Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lügendetektor "TrusterPro" als extrem unzuverlässig entlarvt

25.10.2002


Mainzer Forschungen belegen Unzulänglichkeit der Stimmstressanalyse mit "TrusterPro" - Software bereits bei Banken und Versicherungen im Einsatz



Eine zuverlässige Entdeckung von Lügen oder Lügnern ist mit Hilfe der Stimmstressanalyse durch den "TrusterPro" nicht möglich. Dies ergaben neue Studien der Abteilung Allgemeine Experimentelle Psychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Beim "TrusterPro" handelt es sich um ein computergestütztes System zur Aufdeckung von Lügen oder Täuschungen für professionelle Anwender. Das Computerprogramm wird von einer israelischen Firma hergestellt und weltweit, auch in Deutschland, zum Preis von rund 5.000 Dollar vertrieben. Es kommt zum Beispiel bei Banken und Versicherungen zum Einsatz, die etwa die Glaubwürdigkeit ihrer Kunden testen wollen. Wie die Mainzer Forscher nachgewiesen haben, ist die Trefferquote des Programms jedoch kaum besser als das Ergebnis beim Wurf einer Münze.



"Wir sind zumindest äußerst skeptisch", kommentiert Dr. Hans-Georg Rill die jüngsten Untersuchungsergebnisse, die das Forscherteam der Fachöffentlichkeit Ende September in Glasgow und Anfang Oktober in Washington vorgestellt hat. "Im Vergleich zu den klassischen Variablen wie Hautleitfähigkeit, Atmung und Herzschlag ist der Beitrag des TrusterPro zur Wahrheitsfindung nicht der Rede wert", so Rill. Die Untersuchungen von Rill und seinem Mitarbeiter Matthias Gamer erfolgten mit Hilfe des so genannten "Tatwissentests", der in der forensischen Psychophysiologie zum Aufdecken einer etwaigen Täterschaft eingesetzt wird: Verdächtige Personen müssen dabei Fragen zum Tatwissen beantworten und werden je nach Körperreaktion als schuldig oder unschuldig eingestuft.

Die Psychologen haben 60 männliche Probanden im Alter zwischen 19 und 56 Jahren untersucht. Die Hälfte sollte zum Schein in einem öffentlich zugänglichen Gebäude Geld und Kreditkarten stehlen. Die andere Hälfte der Teilnehmer hatte ebenfalls bestimmten Aufforderungen nachzukommen, besaß aber kein Detailwissen über den Diebstahl. Bei dem anschließenden Test ergaben Messungen der Hautleitfähigkeit, Atmung und Herzfrequenz eine Gesamttrefferquote von 95 Prozent. Bei den unschuldigen Personen wurden 97 Prozent korrekt identifiziert, d.h. nur eine Person von 30 wurde fälschlicherweise als schuldig eingestuft. Die Täter konnten zu 93 Prozent entlarvt werden.

Völlig anders dagegen fiel das Ergebnis bei der Stimmstressanalyse mit dem TrusterPro aus: Die Gesamttrefferquote von 57 Prozent liegt nur marginal über einem Ergebnis von 50 Prozent, welches durch rein zufällige Zuordnung der Probanden zur Gruppe der Täter bzw. Gruppe der Unschuldigen zu erwarten wäre. Das heißt, um Täter zu entlarven oder Unschuldige freizusprechen, könnten die Tester fast genauso gut eine Münze werfen. Der Unterschied zwischen den Ergebnissen bei den physiologischen Reaktionen, also Hautleitfähigkeit, Atmung und Herzfrequenz, einerseits und der Stimmstressanalyse durch TrusterPro andererseits ist jedenfalls eklatant.

Die Ergebnisse der interdisziplinären Mainzer Forschungsgruppe Forensische Psychophysiologie - unter der Leitung von Prof. Gerhard Vossel und in Kooperation mit der University of Edinburgh - decken sich mit zwei Studien aus den USA, die nach Darstellung von Rill ebenfalls "recht desillusionierende Befunde" erbracht haben. Dennoch, so der Psychologe, werde das Gerät etwa bei Sicherheitschecks auf Flughäfen angewandt und möglicherweise auch von der Polizei eingesetzt. "Der Glaube, dass der TrusterPro vom israelischen Geheimdienst entwickelt wurde, gibt ihm das entscheidende Flair und wiegt die Kunden in Sicherheit." Eine vermeintliche Sicherheit, wie die Mainzer Ergebnisse zeigen. Ob sich das Gerät unter realen Lebensbedingungen besser bewährt als in den Laborversuchen, sollen weitere Studien zeigen.

