Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Judenfeindliche Mobilisierungsversuche nehmen zu

29.06.2004


Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland



"Auffallend ist, dass seit 1990 - vor allem im Osten Deutschlands - antisemitische Verhaltensmuster auch in den jüngeren Altersgruppen zugenommen haben, obwohl sie bis 1989 zurückgegangen waren," resümiert der Berliner Politikwissenschaftler Lars Rensmann in seiner jüngst erschienen Studie "Demokratie und Judenbild - Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik". Rensmann stellt in seiner an der Freien Universität Berlin entstandenen Studie gängige Analysen über den schwindenden Antisemitismus anhand von fünf politischen Debatten der vergangenen Jahre in Frage. Alte Klischees gegen Juden würden stets dann wieder artikuliert, wenn es zuvor zu einem öffentlichen Tabubruch gekommen sei. Sowohl in der linken als auch in der rechten Szene gäbe es ein antisemitisches Potenzial, das verhältnismäßig einfach zu aktivieren sei.



Bei der Studie handelt es sich um die erste umfassende und systematische politikwissenschaftliche Untersuchung zum Problem des Antisemitismus in der Bundesrepublik nach der deutschen Einheit (1990-2002). Der Politikwissenschaftler untersucht dabei neben den Akteuren der extremen Rechten und Linken auch öffentliche und politische Kontroversen seit der Wende, wie die Goldhagen-Kontroverse 1996, die ’Walser-Debatte’ 1998, die Mahnmal- oder Entschädigungsdebatten im Deutschen Bundestag und die Affäre Möllemann im Bundestagswahlkampf 2002.

Bei den extremen Flügeln sowohl der Linken als auch der Rechten hat ein radikaler "Antizionismus" und ein modifizierter Antisemitismus an Bedeutung gewonnen. Sie sind zum Teil programmatisch ins Zentrum politischer Mobilisierungen gerückt, wie die Analyse von Medien, Gruppen und Parteien aus diesem Spektrum zeigt. "Dabei haben sich die extreme Rechte und die extreme Linke politisch-ideologisch deutlich angenähert", sagt der Politikwissenschaftler Rensmann. Diese Tendenz habe sich vor allem nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 verstärkt. "Auf beiden Seiten herrscht eine modernisierte Form des Antisemitismus und des ’Antizionismus’ und eine oft antijüdisch personifizierte Feindschaft gegen ’Globalisierung’ oder ’Globalismus’."

Lars Rensmann analysiert in seiner Studie insbesondere öffentliche Kommunikationsprozesse und politisch-kulturelle Umgangsweisen mit dem Problem des Antisemitismus, vor allem seitens der Medien sowie des politischen Systems und seiner Repräsentanten. Dabei kommt er zu einem Ergebnis, das sich nicht in eine lineare und widerspruchsfreie Entwicklungstendenz einfügen lässt. Er sagt: "Weder gibt es insgesamt einen dramatischen Anstieg antisemitischer Vorurteile in der Gesellschaft noch ist durch die öffentlichen Diskussionen über Antisemitismus und die NS-Vergangenheit eine stetig zunehmende Durcharbeitung von negativen Judenbildern oder eine Abnahme des Antisemitismus nachweisbar." Entscheidend sei im Rahmen der - notwendigen - öffentlich-politischen Kommunikationsprozesse nicht die Quantität der Auseinandersetzung mit der Geschichte und konventionellen Identitätsmustern oder Vorurteilen, sondern die Qualität, das "Wie". Problematische Auswirkungen hätten gegenüber der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit abwehrende politische Symboliken und Gesten (wie die politische Würdigung von Walsers Rede über die ’Moralkeule Auschwitz’), die Mobilisierung konventionellen Nationalstolzes und die teils erodierenden Grenzen hinsichtlich der Legitimität antijüdischer Äußerungen innerhalb der demokratischen Gesellschaft (wie der des damaligen FDP-Vizes Möllemann), während andererseits die Abwehrmechanismen des politischen Systems gegenüber extremistischen Akteuren und Gefahren weiterhin überwiegend einwandfrei funktionierten.

Von Felicitas von Aretin

Literatur:
Lars Rensmann, "Demokratie und Judenbild: Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland", Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2004.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Lars Rensmann, Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin, Tel.: 030 / 838-54986 oder -5462 E-Mail: rensmann@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Mobilfunkstrahlung kann die Gedächtnisleistung bei Jugendlichen beeinträchtigen
19.07.2018 | Swiss Tropical and Public Health Institute

nachricht Neue internationale Studie: Immuntherapie für Kinder mit akuter Leukämie
13.07.2018 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik

20.07.2018 | Physik Astronomie

Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics