Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fairness im Fußball abhängig von intuitiven Prozessen

07.01.2008
Fairness oder Unfairness von Fußballspielern kann durch das sogenannte Gerechtigkeitsmotiv und durch Gerechtigkeitserfahrungen mit den Schiedsrichtern erklärt werden.

Andere Faktoren, zum Beispiel das Leistungsmotiv und die Tabellenposition, sind weniger entscheidend. Dies fanden Psychologen der Bereiche Pädagogik und Sport der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in einer gemeinsamen Studie heraus. Sie empfehlen, intuitive Prozesse stärker in die Schiedsrichter-Ausbildung zu integrieren. Ihre Ergebnisse sind in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Sportpsychologie nachzulesen.

"Fair ist mehr" heißt die Fair-Play-Aktion des Deutschen Fußball-Bundes. Faires Verhalten wird mit Preisen belohnt. Ausgezeichnet wurden zuletzt beispielsweise Torhüter, die gestanden, den Ball erst hinter der Linie abgewehrt zu haben, und Spieler, die - anders als dereinst Maradona - das eigene Handspiel dem Schiedsrichter anzeigten. Positive Beispiele, aber wohl auch eher seltene Fälle. "Für Sachsen-Anhalt lässt sich sagen: Die Zahl der Sportgerichtsverhandlungen wegen grob unsportlichen Verhaltens hat in den letzten fünf Jahren enorm zugenommen", berichtet Mario Herrmann.

Der 27-Jährige Merseburger, seit zehn Jahren beim SV Merseburg 99 Übungsleiter von Nachwuchsfußballern, fragte sich, wovon denn eigentlich faires Verhalten abhängt. Der Psychologie-Student schrieb an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) seine Diplomarbeit dazu, zusammen mit seinen Betreuern baute er die Erkenntnisse anschließend aus. Entstanden ist eine Publikation unter dem Titel "Fairness im Fußball", erschienen in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift für Sportpsychologie.

... mehr zu:
»Fairness »MLU »Sportpsychologie

"Wir konnten gemeinsam zeigen, dass die Theorie des Gerechtigkeitsmotivs, die beispielsweise im Schulbereich bereits etabliert ist, auch im Fußball angewandt werden kann", konstatiert Prof. Dr. Claudia Dalbert. "Menschen orientieren sich in ihrem Verhalten häufig an Maßstäben der Gerechtigkeit, sie leiden unter Ungerechtigkeiten, sie fordern Gerechtigkeit ein." Die entsprechenden Prozesse laufen im Gehirn auf einer expliziten und einer impliziten Ebene ab. "Einmal kann man sich vornehmen, gerecht zu handeln, es ist einem wichtig. Auf der anderen Seite gibt es unbewusste Prozesse, da regiert die Intuition. Entscheidend ist hiefür, ob sich jemand selbst gerecht behandelt fühlt." Prof. Dr. Oliver Stoll, Sportpsychologe an der MLU, sieht für seinen Forschungsbereich ganz neue Impulse, denn: "Unter diesem Aspekt hat das in der Sportpsychologie noch niemand bearbeitet."

117 Fußballspieler aus 14 Vereinen (Halle/Saalkreis/Merseburg) haben die halleschen Wissenschaftler befragt, von der Kreis- bis zur Verbandsliga. Die Aussagen, zu denen die Spieler sich äußerten, bezogen sich sowohl auf die Bereitschaft zu unfairen Aktionen wie Fouls und Schwalben als auch Handlungsberichte über Regelverstöße in der Vergangenheit. Eine Rolle spielte auch die Bereitschaft zu informeller Fairness, also fairen Gesten. Als objektiven Indikator zogen die Forscher die Statistik über die tatsächlichen, geahndeten Regelverstöße der betreffenden Spieler in der vorangegangenen Saison heran, indem sie ihre gelben, gelb-roten und roten Karten erfassten.

