Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geringqualifizierte unter Druck: Keine Chance auf Einfachjobs

06.12.2005


Institut Arbeit und Technik untersucht, wie Betriebe einfache Arbeitsplätze besetzen



Durch die hohe allgemeine Arbeitslosigkeit geraten gering qualifizierte Arbeitslose immer mehr unter Druck: Zum einen konkurrieren sie verstärkt mit qualifizierten Arbeitskräften, die aus der Not heraus auch Jobs unterhalb ihres Qualifikationsniveaus annehmen. Gut 45 % der so genannten einfachen Arbeitsplätze sind heute mit Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung besetzt. Zum anderen konkurrieren sie mit Personengruppen wie Schülern, Studierenden, Berufsrückkehrerinnen und bereits Beschäftigten, die einen Nebenjob suchen. Auf der Strecke bleiben Bewerber, die - wie viele Arbeitslose - auf einen Verdienst angewiesen sind, mit dem sie eigenständig ihre Existenz sichern können.



Das Institut Arbeit und Technik (IAT), Gelsenkirchen, hat im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) untersucht, wie zum Beispiel Pflegeeinrichtungen, Reinigungsfirmen, Hotels und Einzelhandelsunternehmen einfache Arbeitsplätze besetzen, und ist zu einigen überraschenden Resultaten gekommen. Häufig wird behauptet, Unternehmen hätten bei einfachen, niedrig bezahlten Arbeitsplätzen Probleme, diese zu besetzen. Erklärungen dafür, warum hier (Über)angebot und Nachfrage nach Arbeit offenkundig nicht zusammenfinden, setzen zumeist auf der Seite des Arbeitsangebots an: Demnach haben Arbeitslose wenig Interesse, solche Stellen anzunehmen, weil der erzielbare Verdienst das Niveau ihrer Arbeitslosen- oder Sozialhilfebezüge kaum übersteigt. Wenig ist hingegen über die Seite der Arbeitsnachfrage bekannt: Wie verfahren Unternehmen bei der Besetzung solcher Stellen und haben sie tatsächlich Probleme, geeignete Bewerber zu finden? Gibt es neben Motivationsproblemen auf Bewerberseite auch noch andere Faktoren, die eine Besetzung solcher Arbeitsplätze erschwert?

Wie das IAT-Forscherteam feststellte, gibt es durchaus Wachstumsbereiche für die Gruppe der gering Qualifizierten, etwa im Bereich der unternehmensnahen, haushalts- und personenbezogenen Dienstleistungen. Ein Bewerbermangel ist dabei aber offenbar nicht zu verspüren, im Gegenteil: Die befragten Unternehmen geben vielmehr an, mit einer ’Flut’ an Bewerbungen auch für einfache Stellen konfrontiert zu sein. "Auf diese ’Bewerberschwemme’ reagieren Betriebe mit einer deutlichen Einschränkung ihrer Suchwege, insbesondere indem sie solche Stellen nicht mehr der Arbeitsagentur melden, sondern Kontakte der eigenen Beschäftigten nutzen", stellt Dr. Karen Jaehrling fest. Damit verschlechtert sich die Chance von registrierten Arbeitslosen, die gar nicht mehr erfahren, dass eine Stelle zu besetzen ist.

Zwei weitere Ursachenbündel sind nach Erkenntnissen des Forscherteams für die vergleichsweise schlechten Arbeitsmarktchancen von gering Qualifizierten verantwortlich: Zum einen sind die Anforderungsprofile der Unternehmen auch für die meisten einfachen Tätigkeiten breiter und differenzierter, als oft unterstellt wird: Gefordert werden je nach Art der Tätigkeit körperliche Fitness und ein ansprechendes äußeres Erscheinungsbild, Schlüsselqualifikationen, Leistungsbereitschaft, gute Deutschkenntnisse, Fachkompetenzen, Berufserfahrung und nicht selten auch eine (ggf. fachfremde) Berufsausbildung. Selbst wenn ein Berufsabschluss nicht zwingend erforderlich ist, schätzen Personalchefs diese "Qualifikation auf Vorrat". Qualifizierte Bewerber werden zudem auch deswegen bevorzugt, weil eine abgeschlossene Berufsausbildung mangels anderer verlässlicher Auswahlkriterien als Signal für Eignung und Durchhaltevermögen dient.

Zum zweiten konkurrieren gering Qualifizierte verstärkt mit Personen, die einen Nebenjob suchen. Dies wird auch dadurch begünstigt, dass immer weniger Arbeitsplätze in den untersuchten Dienstleistungsbereichen als Vollzeitstellen angeboten werden. "Im Einzelhandel und im Hotelgewerbe ist inzwischen jeder 4. Arbeitsplatz ein Minijob, im Reinigungsgewerbe trifft das sogar auf die Hälfte der Arbeitsplätze zu", analysiert Thorsten Kalina. Eine Ursache hierfür liegt darin, dass sich Betriebe zunehmend bemühen, den Personaleinsatz möglichst punktgenau an Schwankungen des Arbeitsanfalls anzupassen. Auch die Reform der Minijobs scheint hier nicht ohne Einfluss geblieben zu sein. Eine eigenständige Existenzsicherung ist aber auf solchen Arbeitsplätzen nicht möglich.

Lösungsvorschläge wie beispielsweise Kombilohnmodelle, die allein auf der Seite des Arbeitsangebotes ansetzen, greifen zu kurz, so das Resümee der IAT-Arbeitsmarktexperten. Allgemein könnte ein Wachstum von Arbeitsplätzen im mittleren Qualifikationsbereich den Konkurrenzdruck auf ’einfachen’ Arbeitsplätzen abmildern. Als gezielte arbeitsmarktpolitische Maßnahme wird in dem Bericht die Notwendigkeit für die Arbeitsagenturen und JobCenter unterstrichen, sich neue Wege zu Betrieben zu erschließen, um häufiger an der Stellenvermittlung im Bereich der einfachen Tätigkeiten beteiligt zu werden.

Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) (Hrsg.) 2005: Stellenbesetzungsprozesse im Bereich "einfacher" Dienstleistungen. Abschlussbericht einer Studie des Institutes Arbeit und Technik (IAT) im Auftrag des BMWA. Dokumentation Nr. 550. Berlin.

Für weitere Fragen stehen
Ihnen zur Verfügung:
Dr. Karen Jaehrling
Durchwahl: 0209/1707-284
Thorsten Kalina
Durchwahl: 0209/1707-330
Achim Vanselow
Durchwahl: 0209/1707-185
Dr. Claudia Weinkopf
Durchwahl: 0209/1707-142

Pressereferentin
Claudia Braczko
Munscheidstraße 14
45886 Gelsenkirchen
Tel.: +49-209/1707-176
Fax: +49-209/1707-110
E-Mail: braczko@iatge.de

Claudia Braczko | idw
Weitere Informationen:
http://www.bmwi.de/Navigation/Service/bestellservice,did=79486.html
http://iat-info.iatge.de/aktuell/veroeff/2005/hieming01.pdf
http://www.iatge.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue internationale Studie: Immuntherapie für Kinder mit akuter Leukämie
13.07.2018 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

nachricht Sicherer Auto fahren ohne Grauen Star: Geringeres Unfallrisiko nach Linsenoperation
12.07.2018 | Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mister Raney bekommt Konkurrenz - Ein neuer Katalysator auf Nickel-Basis nutzt Nano-Strukturen

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

16.07.2018 | Physik Astronomie

Rostocker Forscher testen neue Generation von Offshore-Windenergie-Anlagen

16.07.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics