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Tauschen oder Kaufen? Neue Verbreitungswege für Musik über das Internet

29.06.2001


Eine sozialwissenschaftliche Studie zum Mitmachen
Neue Möglichkeiten der Verbreitung von Musik in Form von kopierten Audio-CDs und über das Internet stellen ein wenig erforschtes Gebiet dar. Wie verhalten sich die Nutzer von Musiktauschbörsen und -netzwerken und welche Einstellungsmuster sind verbreitet? Um diese Fragen zu untersuchen, führen Sonja Haug (Universität Leipzig) und Karsten Weber (Europa-Universität Frankfurt/Oder) eine breit angelegte Online-Befragung durch.

Eine sozialwissenschaftliche Studie zum Mitmachen

Dazu wurde ein Online-Fragebogen entworfen, in dem Nutzer von Musikangeboten im Netz Angaben zu ihrem Verhalten machen können.

Musiktauschbörsen wie Napster oder Gnutella sowie andere Filesharing-Seiten und auch WWW-Seiten laden zum freien Herunterladen von urheberrechtlich geschützten Titeln ein. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht stellt sich die Frage, wer aus welchen Gründen und in welchem Umfang überhaupt am Tausch teilnimmt. Ausgangsbasis der Untersuchung ist eine Studie von Eytan Adar und Bernardo A. Huberman. Hierbei zeigte sich, dass zumindest die Gnutella-Nutzer in erster Linie Dateien herunterladen und nur ein relativ geringer Nutzeranteil tatsächlich selbst Dateien zur Verfügung stellt. Dieses Nutzerverhalten stellt die von vielen Internetenthusiasten geäußerte These in Frage, dass das Internet ein allgemeines Geben und Nehmen befördern würde. Eher ist zu vermuten, dass sich die meisten Internetnutzer als Trittbrettfahrer und somit rationale Egoisten erweisen. Andererseits ist es, zumindest aus der Sicht von Vertretern der Theorie des rationalen Handelns, schon erstaunlich, dass überhaupt ein derartiges Angebot im Internet zustande kommt. Denn immerhin nehmen diejenigen, die zum Aufbau von Tauschbörsen beitragen, einige Mühen und Kosten auf sich, ohne eine direkte Gegenleistung zu erhalten. Dieses Verhalten widerspricht dem Handlungsmodell des Homo Oeconomicus, nach dem nur Handlungen ausgeführt werden, die sich auch auszahlen.

Im Prinzip stellen alle Möglichkeiten, im Internet kostenlos Musik herunterzuladen, ein öffentliches Gut dar. Öffentliche Güter zeichnen sich dadurch aus, dass niemand von der Nutzung ausgeschlossen werden kann. Theoretisch müsste, wie bei allen öffentlichen Gütern, ein hohes Interesse an der Nutzung einhergehen mit einem eher geringen Engagement. Aber lässt sich dieses Muster in der Realität der Internet-Nutzung beobachten? Saugen die Nutzer nur Musik, ohne im Gegenzug etwas anzubieten? Kaufen sie weiterhin Audio-CDs?

Um dieser Frage nachzugehen findet eine Online-Umfrage über Musiknutzung in den neuen Medien statt. Mit der Studie soll herausgefunden werden, welche Motive die Nutzer haben, insbesondere, was jemanden dazu motiviert, auf freiwilliger Basis und ohne direkte kommerzielle Interessen eigene Ressourcen, in diesem Fall MP3-Songs, für die Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Dazu wird zuerst der Bekanntheitsgrad von Tauschbörsen und anderen Musikangeboten im Netz erfragt, außerdem die Nutzungshäufigkeiten und Einstellungen zu solchen Angeboten. Es soll untersucht werden, inwiefern die Teilnahme an Tauschbörsen und Internet-Seiten mit dem Verhalten von Personen des Freundschaftsnetzwerks zusammenhängt. Auch sollen das Rechtsempfinden bezüglich derartiger Tauschvorgänge sowie das Vorhandensein bestimmter sozialer Normen (Reziprozitätsnorm) und moralischer Vorstellungen (Hacker-Ethik) und ihre Verhaltenswirksamkeit erfasst werden. Des Weiteren sollen die Voraussetzungen für den Tausch und die Beteiligung an Tauschbörsen erhoben werden, wie bspw. die Verfügbarkeit der technischen Ausstattung und der technischen Kenntnisse, d.h. die Fähigkeiten im Umgang mit MP3-Songs. Zum Vergleich mit herkömmlichen Nutzungsgewohnheiten wird der Kauf oder Tausch von Musik-CDs herangezogen.

Die Erhebungsphase der Studie läuft noch bis Ende Juli 2001. Das vorläufige Ergebnis der Studie soll im August vorliegen. Bisher wurden bereits über 3800 Fragebögen beantwortet. Weitere Informationen über den aktuellen Stand der Studie und den Online-Fragebogen finden Sie auf folgender WWW-Seite:

http://viadrina.euv-frankfurt-o.de/~w3pgka/extern/MP3-Umfrage/index.html

Kontakt:

Dr. Karsten Weber, (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder, Lehrstuhl für philosophische Grundlagen kulturwissenschaftlicher Analyse)


Tel. 0335-5534-247
E-Mail: kweber@euv-frankfurt-o.de

Dr. Sonja Haug (Universität Leipzig, Institut für Soziologie)
Tel. 0341-97-35661


E-Mail: haug@sozio.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw

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