Kontakt und Informationen:
Dr. Hans-Georg Rill
Interdisziplinäre Forschungsgruppe Forensische Psychophysiologie
Tel. 06131/39-22795
Fax 06131/39-22480
E-Mail: rill@mail.uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.luegendetektion.de

Weitere Berichte zu: Hautleitfähigkeit Stimmstressanalyse TrusterPro

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Mikroplastik in Kosmetik
16.11.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Laterale Hemmung hält ähnliche Erinnerungen auseinander
02.11.2018 | Institute of Science and Technology Austria

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: InSight: Touchdown auf dem Mars

Am 26. November landet die NASA-Sonde InSight auf dem Mars. Erstmals wird sie die Stärke und Häufigkeit von Marsbeben messen.

Monatelanger Flug durchs All, flammender Abstieg durch die Reibungshitze der Atmosphäre und sanftes Aufsetzen auf der Oberfläche – siebenmal ist das Kunststück...

Im Focus: Weltweit erstmals Entstehung von chemischen Bindungen in Echtzeit beobachtet und simuliert

Einem Team von Physikern unter der Leitung von Prof. Dr. Wolf Gero Schmidt, Universität Paderborn, und Prof. Dr. Martin Wolf, Fritz-Haber-Institut Berlin, ist ein entscheidender Durchbruch gelungen: Sie haben weltweit zum ersten Mal und „in Echtzeit“ die Änderung der Elektronenstruktur während einer chemischen Reaktion beobachtet. Mithilfe umfangreicher Computersimulationen haben die Wissenschaftler die Ursachen und Mechanismen der Elektronenumverteilung aufgeklärt und visualisiert. Ihre Ergebnisse wurden nun in der renommierten, interdisziplinären Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht.

„Chemische Reaktionen sind durch die Bildung bzw. den Bruch chemischer Bindungen zwischen Atomen und den damit verbundenen Änderungen atomarer Abstände...

Im Focus: Rasende Elektronen unter Kontrolle

Die Elektronik zukünftig über Lichtwellen kontrollieren statt Spannungssignalen: Das ist das Ziel von Physikern weltweit. Der Vorteil: Elektromagnetische Wellen des Licht schwingen mit Petahertz-Frequenz. Damit könnten zukünftige Computer eine Million Mal schneller sein als die heutige Generation. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sind diesem Ziel nun einen Schritt nähergekommen: Ihnen ist es gelungen, Elektronen in Graphen mit ultrakurzen Laserpulsen präzise zu steuern.

Eine Stromregelung in der Elektronik, die millionenfach schneller ist als heutzutage: Davon träumen viele. Schließlich ist die Stromregelung eine der...

Im Focus: UNH scientists help provide first-ever views of elusive energy explosion

Researchers at the University of New Hampshire have captured a difficult-to-view singular event involving "magnetic reconnection"--the process by which sparse particles and energy around Earth collide producing a quick but mighty explosion--in the Earth's magnetotail, the magnetic environment that trails behind the planet.

Magnetic reconnection has remained a bit of a mystery to scientists. They know it exists and have documented the effects that the energy explosions can...

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Personalisierte Implantologie – 32. Kongress der DGI

19.11.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz diskutiert digitale Innovationen für die öffentliche Verwaltung

19.11.2018 | Veranstaltungen

Naturkonstanten als Hauptdarsteller

19.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Gen-Radiergummi: Neuer Behandlungsansatz bei chronischen Erkrankungen

19.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Mit maschinellen Lernverfahren Anomalien frühzeitig erkennen und Schäden vermeiden

19.11.2018 | Informationstechnologie

Neuer Stall ermöglicht innovative Forschung für tiergerechte Haltungssysteme

19.11.2018 | Agrar- Forstwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics