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Demnächst mehr Lohn in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie

14.10.2010
So könnte eine der Konsequenzen lauten, die sich aus den aktuell beobachtbaren Entwicklungen in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie ergeben.

Die Studie des Zentrums für Sozialforschung Halle für die Otto-Brenner-Stiftung zeigt auf, wie der gegenwärtig rasch erfolgende Umschlag von massivem Nachwuchsüberschuss zu zunehmender, wahrscheinlich lang anhaltender Fachkräfteknappheit auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt einen nachhaltigen Druck auf den Abbau der bisher großen Ost-West-Ungleichheit der Verdienste erzeugen wird.

Charakteristisch für Arbeitsmarkt und Beschäftigung in der ostdeutschen Industrie war seit der Mitte der 90er Jahre ein starkes Ungleichgewicht zulasten der Arbeitnehmer. Nach etwa anderthalb Jahrzehnten eines massiven Nachwuchsüberhangs bahnt sich gegenwärtig als Folge von Entwicklungen sowohl auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite jedoch ein Umschwung an, der rascher als in den alten Bundesländern zu einer ausgeprägten, verbreiteten Fachkräfteknappheit führen wird: Auf der Angebotsseite sinkt die Zahl der Schulabgänger von ca. 225.000 in 2001 auf ca. 120.000 in 2010. Sie nähert sich damit der Hälfte der Werte in den ersten Jahren des Jahrzehnts. Auf der Nachfrageseite nimmt im selben Zeitraum die Zahl der Erwerbstätigen, die in Rente gehen und deren Arbeitsplatz wieder besetzt werden muss, von ca. 25.000 auf ca. 100.000 erheblich zu.

Dieser Umschwung trifft sehr viele Betriebe weitgehend unvorbereitet und wird sie mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontieren. Sind doch für große Teile der ostdeutschen Wirtschaft eine für Industriebetriebe sehr ungewöhnliche geringe Größe und eine überwiegend sehr homogene Qualifikationsstruktur mit durchschnittlich mittlerem bis höherem Niveau kennzeichnend: Der Anteil an kleinen Betrieben mit 50 und weniger Beschäftigten an allen Betrieben lag in 2007 in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie bei knapp 40 Prozent; unter den westdeutschen Pendants belief er sich auf 23 Prozent. Innerhalb dieser Gruppe hatten die ostdeutschen Belegschaften einen Facharbeiter- und Fachangestelltenanteil von knapp 80 Prozent. In den alten Ländern lag dieser bei gut 70 Prozent. Der Anteil an An- und Ungelernten war dagegen in diesen Betrieben mit 21 Prozent fast doppelt so hoch wie in den ostdeutschen Kleinbetrieben.

Zudem hatte der bisherige Nachwuchsüberschuss starke Struktur prägende Wirkungen, die vor allem im Ost-West-Vergleich zutage treten. In den neuen Bundesländern sind sehr viele Betriebe in Strukturen und Verhaltensmuster eingebunden, die in der bisherigen Konstellation den betrieblichen Interessen entsprachen, die jedoch unter den geänderten Vorzeichen eine ausgeprägte Einengung ihres Handlungsspielraums bewirken dürften. Unter den Bedingungen eines hohen Nachwuchsüberschusses konnte sich z.B. die betriebliche Personalpolitik in erster Linie darauf richten, die vorhandene Belegschaft zu „verwalten“. Diese wurde zudem von Jahr zu Jahr älter: Während die Zahl der SV-pflichtig Beschäftigten unter 35 Jahren in der ostdeutschen Metall- und Elektrobranche von über 210.000 in 1998 auf ca. 160.000 in 2007 sank, stieg die Zahl der über 50jährigen von gut 95.000 auf über 130.000 Beschäftigte. Das hat zur Folge, dass die große Mehrheit der Betriebe bis heute keine Sachkompetenz zu einer Personalpolitik hat, deren Ziel es sein müsste, die demografische Dynamik zu bewältigen, den weitgehend blockierten Generationenaustausch wieder in Gang zu setzen und ihn für den Betrieb und sein Innovationsverhalten nutzbar zu machen.

Neben der relativ homogenen Qualifikationsstruktur der Belegschaften, der Betriebsgröße, dem Altern und der Altersstruktur der Arbeitnehmer wird dies am Niveau und der Differenzierung der Verdienste deutlich: In der Industrie der neuen Bundesländer liegt die Höhe des durchschnittlichen Brutto-Monats-Verdienst lediglich bei etwa zwei Drittel des westdeutschen Wertes. Die Ost-West-Differenz in den Verdiensten beträgt bei den An- und Ungelernten knapp 30 Prozent. Unter den Facharbeitern bzw. Fachangestellten liegt sie bei knapp 35 Prozent des Durchschnitts der vergleichbaren westdeutschen Beschäftigtengruppe. Auch ist die Streuung der Verdienste deutlich geringer. In Ostdeutschland sind die oberen Einkommensgruppen, relativ zu Westdeutschland betrachtet, schwach besetzt. Aber erst jetzt setzt sich in der Industrie die Erkenntnis schrittweise durch, dass ein Fortbestand dieses Verdienstniveaus mit einer unveränderten Differenzierung der Verdienste unter den Bedingungen erheblichen Fachkräftemangels nicht möglich ist. Kurzfristige Lösungen – wie konkurrenzfähige Angebote an Mitarbeiter anderer Unternehmen – würden jedoch z.B. die Gefahr einer „Verwilderung“ der Verdienstsstrukturen innerhalb betrieblicher Belegschaften wie der gesamten Branche verstärken. Mit Praktiken dieser Art würden viele Betriebe mangels einer klaren firmenstrategischen Konzeption aktiv dazu beitragen, das Fundament dessen zu zerstören, was bisher ihre wichtigsten Stärken waren.

Kontakt:
Prof. Dr. Burkart Lutz
Zentrum für Sozialforschung Halle
Tel.: (0345) 55 266 02
Mail: lutz@zsh.uni-halle.de

Ingo Wiekert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-halle.de

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