Es zeigte sich: Die Wahrscheinlichkeit vieler Karten war bei Fußballspielern mit einer hohen Bereitschaft zur Fairness genauso groß wie bei solchen mit einer geringen Bereitschaft zur Fairness. Das kommentiert Claudia Dalbert trocken: "Es ist eben nicht so, dass sich die Menschen, die sich fair verhalten wollen, das auch immer tun." Das entscheidende Ergebnis der Studie sieht Dalbert denn auch woanders. "Wir in der Gerechtigkeitspsychologie wissen: Die Rückmeldung über meinen eigenen Wert hat eine große Bedeutung für mein Gerechtigkeitserleben. Gerade in Zwangsgemeinschaften ist das wichtig, und um eine solche handelt es sich auf dem Fußballplatz. Dort stehen 22 Spieler, die sich fragen: Werden wir alle gleich behandelt? Ähnlich geht es Schülern in einer Klasse. Dort ist die entscheidende Person der Lehrer. Wir konnten nun zeigen: Zentraler Faktor für das Gerechtigkeitserleben im Fußball ist der Schiedsrichter." Die Einschätzung der Gerechtigkeit des Referees sei die einzige Variable, die alle Dimensionen der Fairness der Spieler erkläre und die auch mit der Anzahl der Karten in Verbindung stehe. Leistungsmotiv und Tabellenposition, zwei Faktoren, die auch erfasst wurden, seien hingegen wenig relevant.

"Dass ein Schiedsrichter gerecht handeln muss, das wird natürlich vorausgesetzt, auch vom Deutschen Fußball-Bund. Die Frage ist nur, ob er sich über die psychologischen Auswirkungen seines Handelns wirklich bewusst ist", sagt Oliver Stoll. "In der Schiedsrichter-Ausbildung wird bereits viel Psychologie vermittelt, dabei geht es aber vor allem um Stressbewältigung und das Regulieren von Emotionen auf dem Platz. Ich plädiere dafür, die Ausbildung um den Bereich der Gerechtigkeitswahrnehmung zu ergänzen. Denn deren zentrale Bedeutung haben wir herausgearbeitet."

Ob der Schiedsrichter eine objektiv richtige Entscheidung trifft, sei genauso wenig allein entscheidend wie die berechtigte schlechte Note, die ein Lehrer vergibt, ergänzt Claudia Dalbert. "In der Schule ist beispielsweise wichtig, wie der Lehrer seine Entscheidungen vermittelt." Im Sport, erklärt Oliver Stoll, "kommen natürlich noch ganz andere Aspekte hinzu. Es gibt Zuschauer, es gibt den Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsspiel. Es gibt Trainer, die von außen Einfluss nehmen. Kurzum: Wir haben ein paar Unbekannte in der Gleichung, die es im Schulsetting nicht gibt." Aber gerade darin liege nun die Herausforderung für weitere Forschungsprojekte.

Der frisch diplomierte Mario Herrmann kann sich vorstellen, die Herausforderung anzunehmen. "Zwar plane ich meine Promotion eher im Bereich Schulen, aber die Trainerposition würde ich zum Beispiel gern näher beleuchten, schließlich bin ich selbst Trainer. Übrigens einer, der immer zur Fairness aufruft. Leider dient der Fußball viel zu oft als Plattform, um den Frust herauszulassen, den man im Alltag ansammelt."

Dass es Fair-Play-Preise als Anreiz gibt, hat eben seinen Grund. Ob ein solcher Preis aber wirklich die erwünschte Vorbild-Wirkung zeitigt, erscheint den halleschen Forschern zumindest fraglich. "Mit dem Gedanken des verdienstvollen Fair-Play-Preises muss man sich natürlich erst einmal identifizieren", sagt Claudia Dalbert. "Nur wenn ich selbst finde, dass das wichtig ist, richte ich mich danach. Das ist so ähnlich wie mit Preisen für gute akademische Lehre."

Ansprechpartner:
Mario Herrmann
Tel.: 0177 5439186
E-Mail: herrmann_mario@t-online.de
Prof. Dr. Claudia Dalbert
Tel.: 0345 55 23811
E-Mail: claudia.dalbert@paedagogik.uni-halle.de
Prof. Dr. Oliver Stoll
Tel.: 0345 55 24440
E-Mail : oliver.stoll@sport.uni-halle.de

Carsten Heckmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-halle.de

Weitere Berichte zu: Fairness MLU Sportpsychologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Blinddarmentzündungen bei Kindern: Ultraschall als erstes Mittel zur exakten Diagnose
28.11.2019 | Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM)

nachricht Biologen der TU Dresden untersuchen Spermienqualität anhand ihres Stoffwechsels
28.11.2019 | Technische Universität Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das feine Gesicht der Antarktis

Eine neue Karte zeigt die unter dem Eis verborgenen Geländeformen so genau wie nie zuvor. Das erlaubt bessere Prognosen über die Zukunft der Gletscher und den Anstieg des Meeresspiegels

Wenn der Klimawandel die Gletscher der Antarktis immer rascher Richtung Meer fließen lässt, ist das keine gute Nachricht. Denn dadurch verlieren die gefrorenen...

Im Focus: Virenvermehrung in 3D

Vaccinia-Viren dienen als Impfstoff gegen menschliche Pockenerkrankungen und als Basis neuer Krebstherapien. Zwei Studien liefern jetzt faszinierende Einblicke in deren ungewöhnliche Vermehrungsstrategie auf atomarer Ebene.

Damit Viren sich vermehren können, benötigen sie in der Regel die Unterstützung der von ihnen befallenen Zellen. Nur in deren Zellkern finden sie die...

Im Focus: Virus multiplication in 3D

Vaccinia viruses serve as a vaccine against human smallpox and as the basis of new cancer therapies. Two studies now provide fascinating insights into their unusual propagation strategy at the atomic level.

For viruses to multiply, they usually need the support of the cells they infect. In many cases, only in their host’s nucleus can they find the machines,...

Im Focus: Cheers! Maxwell's electromagnetism extended to smaller scales

More than one hundred and fifty years have passed since the publication of James Clerk Maxwell's "A Dynamical Theory of the Electromagnetic Field" (1865). What would our lives be without this publication?

It is difficult to imagine, as this treatise revolutionized our fundamental understanding of electric fields, magnetic fields, and light. The twenty original...

Im Focus: Hochgeladenes Ion bahnt den Weg zu neuer Physik

In einer experimentell-theoretischen Gemeinschaftsarbeit hat am Heidelberger MPI für Kernphysik ein internationales Physiker-Team erstmals eine Orbitalkreuzung im hochgeladenen Ion Pr9+ nachgewiesen. Mittels einer Elektronenstrahl-Ionenfalle haben sie optische Spektren aufgenommen und anhand von Atomstrukturrechnungen analysiert. Ein hierfür erwarteter Übergang von nHz-Breite wurde identifiziert und seine Energie mit hoher Präzision bestimmt. Die Theorie sagt für diese „Uhrenlinie“ eine sehr große Empfindlichkeit auf neue Physik und zugleich eine extrem geringe Anfälligkeit gegenüber externen Störungen voraus, was sie zu einem einzigartigen Kandidaten zukünftiger Präzisionsstudien macht.

Laserspektroskopie neutraler Atome und einfach geladener Ionen hat während der vergangenen Jahrzehnte Dank einer Serie technologischer Fortschritte eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Analyse internationaler Finanzmärkte

10.12.2019 | Veranstaltungen

QURATOR 2020 – weltweit erste Konferenz für Kuratierungstechnologien

04.12.2019 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Arbeit

03.12.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Titin in Echtzeit verfolgen

13.12.2019 | Biowissenschaften Chemie

LogiMAT 2020: Automatisierungslösungen für die Logistik

13.12.2019 | Messenachrichten

Das feine Gesicht der Antarktis

13.12.2019 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics