergangenen Jahrzehnt weitaus stärker gewachsen als Deutschland. Das zeigt ein Vergleich mit den Wirtschaftsdaten Frankreichs, Großbritanniens, der Niederlande, Finnlands und Österreichs.

Trotz der extrem niedrigen Lohnzuwächse verzeichnet die Bundesrepublik auch die vergleichsweise schlechteste Entwicklung bei der Beschäftigung. Der Grund: Nicht das geringe Niveau der Arbeitskosten, sondern ein starkes Wirtschaftswachstum sorgt für mehr Jobs, so die Wirtschaftsforscher. Dazu trägt aber in einer großen Volkswirtschaft wie der deutschen die Binnennachfrage nach wie vor deutlich mehr bei als der Export. Die Strategie, durch Lohnzurückhaltung und Konzentration auf die Ausfuhr ein höheres Wachstum zu erreichen, könne allenfalls für "kleine offene Volkswirtschaften mit sehr hoher Export- und Importquote wie etwa die Niederlande" aufgehen, so das IMK. "Für ein großes Land wie Deutschland funktioniert eine solche Strategie aber nicht, da die Wachstumsgewinne aus den Exporten nicht die Verluste aus der Binnenwirtschaft kompensieren können."

Angesichts der globalen Rezession im Zuge der Finanzkrise "dürfte noch deutlicher werden, dass die starke Konzentration auf ein Export getriebenes Wachstum riskant ist", warnen die Wirtschaftsforscher. Die niedrigen Lohnsteigerungen der vergangenen Jahre erwiesen sich jetzt als Belastung, da sie Deutschland besonders abhängig von der weltwirtschaftlichen Entwicklung gemacht haben. Diese Fehlentwicklung könne nicht auf einen Schlag korrigiert werden, schreiben die Wissenschaftler. Doch gerade jetzt seien spürbare Lohnerhöhungen, die sich an der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank und am gesamtwirtschaftlichen Produktivitätstrend orientieren "für die binnenwirtschaftliche Stabilisierung dringend erforderlich." Dies würde auch helfen, möglichen Deflationsgefahren zu begegnen.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/pdf/pm_imk_2008_11_25.pdf
http://boeckler.de/pdf/p_imk_report_34_2008.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue internationale Studie: Immuntherapie für Kinder mit akuter Leukämie
13.07.2018 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

nachricht Sicherer Auto fahren ohne Grauen Star: Geringeres Unfallrisiko nach Linsenoperation
12.07.2018 | Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Optische Kontrolle von Herzfrequenz oder Insulinsekretion durch lichtschaltbaren Wirkstoff

17.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umweltressourcen nachhaltig nutzen

17.07.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Textilien 4.0: Smarte Kleidung und Wearables als Innovation

17.07.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics