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Reisemedizin im Internet: Viel Information, wenig Beratung

27.11.2007
Wintereinbruch lässt Sonnenhungrige in den Süden ziehen. Doch eine Studie der Universität Hohenheim zeigt: Reisemedizinische Beratungen im Internet haben ihre Risiken und Nebenwirkungen.

Der online-Doc kann die persönliche Beratung beim Arzt nicht vollständig ersetzen. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Annette Schlegel nach der Analyse von über 100 Webseiten zum Thema Reisegesundheit, die die Ärztin und Journalistin am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim durchführte.

Vor allem Laien sollten sich demnach an Angeboten orientieren, die von staatlichen Einrichtungen oder Universitätskliniken per Link empfohlen würden. Wer sich über Gesundheitsrisiken, Impfschutz und Reisetipps informiere, solle vor allem darauf achten, ob die Angaben täglich aktualisiert, die Autoren ausreichend qualifiziert seien - und ob der Anbieter wirklich neutrale Interessen verfolge.

Fernreisen verbuchen wieder wachsendes Interesse: Im abgelaufenen Tourismusjahr verbuchte die Branche laut Deutschem Reiseverband ein Umsatzplus von sieben Prozent im Fernreise-Segment. Gleichzeitig boomt auch das Infoangebot im Internet - umso mehr, seit Krankenkassen die Kosten für die persönliche Reiseberatung beim Haus- oder Facharzt nicht mehr übernehmen.

Vor allem bei Fernreisen und Treckingtouren empfehlen Reise- und Tropenmediziner eine gründliche Beratung. Dies gilt erst recht für ältere Menschen, die zunehmend Langstreckenreisen unternehmen und bereits verschiedene Grunderkrankungen mitbringen. Arzt und Internet können sich bei der Beratung sinnvoll ergänzen, meint Dr. Schlegel, selbst Ärztin mit spezieller Qualifikation in Reisemedizinischer Gesundheitsberatung, die das Web-Angebot im Rahmen einer Studie am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft von Prof. Dr. Frank Brettschneider analysierte.

Beim Internet-Angebot unterscheidet die Expertin Information und Beratung. Informationen aus dem Internet können für die erste Orientierung über das Urlaubsland hilfreich sein. Beratung geht hingegen individuell auf den Patienten ein und berücksichtigt seine persönlichen Gesundheitsrisiken.

Forschungszentren und Unikliniken helfen beim ersten Überblick

Bei den Infoangeboten im Internet reicht die Bandbreite von globalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO und anerkannten Forschungszentren, wie dem Robert-Koch-Institut bis hin zu kommerziellen Angeboten oft unbekannter Anbieter.

Doch: "Vorsicht bei Letzteren", rät Dr. Schlegel nach ihrer Analyse. Oft sei unklar, wer hinter solchen Internet-Portalen stecke, was seine Quellen seien und wer die Autoren sind. Viele Angebote entpuppten sich als unvollständig oder nicht auf dem aktuellsten Stand: "Länderdaten sind oftmals veraltet oder Krankheitsbilder sind nur unzureichend dargestellt. Seriöse Angebote sollten außerdem aufzeigen, welche Interessen sie mit ihrer Seite verfolgen und welche Qualifikation ihre Autoren mitbringen".

Dr. Schlegel empfiehlt daher vor allem staatliche und universitäre Stellen ("sehr aktuell und sehr ausführlich"). Allerdings seien diese sehr fachspezifisch und für Laien oft unverständlich. "Viele arbeiten deshalb mit einem populärwissenschaftlichen Partner zusammen, auf dessen Seite sie weiter verlinken. Solche Angebote können dann in der Regel als seriös betrachtet werden", meint Schlegel.

Wichtig sei außerdem, nicht zu spät mit der Vorbereitung zu beginnen: "Viele Impfungen haben erst nach drei Impfungen über drei Monate ihre ganze Wirkung. Wer sich zu kurzfristig für eine Tropenreise entscheidet, hat oft nicht den vollen Schutz."

Individuelle Beratung ist dünn gesät

Individuellen Service fand Dr. Schlegel dagegen nur bei zwei Anbietern: am Institut für Tropenmedizin in Tübingen und bei der Tropen- und Reisemedizinischen Beratung Freiburg. Wer das Sitzen im Wartezimmer scheut, kann hier einen online-Fragebogen herunterladen, ausfüllen und einschicken. Für moderate Gebühren (15 bis 25 Euro) erhalten die Surfer die Auswertung per Post.

Was umständlich klingt, hat rechtliche Gründe: "Medizinische Beratung, die ausschließlich im Internet stattfindet, ist durch das Berufsgesetz verboten." Und spätestens zum Impftermin muss jeder Reisende sich doch noch selbst zum Arzt begeben.

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Frank Brettschneider, Universität Hohenheim, Fachgebiet Kommunikationswissenschaft, Tel.: 0711 459-24030, E-Mail: frank.brettschneider@uni-hohenheim.de, www.uni-hohenheim.de/komm!/
Dr. Annette Schlegel, privatärztliche Gemeinschaftspraxis Dres. Schlegel, Olgastraße 111, 70180 Stuttgart,

Tel.: 0711-91248555, Fax: 0711-91248556, E-Mail: schlegel@privataerzte-stuttgart.de, www.privataerzte-stuttgart.de

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.who.int
http://www.rki.de
http://www.medizin.uni-tuebingen.de/tropenmedizin/

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